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Kommentar zur MeinungsfreiheitUnflätige Bilder muss man aushalten können

Der brutale Mord an den Karikaturisten von «Charlie Hebdo» leitete eine Epoche der Kulturkämpfe ein. Es wird Zeit, den Diskurs zu zivilisieren. Das geht nur, wenn das Grundrecht auf Kunst- und Meinungsfreiheit unverhandelbar bleibt.

Mit dem Moto «Je suis Charlie» solidarisierten sich sogar Spieler des italienischen Fussballclubs Lazio mit den Opfern der Anschläge in Paris.
Mit dem Moto «Je suis Charlie» solidarisierten sich sogar Spieler des italienischen Fussballclubs Lazio mit den Opfern der Anschläge in Paris.
Foto: Tiziana Fabi (AFP)

An diesem Tag begann eine neue, konfliktreiche Zeit: Am 7. Januar 2015 stürmten islamistische Attentäter die Redaktionsräume des französischen Satireblatts «Charlie Hebdo» und ermordeten zwölf Personen, neben den Redaktionsmitgliedern einen Wartungstechniker, einen Personenschützer und auf der Flucht einen Polizisten. In den folgenden Tagen erschoss ein Freund der Täter erst eine Polizistin und nahm dann in einem koscheren Supermarkt Geiseln, von denen er vier tötete.

Ein solch brutaler, im modernen Europa bis dahin kaum vorstellbarer Angriff auf die Kunst- und Meinungsfreiheit sowie auf jüdische Mitbürger musste Frankreich und alle, die an die Prinzipien einer liberalen Demokratie und einer offenen Gesellschaft glauben, im Herzen erschüttern. Es war der grauenhafte Auftakt einer Epoche erbittert geführter Kulturkämpfe, die bis heute andauern. Nicht zufällig waren es Bilder, an denen sich diese entzündeten.

Im Zweifel aufseiten des Künstlers

«Charlie Hebdo» hatte böse, teils geschmacklose Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, von denen sich auch etliche friedliebende Muslime gekränkt fühlten. Die Zeichnungen sind aber eindeutig vom französischen Recht gedeckt, das den Straftatbestand der Blasphemie nicht kennt und im Zweifel aufseiten eines Künstlers ist, insbesondere dann, wenn dieser eine Religion allgemein verhöhnt und nicht konkrete Gläubige für ihren Glauben verunglimpft.

Diese Art des unflätigen Spotts mag verletzen, sie muss aber ausgehalten werden, von Angehörigen aller Religionen und Weltanschauungen. Schliesslich findet sie im symbolischen Raum der Bilder und Zeichen statt. Wer darin eine nicht erträgliche Schmach erkennt, die Selbstjustiz und Mord rechtfertigen soll, verwechselt Darstellung und Dargestelltes. Das Bild eines Religionsgründers kann mehr ertragen als ein konkreter Gläubiger, der beleidigt wird. Jetzt beginnt der Prozess gegen mutmassliche Hintermänner und Mitverantwortliche des Attentats. «Charlie Hebdo» bleibt sich treu und druckt noch einmal die Mohammed-Karikaturen, Präsident Emmanuel Macron bekräftigt ausdrücklich das Recht der Redaktion darauf.

Man muss nicht alles veröffentlichen, was erlaubt ist.

Nun muss man nicht alles veröffentlichen, was erlaubt ist, und es spricht viel dafür, auf plumpe Beleidigungen zu verzichten und sich klügere Argumente, lustigere Karikaturen, elegantere Angriffe auszudenken. Grundlage auch für feinere Kritik aber ist die Freiheit, auch schlechte Bilder, blöde Witze, pubertäre Fantasien in die Welt schicken zu dürfen. Und wer dafür bedroht wird, braucht Solidarität unabhängig von der Qualität seiner Entgleisungen.

Das gilt längst nicht mehr nur für Medienmacher und Karikaturisten, sondern erst recht für alle anderen, die den öffentlichen Raum bevölkern. So sah sich kürzlich eine 16-jährige Gymnasiastin aus der Nähe von Grenoble Morddrohungen ausgesetzt, weil sie in einem schlicht gestrickten Instagram-Video den Islam «scheisse» fand.

Fünf Jahre nach dem Attentat von Paris zeigt sich überall die Notwendigkeit, den Diskurs wieder zu zivilisieren, andere Anschauungen auszuhalten, miteinander zu streiten, ohne zu vernichten. Nicht nur das Attentat selbst, sondern auch fünf Jahre Kulturkämpfe haben gezeigt, wie brandgefährlich es ist, wenn sich der demokratische Diskurs in Lagerbildungen und Absolutismen auflöst.