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300 Jahre Schloss JegenstorfVom Schiessen und Nähen

Die Jubiläumsausstellung im Schloss Jegenstorf gewährt Einblicke in eine Welt aus vergangener Zeit.

Ein Revolverkoffer – Rivalen in Liebesdingen duellierten sich einst um ihre Angebeteten.
Ein Revolverkoffer – Rivalen in Liebesdingen duellierten sich einst um ihre Angebeteten.
Foto: Stiftung Schloss Jegenstorf

Es ist ein wenig wie bei einer Schatzsuche: In der Ausstellung «300 Jahre – 30 Objekte. Schätze
und Trouvaillen der Sammlung» sind die meist unter Vitrinen geschützten Objekte im ganzen Schloss verteilt. Sie erzählen von einem vergangenen Lebensstil, jenem des Ancien Régime und seiner Folgejahre.

«Der Parcours ist nicht chronologisch, sondern nach ästhetischen und thematischen Kriterien gestaltet», verrät Murielle Schlup, Museumsleiterin Schloss Jegenstorf und Projektleiterin des Jubiläums «300 Jahre Barockschloss».

Der Bau des Jegenstorfer Anwesens geht auf die Zeit um 1200 zurück. Im Jahr 1720 wurde die Burg zum heutigen Barockschloss mit seinem nahezu symmetrischen Grundriss umgebaut. Es war Albrecht Friedrich von Erlach (1696–1788), der dem Schloss sein neues Antlitz verpasste. Auf diesen bedeutenden Besitzer verweist das erste Objekt des Rundgangs: Es ist der Kaufbrief, der die Übergabe von Samuel von Wattenwyl an von Erlach besiegelte . Der erst 24 Jahre alte von Erlach kaufte das Schloss samt Herrschaft für 100’000 Pfund, wie man auf der beiliegenden Etikette erfährt.

Blick auf das Schloss Jegenstorf und seinen Schlossgarten.
Blick auf das Schloss Jegenstorf und seinen Schlossgarten.
Foto: Adrian Moser

Im Schlossinnern fallen edle Kommoden aus der Berner Werkstatt Funk auf, Objekte des Ebenisten Hopfengärtner und Gemälde. Ein Zepter ist ebenfalls Teil der Ausstellung. Man kann das Symbol der Macht auf zahlreichen Porträts von Schultheissen wiederfinden. Frauen besassen andere Statusobjekte: Fächer, Nähkästchen oder eine Bettpfanne, die von den Dienstboten, einige Minuten bevor Madame zu Bett ging, mit glühender Holzkohle gefüllt wurde, um die Bettlaken zu wärmen.

Die Tabakdose zeigt die Darstellung «Ei des Kolumbus».
Die Tabakdose zeigt die Darstellung «Ei des Kolumbus».
Foto: Stiftung Schloss Jegenstorf

Europa wollte Porzellan

Auch gegessen wurde mit Pomp: Auf einer prächtig gedeckten Tafel steht ein Porzellanfigürchen, das seinerseits an einem Tischchen sitzt. Die Figur stammt aus einer Serie, welche die fünf Sinne versinnbildlicht, und repräsentiert den Geschmackssinn.

«Ganz Europa war von chinesischem Porzellan begeistert», führt Jasmin Pfister, kuratorische Assistentin, aus. Es habe viele Versuche gegeben, das reine Weiss und die Finesse des chinesischen Porzellans auch in Europa zu erreichen. Gelingen sollte es der Manufaktur Meissen – von ihr stammt die ganze Figurenserie, die als Tafelaufsatz diente.

Von Genusssucht und Vergnügen erzählen Pfeifen und Tabakdosen, denen man auf dem Rundgang begegnet. Als Tabakbehälter diente höchstwahrscheinlich auch ein aus Grindelwalder Marmor gefertigtes Objekt in Form einer Kommode. In reduziertem Massstab angefertigte Möbel waren en vogue. Vom Geschmack am Morbiden zeugt hingegen eine dreiteilige Pfeife, auf deren Kopf aus Porzellan ein aufgemalter Totenkopf mit dem Mahnspruch «Memento Mori» – Gedenke des Todes – prangt.

Schatulle voller Geheimnisse

Viel zu erzählen hat auch das aufgeschlagene Nähkästchen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das wohl aus Paris importiert wurde. Damen höheren Standes hatten ein solches Accessoire und trafen sich mit anderen Bessergestellten zum gemeinsamen Nähen und Plaudern. Der Ausdruck «Aus dem Nähkästchen plaudern» verweist nicht nur auf die Klatschgespräche, die in diesen Zirkeln geführt wurden, sondern auch auf Geheimes wie Liebesbriefe oder Tagebücher, die in den Nähkästchen aufbewahrt wurden.

Welche geheimen Briefe wohl in diesem Nähkästchen aufbewahrt wurden?
Welche geheimen Briefe wohl in diesem Nähkästchen aufbewahrt wurden?
Foto: Stiftung Schloss Jegenstorf

«Der kleine Kristallflacon diente wohl als Riechsalzbehälter, falls eine Ohnmacht drohte», erklärt Murielle Schlup. Und was drohte den Männern, wenn Amors Pfeil den falschen traf? Ein Duell natürlich. Und zwar in Form eines fairen Zweikampfes zu früher Morgenstunde an einem abgelegenen Ort.

In Bern waren solche Schusswechsel seit 1651 verboten – doch ein Koffer mit Duellpistolen blieb als martialisches Statussymbol beliebt. Einem solchen Exemplar wird eine Textpassage des Berner Mundart-Autors Rudolf von Tavel gegenübergestellt. Tavel beschreibt in seiner Erzählung «D’Haselmuus» (1922) ein Duell zweier um die gleiche Dame buhlender Rivalen. Eine Stimme unterbricht die beiden Kontrahenten: «Dir donners Narre! (...) Häre mit dene Pistole! Die wei mer für d’Franzose lade, statt irged e brave Bärner dermit umz’bringe.» Das waren noch Zeiten!