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Kolumne von Markus SommVelofahren bringt dem Klima nichts

Bei der Lösung des Klimaproblems könnte die Schweiz eine wichtige Rolle spielen: Wenn wir der Welt beweisen, wie wir unsere Mobilitätsbedürfnisse ohne CO₂ stillen, dann sind wir das Vorbild, das alle nachahmen.

Staunen über Schweizer Technologie: Das PAC-Car der ETH Zürich, das mit 1,07 Kilogramm Wasserstoff 5134 Kilometer weit fahren kann.
Staunen über Schweizer Technologie: Das PAC-Car der ETH Zürich, das mit 1,07 Kilogramm Wasserstoff 5134 Kilometer weit fahren kann.
Foto: Walter Bieri (Keystone)

Avenergy Suisse, die ehemalige Erdöl-Vereinigung, ist wohl die letzte Organisation, von der wir erwartet hätten, dass sie uns vom Erdöl erlösen will: Dennoch ist es wahr. Mit grossem Engagement und viel Fachwissen bereitet der Verband der schweizerischen Mineralölimporteure den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen vor. Avenergy umfasst Unternehmen wie Migrol, Shell, BP oder Coop. Im Wissen, dass untergeht, wer sich den Wünschen der Kunden verweigert, gehen diese Firmen davon aus, dass sie Alternativen anzubieten haben, wenn ein Kunde Wert darauf legt, in Zukunft ohne CO₂-Ausstoss sein Auto zu fahren oder seine Heizung zu betreiben. Besser man offeriert, was verlangt wird, als Gefahr zu laufen, dass ein neuer Lieferant in die Lücke springt. So gesehen, ergibt es wirtschaftlich Sinn, was der Verband anstrebt.

Natürlich geht es nicht bloss darum, sondern dahinter steckt eine politische Agenda, aber eine gute: Denn das CO₂-Gesetz, über das derzeit im Parlament verhandelt wird, dürfte den Ölverkäufern das Leben schwer machen, ohne dass es uns, die wir vom CO₂ wegkommen möchten, irgendetwas bringt. Im Gegenteil, selten stand ein überflüssigeres Gesetz zur Debatte. Die Schweiz hat seit 1990 ihren CO₂-Ausstoss pro Kopf von 8 Tonnen auf 5,8 Tonnen im Jahr 2016 heruntergefahren, ohne dass der Staat den Bürger mit Abgaben, Vorschriften und frommen Ermahnungen dazu hätte nötigen müssen. Auch die 2010 eingeführte Lenkungsabgabe hat dazu wenig beigetragen, wie die Zahlen belegen. Vielmehr haben die private Wirtschaft, der Staat selbst und die Konsumenten dies erreicht, indem sie auf effizientere Anlagen gesetzt haben, und dazu waren sie in der Lage, weil bessere Technologien auf den Markt kamen.

Wer liberal denkt, kann auch liberal handeln, ohne sein Parteiprogramm ökologisch korrekt zu entsorgen, wie dies leider die FDP zu tun gedenkt. Besinnungslos stimmt sie einem CO₂-Gesetz zu, das die Linke geprägt hat und das naturgemäss einer liberalen Auffassung widerspricht. Deshalb ist die Linke links, was wir ihr nicht vorwerfen, schlimmer sind die Liberalen, die liberal sind, solange sie gewählt werden wollen, um dann links zu stimmen, weil die Linken so freundlich zwinkern. Dieses Gesetz wird dem Staat sehr viel mehr Macht verschaffen, es wird Geld eingenommen und sinnlos ausgegeben – doch das Klimaproblem lösen wir damit nicht.

0,11 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen stammen aus der Schweiz, und selbst wenn wir den Import von Waren berücksichtigen, zu deren Herstellung im Ausland CO₂ freigesetzt wurde, kommen wir nie auf 1 Prozent. Was wir hier tun, um unseren CO₂-Ausstoss zu vermindern, hat keinerlei Auswirkung auf das Klima dieser Welt. Die Chinesen lachen (Anteil am globalen CO₂-Ausstoss: 30 Prozent), die Amerikaner gähnen (14 Prozent), die Inder kichern (7 Prozent). Wenn jeder von uns zehn Autos besässe, jeden Tag nach Australien flöge und wir alle Velos verschrotteten: Es würde das Klima nicht sonderlich belasten, unser Land ist zu klein, unsere Bevölkerungszahl zu gering. Was wir aber tun können, was viel klüger und wirkungsvoller wäre: Wir entwickeln hier die Lösungen zum CO₂-Problem – und zwar technische, nicht fiskalische – und exportieren sie.

Von unserem guten Gewissen, das wir uns velofahrend erarbeiten, hat die Welt nichts, aber von unserem Sachverstand.

Genau diesen Weg weist Avenergy. Mit Wasserstoff und synthetischen Treibstoffen wäre es bald schon möglich, unseren ganzen Verkehr CO₂-frei zu befeuern – und zwar Autos, Lastwagen, Schiffe und auch Flugzeuge, was ein bedeutender Vorzug darstellt. Die von den Politikern und Beamten so hoch geschätzten Batterie-betriebenen Elektromotoren werden nie ein Flugzeug zum Abheben bringen, die Batterien sind zu schwer, ihre Reichweite zu begrenzt. Um Wasserstoff und synthetische Treibstoffe zu produzieren, braucht es allerdings Unmengen von Strom, und das ist der kritische Punkt. Erstens sind diese Energieträger nur CO₂-frei, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien oder AKW stammt, zweitens kostet es Milliarden, solche Anlagen zu bauen. Hier wäre die reiche Schweiz gefragt. Wenn wir der Welt beweisen, wie wir unsere Mobilitätsbedürfnisse ohne CO₂ stillen, dann sind wir das Vorbild, das alle nachahmen.

Von unserem guten Gewissen, das wir uns velofahrend erarbeiten, hat die Welt nichts, aber von unserem Sachverstand. Die Schweiz besitzt die besten technischen Universitäten und Institute, verfügt über eine leistungsfähige private Industrie und nicht zuletzt über das politische Know-how, wie man so etwas Gigantisches wie den Ausstieg aus dem CO₂ umsetzen kann, ohne dafür eine Diktatur zu errichten.