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Kolumne von Milo RauVon Ödipus lernen, Corona zu verstehen

Warum ein über 2000 Jahre altes Werk der Weltliteratur die beste Allegorie auf die aktuelle Krise ist.

Gemälde «Ödipus auf Kolonos» von Fulchran-Jean Harriet, 1798
Gemälde «Ödipus auf Kolonos» von Fulchran-Jean Harriet, 1798

Vor gut einem Monat schrieb ich an dieser Stelle wenig einfallsreich, die meistdiskutierten Texte des Frühjahrs würden «Die Pest» von Camus und «Il Decamerone» von Boccaccio sein. So kam es, aber der älteste und beunruhigendste Pest-Text der abendländischen Literatur wurde bisher übergangen: «König Ödipus» von Sophokles. Vermutlich, weil er so düster ist. Denn während Camus eine Parabel der Solidarität geschrieben hat und auch im «Decamerone» das adlige Personal am Ende reumütig ins verseuchte Florenz zurückkehrt, ist «König Ödipus» eine unverdünnt pessimistische Allegorie des zivilisatorischen Versagens.

Worum geht es? Als in Theben die Pest ausbricht, ruft König Ödipus seine engsten Berater zusammen: Kundschafter, seine Frau Iokaste, ihren Bruder Kreon, den Seher Teiresias. Nach und nach muss er erfahren, dass er selbst Ursache der Krankheit ist. Denn er hat seinen Vater, den ehemaligen König, erschlagen; Iokaste aber ist seine Mutter. Die antiken Zuschauer kannten den Mythos, auch wir kennen ihn spätestens seit Sigmund Freund, interessant ist aber, wie Ödipus auf die schrittweise Aufdeckung reagiert: zuerst mit Misstrauen, dann mit Verdrängung, dann mit Wut und schliesslich mit Selbsthass. «König Ödipus» ist eine Pathologie der Negation.

Der historische Text liest sich wie eine Mitschrift der Tweets von Trump und Bolsonaro

Natürlich liest sich das, drei Tage nachdem Jair Bolsonaro seinen Gesundheitsminister entlassen und fünf Tage nachdem Donald Trump die Zahlungen an die WHO eingestellt hat, wie eine Mitschrift ihrer Tweets: als könnte man ein Unglück abwenden, indem man die, die es bekämpfen, der Lüge bezichtigt. Doch Ödipus ist kein irrer Populist. Er ist ein äusserst rationaler Herrscher mit den besten Absichten. Und gerade weil er gern gut wäre, kann er nicht akzeptieren, dass seine Herrschaft in der Wurzel obszön ist.

Denn «Ödipus» heisst übersetzt: «der, der alles weiss». Und von der ersten Zeile der Tragödie an wird ihm immer wieder erklärt, was er eigentlich schon längst verstanden hat: seine Schuld an dem, was er als unverdientes Unglück erlebt. Und hier wird Sophokles’ Stück zur Allegorie. Denn auch wir haben längst begriffen, dass Corona nicht ein «absurdes» Geschehnis ist wie die Pest bei Camus, kein unverdienter «Krieg» der Viren gegen die Menschheit, wie es unsere Regierungschefs erklären – sondern der Payoff einer zerstörerischen Lebensweise. «Am schmerzlichsten aber sind jene Qualen, die man frei sich selbst erschuf», wie es bei Sophokles heisst.

Und das Ende? Ödipus, Moralist bis zum Schluss, blendet sich und verlässt die Stadt. Doch damit geht es bei Sophokles erst los: Der König mag mit der Vergangenheit durch sein, doch die Vergangenheit nicht mit ihm. Theben versinkt im Bürgerkrieg. Und auch für uns wird es im Herbst nicht vorbei sein. Was wir aktuell erleben, ist bloss die Generalprobe zur Klimakrise. Und es scheint, dass wir wie Ödipus nicht die Lösung sind, was auch immer wir tun – sondern das Problem.