Zum Hauptinhalt springen

Der SC Bern im Corona-StrudelVerliert der SCB den Anschluss?

Die Schweizer Eishockeyclubs kämpfen ums Überleben. Gleich in doppelter Hinsicht trifft das Virus den SC Bern. Grund genug für fünf wichtige Fragen.

Einzigartige Atmosphäre in der Postfinance-Arena: Wann wird es wieder ein volles Stadion geben?
Einzigartige Atmosphäre in der Postfinance-Arena: Wann wird es wieder ein volles Stadion geben?
Foto: Raphael Moser

Seit der Jahrtausendwende jede Saison schwarze Zahlen: Bis vor ein paar Monaten gab es gute Gründe, das Finanzierungsmodell des SC Bern für das gesündeste im Schweizer Eishockey zu halten, weil es unabhängig von schwerreichen Mäzenen und ausländischen Investoren funktionierte. Doch nun leidet der SCB vielleicht mehr als alle anderen unter der Pandemie, weil er doppelt betroffen ist: Die Quersubventionierung durch die Gastronomie ist infrage gestellt, weil auch diese Branche arg in Mitleidenschaft gezogen wird, und als europäischer Publikumskrösus sind die zu erwartenden Zuschauerbeschränkungen für den SCB besonders bitter.

Geschäftsführer Marc Lüthi ist bekannt für seine markigen Worte, diesmal sagt er: «Es gibt keine Ranglisten im Beschissengehen, aber uns trifft es hart, ganz klar.» Die von Unsicherheit geprägte Situation wirft Fragen auf – gerade im Zusammenhang mit dem Meister von 2019.

Verliert der SCB sportlich den Anschluss?

SCB-Captain Simon Moser freut sich über einen Treffer. So regelmässig wie in den letzten gut zehn Jahren dürfte ihn Bern nicht mehr gejubelt werden.
SCB-Captain Simon Moser freut sich über einen Treffer. So regelmässig wie in den letzten gut zehn Jahren dürfte ihn Bern nicht mehr gejubelt werden.
Foto: Raphael Moser

Als die ZSC Lions letzte Woche bekannt gaben, dass Sven Andrighetto für fünf Jahre von Moskau nach Zürich wechsle, war das keine Überraschung. Bern hatte sich am Werben um den Nationalstürmer nicht einmal beteiligt. «Derzeit gibt es einen Einstellungsstopp, weil wir nicht wissen, ob und wann wir spielen werden. Wir können nicht Geld ausgeben, das uns nicht gehört», erklärt Lüthi. Doch schon vor der Verbreitung des Coronavirus hatte sich abgezeichnet, dass der SCB für Ausnahmespieler etwas an Attraktivität eingebüsst hat. Drei Beispiele: Leonardo Genoni entschied sich, 2019 nach Zug zu ziehen; Mark Arcobello wechselte nach Lugano; der Kanadier Cory Conacher, 2016 mit Bern Meister, gab Lausanne den Vorzug.

Einige andere Vereine müssen derzeit weniger strikt auf die Kosten achten. «Damit müssen wir leben. Aber wir wurden seit 2010 fünfmal Meister, obwohl wir weder die teuerste noch die nominell beste Mannschaft hatten», sagt Lüthi. Seit 2007 haben die ZSC Lions, Davos und Bern die Titel untereinander aufgeteilt. Ligadirektor Denis Vaucher sieht es nicht ungern, wenn die Hierarchie künftig weniger starr ist. «Es ist unsere strategische Ausrichtung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es möglichst vielen Clubs erlauben, um den Titel zu spielen.»

Meisterfeiern quasi im 2-Jahres-Rhythmus dürften für die erfolgsverwöhnten Mutzen und ihre Anhänger also der Vergangenheit angehören. Die jetzige Situation habe niemand voraussehen können , stellt Simon Moser fest. Dennoch sei es das Anliegen des Clubs, mittelfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Der Captain spricht von einer grossen Herausforderung für die Spieler und das Management und gibt zu, dass ihn die Ungewissheit beschäftigt. «Im Kopf habe ich das schon, denn als Spieler willst du immer Meister werden.»

Besteht die Gefahr, dass der SCB untergeht?

