Zum Hauptinhalt springen

US-Präsident in Erklärungsnot Trump zu 1000 Corona-Toten pro Tag: «Haben es unter Kontrolle»

Donald Trump wirkt erneut in einem Interview erschreckend ahnungslos. Wird er so ein TV-Duell mit seinem Herausforderer Joe Biden überstehen?

Donald Trump im angeregten Austausch mit Jonathan Swan.
Donald Trump im angeregten Austausch mit Jonathan Swan.
Foto: Screenshot

Drei Tage nach Veröffentlichung eines Interviews für das Onlinemagazin «Axios» bleibt die Frage, was Trump wohl mehr geschadet hat. Seine atemberaubend uninformierten Antworten. Oder die mimischen Reaktionen von Jonathan Swan, der Trump für «Axios» befragt hatte.

Mal hört er dem US-Präsidenten mit weit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Brauen zu, mal kräuselt sich seine Stirn und die Augenbrauen ziehen sich zusammen, als wollten sie sich mit aller Macht zu einem Fragezeichen zusammentun. Mal schüttelt Swan auch einfach nur ungläubig mit dem Kopf. Manchmal wirkt er erschöpft und traurig.

Seit über einem halben Jahr kämpfen die USA jetzt mit dem Coronavirus. Mindestens 160’000 der bald 4,9 Millionen infizierten US-Amerikaner sind gestorben. Es sollte anzunehmen sein, dass ein US-Präsident sich inzwischen gut genug informiert hat, um das nötige Basiswissen über das Virus und die Verwendung von Statistiken abrufen zu können. Das Interview mit Swan lässt allerdings das Gegenteil vermuten. Trump wirkt zuweilen erschreckend ahnungslos.

Der Präsident fuchtelt mit Grafiken herum, die belegen sollen, dass die USA bestens präpariert sind für die Krise und ganz allgemein auf einem sehr guten Weg. «Im Moment, glaube ich, haben wir es unter Kontrolle», sagt Trump allen Ernstes. Swan fragt: «Wie das? Täglich sterben 1000 Amerikaner.»

Die Antwort lässt Swan geradezu verzweifelt zurück: «Sie sterben», sagt Trump. «Das ist richtig. Es ist, wie es ist. Das heisst aber nicht, dass wir nicht alles tun, was wir können. Es ist so weit unter Kontrolle, wie Sie es kontrollieren können. Dies ist eine schreckliche Seuche, die uns heimgesucht hat.» Swan: «Glauben Sie wirklich, dass es nicht besser zu kontrollieren ist – 1000 Todesfälle am Tag?»

«Das können Sie nicht machen!»

US-Präsident Donald Trump

Kann er das also ernsthaft glauben? Trump verweist auf seine Grafiken. Er reicht eine an Swan weiter. Darin sind die USA «Letzter, was bedeutet, dass wir Erster sind», sagt Trump. Swan schaut genau hin. Ah, die Grafik gibt die Todeszahlen im Verhältnis zur Zahl der Tests wieder! Anfangs hatte die US-Regierung es versäumt, ausreichend zu testen. Jetzt sind die Tests massiv ausgebaut worden. Und natürlich sinkt dann im Verhältnis auch der Anteil der Corona-Todesopfer an der Zahl der Tests. Eine leicht zu durchschauende Schönrechnerei.

Swan sagt, er spreche von Corona-Toten pro eine Million Einwohnern. Ein Wert, der die Lage deutlich akkurater beschreibt. Und da sieht es eben gar nicht gut aus für die USA. Nach Daten der Johns-Hopkins-Universität kommen die USA unter den 20 am meisten vom Virus betroffenen Staaten auf den viertschlechtesten Wert.

Trump scheint davon nie etwas gehört zu haben: «Das können Sie nicht machen!», gibt er Swan zu verstehen. Swan versteht nicht. «Warum sollte ich das nicht machen können?» Eine berechtigte Frage. Jeder, der sich ein realistisches Bild von der Krise machen will, sollte die Todesfallzahlen ins Verhältnis zu einer bestimmten Zahl von Einwohnern setzen.

Swans Gesicht lässt grosses Leid erkennen, als Trump stolz erklärt, dass es ja zu Beginn seiner Amtszeit nicht mal einen Corona-Test gegeben habe. Swan: «Warum sollte es da schon einen Test gegeben haben? Das Virus gab es damals doch noch gar nicht.» Trumps Antwort: «Wir hatten keinen Test, weil es gab keinen Test.» Wer will da widersprechen?

Trump legt noch nach: «Manche sagen, dass auch zu viel getestet werden kann, Sie wissen das.» Swan, der das offenkundig nicht weiss, fragt nach: «Wer sagt das?» Trump: «Lesen Sie einfach die Handbücher. Lesen Sie die Bücher. Lesen Sie die Bücher.» Swan kann es kaum fassen: «Anleitungen? Bücher? Welche Bücher?» Eine Antwort bekommt er darauf nicht.

