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Tennisclub NeufeldTom Kummers Lebensschule

Weil die Stadt Bern eine neue Schwimmhalle baut, muss der TC Neufeld seinen Court und das historische Clubhaus verlassen. Eine herzhafte Geschichte, wie gemacht für den Vereinspräsidenten, den Schriftsteller Tom Kummer.

Wo vieles in seinem Leben begann: Tom Kummer, Präsident des Tennisclubs Neufeld, vor dem Clubhaus Matchbox.
Wo vieles in seinem Leben begann: Tom Kummer, Präsident des Tennisclubs Neufeld, vor dem Clubhaus Matchbox.
Foto: Raphael Moser

Der Schweiss rinnt Tom Kummer (59) von der Stirn, als er die dunkle Sonnenbrille wegsteckt und zur schattigen Veranda des hölzernen Clubhäuschens emporsteigt, das seit beinahe hundert Jahren die Tennisplätze des TC Neufeld säumt. Der Vereinspräsident ist in der brütenden Nachmittagshitze mit dem Fahrrad hoch zur früheren Buswendeschlaufe im Neufeld gefahren, dort, wo seit wenigen Tagen Bagger mit Abbrucharbeiten beschäftigt sind, um den Boden zu präparieren für den Bau der 75 Millionen Franken teuren 50-Meter-Schwimmhalle.

«Es ist ein Traum von mir, Tennis mit Kunst etwas aufzumischen.»

Tom Kummer, Autor und Clubpräsident

Das Clubhaus, 1926 erbaut, erlebt deshalb gerade seine letzten Tage. Bald wird es abgebrochen, für den Schriftsteller ein emotionaler Moment. Der Blick von der Terrasse über die Tennisfelder hinüber zur denkmalgeschützten Tribüne des Fussballstadions und zum Turm des Lindenhofspitals begleitet den Länggässler Kummer seit seiner Kindheit. Mit seinen Eltern verbrachte er hier ganze Wochenenden, «es war meine Lebensschule», sagt er.

Tennis nicht für Snobs

Der junge Kummer galt als grosses Talent, er wurde mit 17 Jahren jüngster Berner Meister, er erinnert sich an «viele sehr ernsthafte Fights» auf den Sandplätzen. Was ihm, der sich schon als junger Mann als Rebell verstand, immer wichtig war: Der TC Neufeld war «ein anderer Tennisclub», kein snobistischer Treffpunkt für Parvenüs, sondern ein Ort, der auch Industriearbeiter von Tobler oder von Roll anzog.

Dem aufbegehrenden Kummer wurde trotzdem alles zu eng. 1983 zeigte er «Bern den gestreckten Mittelfinger», wie er sagt, er zog nach Berlin und später in die USA und dachte, er kehre nie mehr zurück. Den alternativen Tennis-Groove aus dem Neufeld nahm er mit nach Kalifornien, er war fest angestellter Auslandreporter in Los Angeles, danach arbeitete er als Tennislehrer und Clubmanager. «Es ist sicher richtig, dass mir das Tennis in schwierigen Zeiten half, mein Leben zu stabilisieren», sagt Kummer. Etwa als er vor 20 Jahren heftig unter Druck geriet, weil auskam, dass der brillante Formulierer Interviews mit Hollywoodgrössen verkaufte, die er nicht journalistisch geführt, sondern aus Versatzstücken früherer Aussagen neu montiert hatte.

Spezialist für Abschiede

Inzwischen ist Kummer mit seinem jüngeren Sohn nach Bern zurückgekehrt und lebt von der Schriftstellerei. Seine teilweise autobiografischen Bücher «Nina und Tom» sowie «Von schlechten Eltern», in denen der Tod seiner Partnerin Nina eine zentrale Rolle spielt, kamen bei Kritik und Publikum gut an, weil seine Sprache sogähnliche Wirkung entfacht. Erstmals richtete ihm nun Pro Helvetia für sein nächstes Projekt, an dem er derzeit arbeitet, einen Werkbeitrag aus.

«We go exil»: Kummers TC Neufeld verteilt sich bis zum Ende des Schwimmhallenbaus auf die anderen Stadtberner Tennisclubs.
«We go exil»: Kummers TC Neufeld verteilt sich bis zum Ende des Schwimmhallenbaus auf die anderen Stadtberner Tennisclubs.
Foto: Raphael Moser

Abschiede, besonders, wenn sie für immer sind, stehen in Kummers künstlerischem Schaffen im Zentrum. Deshalb passe es in seine Geschichte, findet er selber, dass er Ende 2018 das Präsidium des TC Neufeld mitten in einem Umbruch übernahm. Eine seiner ersten Initiativen bestand darin, eine Alternativlösung für die Übergangszeit während des Schwimmhallenbaus zu finden.

Kummer steht im Final der Clubmeisterschaft und wird auf dem Platz, der ihn das Leben lehrte, alles geben.

Anstatt beim Wander-Sportareal an der Gemeindegrenze zu Köniz wie geplant temporär neue Tennisplätze zu schaffen, forcierte er eine ökologischere, virtuelle Lösung, für die er den Slogan «We go exil» entwarf: Die Mitglieder des TC Neufeld verteilen sich auf die bestehenden Berner Tennisclubs und kehren 2023 ins Neufeld zurück. Dann wird der TC Neufeld am heutigen Standort auf neuen Plätzen spielen und im Bauch der Schwimmhalle ein Clublokal beziehen.

Aktion in Mürren

Dass es allerdings so cool wird wie das heutige, dürfte eine grössere Herausforderung für Präsident Kummer werden. Er holte 2019 den Musiker Tevfik Kuyas und die Ex-Pyri-Wirtin Emanuelle Gullotti ins alte Clubhaus, das fortan Matchbox hiess und von dessen Veranda die Tennisplätze plötzlich mit ungewohnt gutem Sound beschallt wurden. «Es ist ein Traum von mir, den gediegenen Sport Tennis mit Kunst etwas aufzumischen», sagt Kummer, der vor einer Woche im Oberländer Kurort Mürren, den er seit Kindstagen besucht, für Aufsehen sorgte. Er gehörte zu den Initianten, die den Mürrener Bahnhof von einem Werbeplakat der Jungfraubahnen befreiten, um das darunter versteckte Wandbild des Künstlers Alex Walter Diggelmann wieder sichtbar zu machen.

Ab Freitag stehen im Neufeld noch einmal drei Tage Kunst und Tennis auf dem Programm, ganz nach Kummers Gusto. Und man wird am Samstag das Tennistalent Tom Kummer sehen. Er steht im Final der Clubmeisterschaft und wird alles geben. Zum letzten Mal auf dem Platz, der ihn das Leben lehrte.

Grosse Abschiedsparty des TC Neufeld «La Piazza on the Court». Freitag und Samstag ab 17 Uhr, Sonntag ab 10 Uhr. Tennismatches mit Stars verschiedener Disziplinen, Fitness, Foodtrucks, Sound. Neubrückstrasse 133, Bern-Länggasse.