Die Lage ist ernst, sehr ernst sogar. Die SCB Eishockey AG wies am Ende der Saison 2018/2019 eine freiwillige Gewinnreserve von knapp einer Million Franken und einen soliden Eigenkapitalanteil von 33,7 Prozent aus. Doch das war vor den ungenügenden sportlichen Leistungen, die einen Trainerwechsel zur Folge hatten, und vor allem vor der Pandemie. Und an einen Normalbetrieb ist so bald nicht zu denken, viele Vereine stecken daher in Schwierigkeiten. «Wenn wir nicht mit halber bis drei Viertel Kapazität spielen können, überleben wir nicht. Wer glaubt, das sei übertrieben, versteht nichts von wirtschaftlichen Zusammenhängen im Sport. Wenn ein Unternehmen nur Kosten, aber keine Erträge hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es nicht mehr existiert», warnt Ligachef Vaucher.

«Ein Verlust ist programmiert; die einzige Frage ist, wie rot die Rechnung ausfallen wird.»

SCB-Chef Marc Lüthi

Doch selbst eine mit 9000 bis 12’000 Zuschauern gefüllte Postfinance-Arena wird für den SCB, für den die Einnahmen aus dem Ticketing und den Restaurants überlebenswichtig sind, ein Defizit nicht verhindern. «Ein Verlust ist programmiert; die einzige Frage ist, wie rot die Rechnung ausfallen wird», sagt Lüthi. Als die Saison abgebrochen wurde, dachten die Profis noch, der Club werde den Sommer schon irgendwie überstehen. Doch mittlerweile ist allen der Ernst der Lage bewusst. «Ich versuche, negative Gedanken auszublenden, aber manchmal fragst du dich schon: Was passiert, wenn wir nicht bald zu einer gewissen Normalität zurückkehren können? Was geschieht, wenn der Club in Nöte kommt und die Löhne nicht mehr zahlen kann?», erzählt Moser, betont aber, die Mannschaft werde von der Clubleitung gut informiert.

Lüthi will weder schwarzmalen noch rosa zeichnen. «Es hat immer Lösungen gegeben. Doch jetzt ist alles Spekulation.» Im Moment sei vonseiten der Sponsoren viel Verständnis vorhanden. Wie viele von ihnen sich das Engagement mittelfristig noch leisten können, ist eine andere Frage. Was klar ist: Die Zeit drängt, denn die Kosten laufen weiter. «Wenn wir erst im Dezember spielen können, müssen wir über entsprechende Unterstützung sprechen», sagt Lüthi.

Ist eine Liga ohne SCB denkbar?

Ligadirektor Denis Vaucher warnt: «Sollte ein Club untergehen, wäre das für uns eine Katastrophe und könnte dazu führen, dass wir als Liga bedroht sind.»
Ligadirektor Denis Vaucher warnt: «Sollte ein Club untergehen, wäre das für uns eine Katastrophe und könnte dazu führen, dass wir als Liga bedroht sind.»
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Denkbar ist alles, aber die National League ohne den SC Bern wäre vergleichbar mit der Bundesliga ohne Bayern München oder, um den Sport zu verlassen, wie der Vatikan ohne Papst. Die Mutzen lösen Begeisterung, aber auch Schadenfreude aus wie sonst kaum ein NL-Verein. Der SCB weist europaweit seit 19 Jahren ununterbrochen den höchsten Zuschauerdurchschnitt auf. Die Stehrampe ist bezüglich Grösse und Steilheit im globalen Eishockey einzigartig und sorgt deshalb für ein exklusives Stadionerlebnis. Nur der HC Davos, der den Spengler-Cup durchführt, ist ähnlich populär.

Trotzdem hält Vaucher fest, er mache sich nicht nur um den SCB Sorgen, sondern um alle 24 Clubs aus der National League und der Swiss League. «Wir können die Meisterschaften nur gemeinsam bestreiten. Und sollte ein Club untergehen, wäre das für uns eine Katastrophe und könnte dazu führen, dass wir als Liga bedroht sind.» Die Aussage überrascht nur bedingt – der Ligadirektor muss neutral sein und sich als Berner davor hüten, als parteiisch wahrgenommen zu werden.

Obwohl objektiv betrachtet nicht jeder Verein gleich bedeutend ist, leuchtet seine Begründung ein: «Für unser Image sind die SCL Tigers, Ambri-Piotta, Rapperswil und Servette genau gleich wichtig wie die Grossclubs, denn die Liga lebt von der geografischen Aufteilung, sie lebt vom Duell David gegen Goliath, vom Duell Stadt gegen Land. Genau das macht unser Produkt so stark.»

Gehört der SCB in der kommenden Saison zu den Titelkandidaten?

