Wackers Lausbub hat sein Lächeln wieder

Anfang letzten Jahres war unklar, ob der damals an einem Schleudertrauma leidende Nicolas Raemy je wieder würde spielen können. Nun ist der Wacker-Thun-Akteur eine der dominanten Figuren in der Liga.

Verschmitztes Lächeln: Der Luzerner während eines Interviews 2018. Foto: Manuel Zingg

Verschmitztes Lächeln: Der Luzerner während eines Interviews 2018. Foto: Manuel Zingg

Adrian Horn

Die Mitstreiter feiern, und Nicolas Raemy weint. Es ist Mitte Mai 2018, Wacker schlug Pfadi Winterthur eben 32:23; es war eine formidable Vorstellung, mit der die Thuner im Playoff-Final 2:1 in Führung gingen, bevor sie drei Tage später Meister werden sollten.

Einen grossen Anteil am Sieg hatte der Linkshänder, der fünf Treffer erzielte und viele weitere vorbereitete. Während die Kollegen also jubeln, sitzt der Luzerner auf einem Holzstuhl, er schaut zu Boden, schüttelt den Kopf, wischt sich die Freudentränen aus dem Gesicht. «Es ist unglaublich schön, dass ich das erleben darf», sagt er später.

Drei Monate davor war der Aufbauer nach eineinhalbjähriger Pause ins Wettkampfgeschehen zurückgekehrt. Im Spätsommer 2016 hatte er im Heimspiel gegen Basel ein Schleudertrauma erlitten, bei einem Torerfolg war er mit dem Keeper zusammengestossen und auf den Hinterkopf gefallen. Müdigkeit und Kopfschmerzen plagten den Nationalspieler fortwährend, es fehlte die Kraft dazu, im Grunde alltägliche Dinge zu tun.

Bejubelt einen Treffer im letztjährigen Playoff-Final: Nicolas Raemy. Foto: Christian Pfander

Die Reise in die Innerschweizer Heimat war in gewissen Phasen unmöglich, die Vorlesungen an der Universität besuchte der Student der Sportwissenschaften vorübergehend bloss punktuell. Das Comeback verzögerte sich, und spätestens als sich sein Ausfall jährte, hatten viele Beobachter den Glauben daran verloren, dass der Rückraumakteur dereinst wieder würde mittun können.

Es ist Mittwochnachmittag, die Rückkehr liegt zwölf Monate zurück, die Sonne scheint, und Raemy sagt: «Ich bin glücklich. Alles läuft perfekt.»

Es gibt Momente, da schmerzt der Kopf wieder. Der Luzerner spricht von einem Herantasten, vom steten Ausprobieren, was drinliege. Der letzte Flug habe ihm keine Probleme bereitet, hält er fest. Er hat ein Gefühl dafür entwickelt, was er seinem Körper zumuten darf. Die Länderspiele im Juni letzten Jahres liess er aus, was auch eine Vorsichtsmassnahme war: Die Playoff-Partien hatten eine Menge Energie gekostet. Das Comeback in der Nationalmannschaft feierte er Anfang Jahr. Raemy glich die Begegnung mit WM-Teilnehmer Japan in der Schlussminute aus.

Die Rhythmuswechsel und die Gitarre

Der Linkshänder ist längst wieder so stark, wie er es vor dem Ausfall war. Neben dem Schaffhauser Gabor Csaszar und dem St. Galler Bo Spellerberg ist er die dominante Figur in der Liga. Wie gut sich sein Schützling präsentiert, erstaunt Coach Martin Rubin nur bedingt. «Er ist aussergewöhnlich talentiert, einer der begabtesten Handballer, die ich je trainiert habe.» Raemy verfüge über ein vorzügliches Spielverständnis, über einen exzellenten Wurf und über die Gabe, die Gegner mit Rhythmuswechseln zu übertölpeln.

Der 26-Jährige verbringt die Freizeit vorzugsweise in der Natur. Foto: Patric Spahni

Der 26-Jährige fällt auf dem Feld gleich auf. Er lächelt immerzu, macht mitunter verrückte Dinge, erzielt oft ausgesprochen sehenswerte Tore. Als die Thuner im Sommer Bundesligaclub Wetzlar bezwangen, sagte dessen Coach Kai Wandschneider: «Den Fünfer würde ich am liebsten gleich verpflichten.» Der Fünfer – das war Raemy.

Als Gambler bezeichnet Rubin den Ausnahmekönner. «Er liebt es, auf dem Platz zu stehen. Handball ist für ihn ein Spiel – etwas, das Spass macht.» Akzente setze sein Akteur auf dem Feld und eher nicht im Kraftraum, wo andere öfter anzutreffen seien. Und Raemy sei zwar sehr seriös und arbeite sehr wohl profes­sionell, er habe in den letzten Jahren die Bussenrangliste aber angeführt.

«Er war da ein grosszügiger Sponsor der Mannschaftskasse», erzählt der Coach schmunzelnd. Er sagt: «Der grösste Fehler, den ich machen könnte, ist, ihn in ein taktisches Korsett zu zwängen.»

Der Kreativkopf schätzt die Freiheiten, die ihm im Berner Oberland gewährt werden. «Hier darf ich sein, wie ich wirklich bin. Man will mich nicht ändern.»

Der Luzerner ist eine bemerkenswerte Figur, vielschichtig und, nun ja, anders eben. «Alternativ sein» ist gemäss Steckbrief genauso ein Hobby wie das Fischen und das Durchstöbern der Brockenstube. Einen Wohnwagen restauriert er gerade, ein kleines Motorboot hat er mit dem Namen des Clubs versehen. Er spielt Gitarre und tritt bei Teamevents als DJ auf. Sein Horizont reicht nicht bloss bis zum Ende des Handballfeldes.

Raemy sagt, er störe sich mitunter am Bild, das einige von ihm hätten. «Viele denken, ich würde einfach den Platz betreten und dann gehe alles von selbst.» Die aktuellen Darbietungen seien das Ergebnis davon, dass er durchgehalten, sich durchgebissen habe. Der Künstler definiert sich nun auch als Arbeiter.

Wo er inzwischen spielen würde, wenn der Ausfall nicht gewesen wäre – das hat er sich nie gefragt. «Die Pause hat es nun mal gegeben. Sie ist ein Teil von mir, gehört zu meiner Geschichte.» Raemy lächelt, und er wiederholt, was er eingangs Gespräch gesagt hat: «Ich bin glücklich. Alles läuft perfekt.»

Berner Zeitung

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