Wie sich Ursula Wyss durch die Niederlage lächelte

Gefasst, lächelnd und ohne Bitterkeit stellte sich Ursula Wyss am Sonntagnachmittag der schmerzhaftesten Niederlage ihrer politischen Karriere: Sie sei bereit, ohne Wenn und Aber mit dem neuen Stadtpräsidenten Alec von Graffenried zusammenzuarbeiten.

So reagierte Ursula Wyss auf ihre Wahlniederlage. Video: Claudia Salzmann
Jürg Steiner@Guegi

Der Geräuschpegel ist normalerweise hoch, wenn – wie gestern Nachmittag kurz nach 14 Uhr im Berner Rathaus – Politikerinnen und Poli­tiker mit ihrer Entourage zusammenstehen. Doch nachdem Stadtschreiber Jürg Wichtermann den spektakulär klaren Sieg von Alec von Graffenried (GFL) verkündet hatte, blieb es einen unnatürlich langen Augenblick ganz still. Niemand wagte auch nur zu atmen.

Es war, als hätten sich einen Moment lang alle ausgemalt, wie es in der Seele von Ursula Wyss nun aussehen müsste. Sie, Profipolitikerin mit imposantem Leistungsausweis, Kandidatin der mit Abstand grössten Partei der Stadt, hatte gegen den als Exe­kutivpolitiker unerfahrenen von Graffenried nach Strich und Faden verloren. Keinen einzigen Stadtteil konnte sie für sich entscheiden.

Es war kein politischer Wahlkampf gewesen in den letzten sechs Wochen, weil es zwischen «die Stapi» Wyss und «dy Stapi» von Graffenried kaum politische Differenzen gibt. Es war ein Persönlichkeitswahlkampf, und was Wyss einsteckte, war: eine krachende, schmerzhafte persönliche Niederlage.

Man stellte sich eine innerlich verwundete Ursula Wyss vor, vielleicht den Tränen nahe. Aber nur Sekunden, nachdem das Verdikt der Stimmbürger bekannt geworden war, präsentierte sie sich der Öffentlichkeit in einer Verfassung, die man kaum für möglich hielt.

Während von ­Graffenried mit einem Blumenstrauss im Arm, belagert von Fotografen, mit geröteten Wangen um Fassung rang, erklärte Wyss bereits abgeklärt und gelegentlich fast heiter ihr Scheitern, das sie indessen nie als Scheitern bezeichnete.

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Ab und zu schnappte sie sich bei ihrem Lebenspartner Thomas Christen, der Wyss’ atemlosen Medienmarathon in stoischer Gelassenheit begleitete, die Mineralwasserflasche, um sich kurz zu erfrischen.

Und dann fuhr sie weiter damit, Positives hervorzuheben: Sie sei sehr erfreut über die hohe Stimmbeteiligung, sagte sie etwa, weil das zeige, dass das Stapi-Duell die Bevölkerung interessiert habe – obschon exakt die hohe Stimmbeteiligung eher von Graffenried in die Karten gespielt hatte.

Man spürte, dass sich Ursula Wyss mit der Möglichkeit der Niederlage ausgiebig befasst hatte: «Das ist ja klar, bei dieser Ausgangslage.» Von Graffenried sei, als Sieger des ersten Wahlgangs, als Favorit in den zweiten Wahlgang gestartet, argumentierte Wyss, und wer bereit sei, in einen solchen Wahlkampf zu gehen, müsse sich bewusst sein: Es gibt Sieger und Verlierer.

«Natürlich», sagte Wyss, «ich wäre sehr gerne Stadtpräsidentin geworden. Jetzt ist es anders gekommen, und ich setze mit der genau gleichen Energie meine Arbeit als Gemeinderätin fort.»

Ist es insgeheim sogar eine Erleichterung, das kräfteraubende Amt im Erlacherhof nicht übernehmen zu müssen? «Politisch sicher nicht», antwortete Ursula Wyss, «aber persönlich wohl schon.» Es werde zweifellos einfacher, ihren anspruchsvollen Familienalltag wie bisher organisieren zu können und nicht auf die Stapi-Belastung umstellen zu müssen.

Im monatelangen, mitunter emotionalen Wahlkampf drangen gehässige Untertöne an die Oberfläche, und Wyss hatte, als sie bekannt gab, zum zweiten Wahlgang anzutreten, auch deutlich gemacht, wie sehr sie die ­verdeckten Angriffe persönlich verletzt hatten. Sie fühlte sich ungerecht dargestellt, als überehrgeizige Karrieristin mit Lebensziel Stadtpräsidium.

Sie musste sich damit abfinden, dass der Wahlkampf darauf hinauslief, die linke Frau an der Spitze der nach links gerückten Stadtregierung zu verhindern. Ursula Wyss erklärte, sie werde ab heute ­Montag mit Stapi Alec von Graffenried eng zusammenarbeiten, etwas anderes verbiete ihr ihre Professionalität. Ob Wunden aus diesem Wahlkampf zurückblieben, das wisse sie nicht. Aber was sicher sei: «Ich bin wirklich nicht nachtragend.»

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