Es ist innerhalb weniger Wochen bereits das zweite Mal, dass sich Trump den Fragen eines eher kritischen Journalisten stellt. Mitte Juli sass er mit Fox-News-Moderator Chris Wallace zusammen, einem der letzten echten Journalisten in dem ansonsten Trump-ergebenen Sender (Lesen Sie hier das Fox-Interview mit dem US-Präsidenten). Legendär ist bereits, wie er Trumps Angeberei auskontert, er habe einen kognitiven Test mit Bravour bestanden, die Ärzte seien begeistert gewesen. Wallace erklärte trocken, er habe den Test auch gemacht, so schwer sei der nicht gewesen. Eine Aufgabe, sagt Wallace, sei gewesen, eine Zeichnung zu identifizieren: «Ein Elefant.»

Kann Trump so ein TV-Duell gegen Biden überstehen?

Es kann auch einem US-Präsidenten mal passieren, auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. Einmal. Aber ein zweites Mal? Eher unwahrscheinlich. Und wenn, dann ist das kein gutes Zeichen. Zumal Trump in beiden Interviews fast durchgängig auf dem falschen Fuss erwischt wurde. Ein paar simple Nachfragen haben jeweils gereicht, um Trump aus dem Tritt zu bringen.

Das wirft die Frage auf, wie er in dieser Verfassung die anstehenden Fernsehduelle mit Joe Biden überstehen will. Biden wird Mitte August voraussichtlich von den Demokraten zu seinem Herausforderer gekürt. Ende September dann soll es das erste Aufeinandertreffen der Kontrahenten im TV geben.

Es ist Trump, der Biden gerne wie einen halbsenilen Trottel hinstellt und von sich selbst das Bild eine Supergenies zeichnet. Entsprechend hoch dürfte die Erwartungshaltung seiner Anhänger sein. Trump sollte Biden in den Duellen verbal zermalmen, mindestens. So wie er es 2016 mit Hillary Clinton gemacht hat. Damals hat er ausgeteilt, sich verächtlich gemacht, und das hat gereicht. Clinton konnte damit nicht umgehen.

Trump hatte auch kaum etwas zu verlieren. Er hat ja selbst kaum geglaubt, er könne die Wahl gewinnen. Diesmal ist das anders. Trump ist der amtierende US-Präsident. Er liegt in Umfragen knapp bis deutlich hinter Biden. Das gilt sogar für Bundesstaaten, die Trump 2016 noch klar gewonnen hat.

Und er ist angreifbar geworden. Er bekommt die Pandemie nicht in den Griff, die Wirtschaft stürzt ab. Und während viele Staaten in Europa und Asien beispielgebend sind, wie die Pandemien unter Kontrolle gebracht werden könnte, verlegt sich Trump darauf, die Realität zu leugnen.

Selbst unter seinen Anhängern komme da Zweifel auf, ob Trump noch der Richtige für den Job ist. Unter Anhängern der Republikaner glauben 44 Prozent der Teilnehmer einer gerade veröffentlichten Umfrage, dass die USA die Pandemie schlechter als andere Staaten managen. 43 Prozent finden, es laufe besser. 13 Prozent können sich nicht entscheiden. Für einen US-Präsidenten, der in weniger als 90 Tagen wiedergewählt werden will, sind das äusserst schlechte Werte.

Trump braucht einen technischen K. o.

Das alles scheint Trump nicht daran zu hindern, unvorbereitet in Interviews zu gehen. Seine Berater müssen fürchten, dass Trump daraus nicht zu lernen bereit ist. Trump ist bekannt dafür, auf Vorbereitung nicht viel zu geben und sich stattdessen auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Das könnte womöglich nicht reichen. Er steigt zwar mit dem Bonus des Amtsinhabers in den Ring. Liegt aber schon so weit hinter Biden zurück, dass er den Demokraten schon im ersten TV-Duell mindestens mit einem technischen K. o. besiegen muss, um seine Wiederwahlchancen zu sichern.

Die Frage ist nur: Mit welchem Argument? Die Pandemie dürfte das entscheidende Thema dieser Wahl 2020 sein. Trumps Ansatz der Realitäts- und Verantwortungsverweigerung gekoppelt mit Durchhalteparolen und vagen Versprechungen, dass 2021 alles irgendwie besser wird, hat bisher nicht gezündet.

Biden dagegen positioniert sich als realistischer Krisenmanager, der bereit ist, auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu hören. Je tiefer das Coronavirus sich in den USA festsetzt, je mehr Todesopfer es fordert, desto klarer also dürfte für die meisten US-Bürger werden, ob sie sich mit Trumps «Es ist, wie es ist» noch länger zufriedengeben wollen.