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Interview mit Joseph Gordon-Levitt«Unsere Welt wird immer kleiner»

In «7500» spielt Joseph Gordon-Levitt den Co-Piloten eines Flugzeugs, das von Terroristen gestürmt wird. Weshalb das eine Metapher unserer Welt ist.

Der Co-Pilot (Joseph Gordon-Levitt) hört ein verdächtiges Geräusch.
Der Co-Pilot (Joseph Gordon-Levitt) hört ein verdächtiges Geräusch.

Der Dreh fand in einem echten Cockpit statt. Wieso haben Sie in einem derart beengten Raum gedreht?

Filme im Hollywoodstil handeln Anschläge und Entführungen oft als grossen Spass ab. Klar, ich versteh das, ich bin selbst in solchen Filmen aufgetreten. Aber «7500» ist etwas anderes, Regisseur Patrick Vollrath wollte es möglichst wirklichkeitsnahund so besorgte er ein echtes Cockpit. Wir entfernten auch nicht die Decke oder die Wände, um mit einer normalen Ausrüstung arbeiten zu können. Stattdessen nahmen wir eine sehr kleine Kamera und hatten halt nur einen Kameramann. Für mehr wäre kein Platz gewesen, das ganze restliche Team stand ausserhalb des Cockpits. Das ermöglichte es uns Schauspielern, völlig in die Situation einzutauchen.

Wie lang drehten Sie denn in diesem Cockpit?

Ungefähr sechs Wochen.

Entwickelt man da keine Klaustrophobie?

Das nicht. Aber ich denke, das kleine Cockpit ist eine gute Metapher: Unsere Welt wird dank technologischer Fortschritte immer kleiner. Viele Leute reisen, ganz verschiedene Menschen kommen in Kontakt miteinander. Wie geht man mit der Klaustrophobie um, die daraus entsteht? Offensichtlich reagieren viele Menschen mit Gewalt, auf allen Seiten. Der Film fragt, wie man aus diesem Kreislauf der Gewalt ausbricht – meiner Meinung nach geht das, wenn man sich gegenseitig als Menschen versteht, nicht bloss als Teil einer Gruppe. Wenn man nicht so sehr auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten achtet. Im Film kommt ja eine Wende, wenn der Co-Pilot überraschend feststellt, dass der eine junge deutsch-türkische Terrorist eigentlich ein ganz normaler Mensch ist.

Bei dieser Art von Film besteht immer die Gefahr, dass Helden und Bösewichte sehr einseitig dargestellt werden.

Die Figur, die ich spiele, würde ich gar nicht als Helden bezeichnen. Der Film hat eigentlich keine Helden oder Bösewichte, da er sich nicht dieser Art Storytelling ergibt. Helden und Bösewichte sind toll, wenn man einfach das Publikum unterhalten will. «7500» ist auf anderes aus.

Sie haben ja nun eine Weile keine Filme mehr gedreht. Weshalb sind Sie ausgerechnet mit diesem zur Schauspielerei zurückgekehrt?

Ich machte ein paar Jahre Pause, als ich Vater wurde. Es war meine längste Pause, seit ich als Sechsjähriger mit der Schauspielerei angefangen hatte. Für die Rückkehr zum Beruf hielt ich nach etwas Ausschau, das mich inspiriert und herausfordert – ich wollte keinen Job um der Karriere willen. Das Skript von Patrick und seinem Co-Autor Senad Halilbasic hat mein Interesse geweckt. Ich sah mir daraufhin Patricks Kurzfilm «Alles wird gut» an und traf mich mit ihm. Er erzählte mir, wie er diesen Film drehte und was sein Ansatz ist: Das Skript ist nur ein Ausgangspunkt, wichtig ist ihm das Improvisieren und das Eintauchen in eine Situation. Er lässt die Kamera ununterbrochen für 20, 30, 40 Minuten laufen. Dieser Zugang war genau das, wonach ich suchte – so etwas hatte ich noch nie gemacht.

Carlo Kitzlinger, der Darsteller des Chefpiloten, flog früher tatsächlich für Lufthansa. Brachte er Ihnen viel übers Fliegen bei?

Er war wirklich mein Lehrer. Und es war natürlich praktisch, dass quasi der technische Berater die ganze Zeit neben mir sass. Wobei es nicht nur um technische Details ging, sondern auch um die Denkweise, die Persönlichkeit von Piloten. Wie sie wirklich miteinander umgehen. Ich hab ihm jeden Tag Hunderte Fragen gestellt.

Sie fliegen selbst sicher viel um die Welt. Werden Sie nach diesem Film nervös, wenn Sie in ein Flugzeug steigen?

Im Gegenteil. Ich habe mehr Vertrauen in den ganzen Prozess, nachdem ich so viel darüber gelernt habe, wie gewissenhaft die Piloten und die ganzen anderen Angestellten im Flugverkehr arbeiten. Das ist sehr beruhigend.

Diesem Co-Piloten passieren einige der schlimmsten Sachen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Wie sind Sie damit umgegangen?

Es sind ja wirklich tragische Dinge, die ihm zustossen, das war für uns Schauspieler oft schmerzhaft. Das gilt auch für den fertigen Film, denke ich: Andere Filme würden solche Momente mit Musik betonen, Patrick verzichtet darauf und geht dafür viel näher ran.

Stimmt, der Film wirkt auch deshalb realistisch, weil er auf Musik verzichtet. Wenn es einen Soundtrack gibt, dann das Hämmern der Terroristen gegen die Cockpit-Tür.

Während des Drehs hämmerten die Schauspieler tatsächlich gegen die Tür.

Im Film gibt es für den Co-Piloten einen Moment, in dem er Rache nehmen könnte – aber er verzichtet darauf.

Der Film beginnt ja mit einem Gandhi-Zitat: «Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein.» Es ist ein normaler menschlicher Instinkt, den Leuten wehzutun, die dir wehgetan haben. Rachefantasien richten sich auf Kategorien, an Typen, Teams, Stämme. Wenn du es mit einem einzelnen Menschen zu tun hast, verändert sich diese Denkweise. Im Film hast du diese zwei Menschen, die sich zunächst als totale Feinde sehen, weil sie sich nicht kennen. Am Ende sind sie dazu gezwungen, sich gegenseitig als Menschen zu verstehen, als Individuen. Diese Dynamik zu sehen, ist inspirierend, finde ich.