In der Favoritenrolle sind künftig andere, zum Beispiel der EV Zug und sein Goalie Leonardo Genoni.
In der Favoritenrolle sind künftig andere, zum Beispiel der EV Zug und sein Goalie Leonardo Genoni.
Foto: Christian Pfander

Im vergangenen Winter, als das Playoff ohne sie stattgefunden hätte, wurden die Mutzen unter Wert geschlagen. Das gibt Powerflügel Moser ungefragt zu: «Jedem ist klar, dass Leistungen wie in der letzten Saison nicht genügen. Ich hoffe, der Erfolgshunger ist nun grösser.» Doch selbst bei verbesserter Einstellung gibt es viele Fragezeichen: Wie kommt Don Nachbaur, der neue Cheftrainer, im ungewohnten Umfeld zurecht? Wer schiesst nun die Tore, für die Mark Arcobello so zuverlässig gesorgt hat? Wie funktioniert das neue Goalieduo Tomi Karhunen/Philip Wüthrich? Kann sich der SCB noch einen oder gar zwei Ausländer mehr leisten?

Es sei schon die Idee, noch mindestens einen ausländischen Feldspieler zu holen, sagt Lüthi. «Aber im Moment ist es nicht opportun, Spieler zu verpflichten. Denn wir wissen nicht, ob wir sie brauchen werden.» Er denke, der SCB habe eine Mannschaft, die mithalten könne, «aber dieses Gefühl haben die Vertreter der meisten anderen Clubs auch». Simon Moser ist beim Blick auf die Kaderlisten auch aufgefallen, dass andere Equipen eher höher einzustufen sind. Namentlich die ZSC Lions, Zug und Lausanne dürften sich die Favoritenrolle teilen.
Trotzdem blickt Moser zuversichtlich Richtung Meisterschaft 2020/2021, zumal er von Nachbaur einen hervorragenden Eindruck gewonnen hat. «Zudem
haben wir immer noch viele Spieler im Team, die in den letzten Jahren Grosses geleistet und Titel gewonnen haben.» Objektiv betrachtet, zählt der SCB zu den gefährlichen Aussenseitern. Prognosen sind allerdings schwierig, weil erstens noch nicht alle Kader komplett sind und zweitens unklar ist, unter welchen Voraussetzungen die Meisterschaft ausgetragen wird. «Wer sich mit den speziellen Rahmenbedingungen am besten arrangieren kann, wird im Vorteil sein», sagt Moser.

Sind die SCB-Spieler nach dem Corona-Sommer fit genug?

Kurzarbeit und kein normales Sommertraining – werden die SCB-Profis athletisch den Anforderungen überhaupt genügen? «Ich bin körperlich besser in Form als sonst im Sommer», gibt Moser eine überraschende Antwort. Normalerweise habe ihm wegen der WM-Teilnahme die Zeit für einen richtigen Aufbau gefehlt, das sei diesmal anders gewesen. Athletiktrainer Roland Fuchs bestätigt, dass man die lange Pause auch als Chance sehen kann. «Weil statt 6 diesmal 14 Wochen zur Verfügung standen, konnte ich viel besser mit der Belastung und der Erholung spielen. Zudem stand mehr Zeit zur Verfügung, sich individuellen Problemzonen zu widmen.»

«In körperlicher Hinsicht mache ich mir zumindest um jene Spieler, die ich in Bern gesehen habe, null Sorgen.»

SCB-Athletiktrainer Roland Fuchs

Nur Vorteile gab es natürlich nicht, denn gemeinhin ist es einfacher, im Teamverbund den inneren Schweinehund zu überwinden und sich im Kraft- und Ausdauertraining zu quälen. Zudem erschwerten die Einheiten in Vierergruppen die Integration neuer Mannschaftsmitglieder. Daher wurde als Teamevent ein Tennisturnier organisiert. In den vergangenen Jahren war ein Teil der Equipe jeweils im Sommer zwei-, dreimal wöchentlich in Burgdorf aufs Eis gegangen, das war diesmal aufgrund der Corona-Vorschriften so nicht möglich. Ob sich das negativ auswirkt, wird sich zeigen. Immerhin: Der Konkurrenz ging es gleich.

Fuchs glaubt, dass der Trend Richtung Individualtraining weitergehen wird. Er wird wohl auch künftig einen Teil des Sommertrainings in Kleingruppen absolvieren lassen. In Bezug auf den Saisonstart sagt er: «In körperlicher Hinsicht mache ich mir zumindest um jene Spieler, die ich in Bern gesehen habe, null Sorgen.» Wenigstens in einem Bereich hat das verflixte Virus also keinen Schaden angerichtet.