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Leitartikel zum VaterschaftsurlaubVon diesem Ja hängt viel ab

Der Vaterschaftsurlaub kommt zu spät und ist zu kurz. Warum wir am 27. September dennoch Ja stimmen müssen.

Wenn Väter sich in der Kinderbetreuung stärker engagieren, sind Mütter vermehrt erwerbstätig.
Wenn Väter sich in der Kinderbetreuung stärker engagieren, sind Mütter vermehrt erwerbstätig.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Gegner sprechen von Gratisferien. Unglaublich. Nur wer nie kleine Kinder oder andere Schutzbedürftige betreut hat, kann diese Aufgabe mit Nichtstun vergleichen. Sie kann beglückend sein, aber auch enorm anstrengend. Für Mütter ebenso wie für Väter.

Es ist deshalb überflüssig, danach zu fragen, ob Väter überhaupt eine Baby-Auszeit wollen oder ob sie nach dem gesetzlich gewährten Tag lieber wieder zur Arbeit gehen. Die Mütter wurden auch nie danach gefragt. Kinderbetreuung ist die natürliche Aufgabe beider Eltern. Genauso wie auch die Erwerbsarbeit, also der materielle Unterhalt der Kinder, die natürliche Aufgabe beider Elternteile sein muss. Leider sind wir davon noch weit entfernt.

Es ist überflüssig, die Väter zu fragen, ob sie eine Baby-Auszeit wollen. Die Mütter wurden auch nie gefragt.

Der Vaterschaftsurlaub ist kein Geschenk an die Väter. Sondern ein Geschenk an die ganze Gesellschaft. Denn wenn Väter sich in der Kinderbetreuung stärker engagieren, sind Mütter vermehrt erwerbstätig. Dann sinkt die Abhängigkeit zwischen Mann und Frau, das Armutsrisiko bei Trennungen ebenso.

Nach Ansicht der Gegner ist der Vaterschaftsurlaub nicht nachhaltig. Das seien arme Kinder, die ihre Väter nur in den ersten Lebenswochen um sich hätten, sagen sie. Doch sie irren sich. Erstens könnte der Vaterschaftsurlaub in der Schweiz über eine längere Zeitdauer bezogen werden, beispielsweise durch eine vorübergehende Pensumsreduktion um 20 Prozent. Zweitens wirkt sich die Präsenzzeit gleich nach der Geburt erwiesenermassen langfristig positiv auf das väterliche Engagement aus.

Das zeigen Untersuchungen in anderen Ländern. Etwa in Norwegen, wo eine Studie die Wirkung der um die Jahrtausendwende eingeführten «Daddy Quota» untersuchte, einer vierwöchigen für Väter reservierten Elternzeit. Die Studie zeigt: Eltern, die kurz nach der Einführung ein Kind bekamen, stritten sich Jahre später deutlich weniger wegen der Haushaltspflichten und waren motivierter, die unbezahlte Arbeit egalitär aufzuteilen, als Eltern von Kindern, die noch vor der Daddy Quota zur Welt kamen.

Verfassungswidrige Ungleichbehandlung

Mit einem Plädoyer für den Vaterschaftsurlaub rennt man heute vielerorts ohnehin offene Türen ein. Dessen Notwendigkeit ist in breiten Bevölkerungskreisen anerkannt. Deshalb bieten viele Firmen ihn freiwillig an und hat das Parlament die zwei Wochen grossmehrheitlich angenommen. Doch der Vaterschaftsurlaub, über den wir am 27. September abstimmen, kommt zu spät und ist zu kurz.

Zum ersten Punkt: Besser spät als nie. Zum zweiten: Die körperliche Regeneration der Mütter nach der Geburt dauert im Schnitt sechs bis acht Wochen. Darüber hinaus haben Mütter heute sechs bis acht Wochen Auszeit, Väter nichts und bei einem Ja künftig zwei Wochen. Das ist eine eklatante Ungleichbehandlung und ein Verstoss gegen die Bundesverfassung, die vorschreibt, dass niemand wegen seines Geschlechts von Gesetzes wegen benachteiligt werden darf. Es braucht einen gleich langen Urlaub für Väter und Mütter. Mindestens die Zeit, die über die Regenerationswochen hinausgeht, muss gleich lange dauern. Nur ein paritätischer Urlaub schafft gleiche Startchancen für Männer und Frauen in Beruf und Familie.

Erst am Abend des Abstimmungssonntags wissen wir, wie die Schweizer Stimmberechtigten zum Vaterschaftsurlaub stehen.

Auch wenn Elternzeitbefürworter nun Lust auf ein Protest-Nein haben – das Ja am 27. September ist nötig und wichtig. Denn es handelt sich um das erste verlässliche Votum zum Vaterschaftsurlaub. Bislang gibt es nur Umfragen, die auf eine grosse Zustimmung hindeuten. Doch erst am Abend des Abstimmungssonntags wissen wir, wie die Schweizer Stimmberechtigten zum Vaterschaftsurlaub stehen. Vom Resultat werden weitergehende politische Schritte abhängen. Ein wichtiger Gradmesser wird auch die Abstimmung über die kantonale Volksinitiative der Zürcher SP sein, die einen paritätischen Urlaub von je achtzehn Wochen fordert. Sie wurde im Januar eingereicht und kommt in den nächsten Jahren zur Abstimmung.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist ein langfristiges Projekt, das auf mehreren Ebenen vorangetrieben werden muss. Es genügt nicht, mit Lohnkontrollen und Geschlechterquoten für Führungsgremien die Erwerbs- und Karrieremöglichkeiten von Frauen zu fördern. Gleichzeitig müssen auch die Chancen der Männer, sich in der Familie zu engagieren, verbessert werden. Beides Hand in Hand. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub sind ein erster, kleiner, aber wichtiger Schritt.