Kirgisisches Modell ohne Zukunft

Kirgistan, eine demokratische Insel in Zentralasien, bliebe gerne unabhängig. Aber wirtschaftliche Gründe zwingen den Staat in ein Bündnis mit Russland.

Ein Schafhirte mit seiner Herde im Hochland von Kirgistan. Das Land generiert kaum Einnahmen. Foto: Sergey Ponomarev (Keystone)

Ein Schafhirte mit seiner Herde im Hochland von Kirgistan. Das Land generiert kaum Einnahmen. Foto: Sergey Ponomarev (Keystone)

Julian Hans@juli_anh

Stück für Stück zieht die Frau ihren Einkauf aus den Plastiktaschen und stapelt ihn ordentlich in der stählernen Schraubenpresse auf. Pullover, Hemden, Tücher mit Mustern in grellen Farben. Etwa 70 Kilo werden es wohl sein, alles in allem, schätzt sie. Damit sie die überhaupt transportieren kann, wird die Ware jetzt mit grosser Kraft zusammengequetscht, mit Folie umwickelt und mit Draht verzurrt. 300 Som zahlt sie für diese Dienstleistung, etwa 4 Euro. Sie gehören zu ihrer Kalkulation wie die Fahrkarte für die Zweitagesreise mit dem Zug aus Kostanai ganz im Norden von Kasachstan bis in den Süden, die Fahrt mit dem Taxi über die Grenze nach Kirgistan und eine Nacht im Hotel in Bischkek. Gleich geht es zurück, noch einmal zwei Tage.

Einmal im Monat macht Deja, 47, diese Tour. Ihren vollen Namen möchte sie nicht nennen, denn da ist ja noch die Grenze. 50 Kilo darf man unverzollt mitnehmen. Wer mehr hat, teilt die Ware entweder auf mehrere der vielen Schmuggler auf, die am Grenzübergang warten. Oder er zahlt. «Zoll?», Deja lacht. «Das ist doch kein Zoll, das ist Bestechung.»

Konkurrent China ausgestochen

Am Rand der kirgisischen Hauptstadt liegt der grösste Containermarkt Zentralasiens und einer der grössten Märkte der Welt. 60'000 Menschen sind damit beschäftigt, Waren aus chinesischen ­Fabriken herzuschaffen, auszupacken, weiterzuverkaufen, neu zu verpacken, sie über die Grenze zu bringen und weiter zu den Kunden in Kasachstan, Russland und in der ganzen ehemaligen Sowjetunion.

Der Dordoi-Markt entstand, als das kommunistische Imperium zusammenbrach und alte Handelswege wieder­belebt wurden. Zwei Jahrzehnte lang hat Kirgistan davon gelebt, ein armer Staat, der ausser einer Goldmine und etwas Landwirtschaft sonst keine Einnahmen generiert. Die Regierung hat die Einfuhrzölle aus China radikal gesenkt, die Zölle zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken waren ebenfalls niedrig. So wurde Kirgistan zum Zentrum, über das sich der Handel zwischen China und fast 200 Millionen Konsumenten auf dem Kontinent drehte. Die Maschinen aus den eigenen Fabriken wurden in dieser Zeit als Altmetall verkauft.

Doch seit drei Jahren läuft das Geschäft immer schlechter. Damals, 2011, gründeten Russland, Kasachstan und Weissrussland 2011 die Eurasische Zollunion. Im gleichen Masse, wie die Binnengrenzen zwischen den Mitgliedern für Handel und Dienstleistungen geöffnet wurden, schlossen sich die Aussengrenzen. Seither funktioniert Kirgistans Modell der Re-Exportwirtschaft nicht mehr.

«In den letzten drei Jahren ist der Handel stark gefallen», sagt Elena Kadyrkulowa. Die Frau eines Offiziers begann vor 20 Jahren damit, Hosen aus China zu importieren und auf dem Dordoi anzubieten. In guten Zeiten habe sie im Quartal 50'000 Stück verkauft, erzählt sie. Jetzt seien es vielleicht noch 5000. Seit die Zollunion den Import beschränkt, hat sich das Geschäft auf dem Dordoi vom Gross- zum Einzelhandel gewandelt. Das ist aufwendiger und weniger einträglich. «Anfangs waren wir alle gegen den Beitritt», sagt die 53-Jährige, «aber die Zeit hat gezeigt, dass wir beitreten müssen.»

Während ein Streit um die Zugehörigkeit zu Wirtschaftszonen an Russlands Westgrenze zu einem blutigen Konflikt geführt hat, konkurriert Russland in Zentralasien mit China um Einfluss. Der Westen ist fast gänzlich aus dem Spiel. Im vergangenen Jahr hat Gazprom das kirgisische Erdgasnetz aufgekauft – für einen symbolischen Dollar und das Versprechen, in die maroden Leitungen zu investieren. Für den Beitritt zur Zollunion belohnt Moskau Präsident Almasbek Atambajew mit einem Fonds für günstige Kleinkredite, der mit einer Milliarde Dollar ausgestattet werden soll – immerhin fast ein Sechstel des kirgisischen Bruttoinlandsprodukts.

Bangen um die Demokratie

Die Vorbereitung des Beitritts liegt in den Händen von Danil Ibrajew. Der stellvertretende Wirtschaftsminister ist ein junger Politiker mit Bürstenschnitt und dunklem Anzug. «Für uns ist die Zollunion ein rein wirtschaftliches Projekt», betont er. Sie existiere nun einmal und lege eigene Standards fest. «Was, wenn wir nicht beitreten? Dann fallen 90 Prozent unseres Marktes weg.» Ja, Russland erwerbe gezielt strategische Objekte. «Aber für uns ist es wichtiger, dass die Pipelines gefüllt sind, als wem sie gehören.» Auch wegen der vielen Gastarbeiter, die ihr Geld aus Russland in die Heimat überweisen, ist Bischkek von Moskau abhängig. 500'000 bis eine Million von ihnen sollen es nach Schätzungen sein, bei einem Volk von fünf Millionen. «Wir hoffen, dass sich ihr legaler Status in Russland durch den Beitritt zur Zollunion verbessert», sagt Ibrajew.

Nach zwei Revolutionen 2005 und 2010 hat sich Kirgistan ein parlamentarisches System gegeben, das einzige in Zentralasien. Das brachte dem Land seinen Ruf als «Insel der Demokratie» ein, die viele durch den wachsenden russischen Einfluss gefährdet sehen. Natürlich hätten sich in Moskau und der kasachischen Hauptstadt Astana einige erschreckt, als in Bischkek eine parlamentarische Demokratie entstanden sei, sagt Waleri Dill. Der 61-Jährige mit deutschen Vorfahren ist seit sieben Monaten Vizepremier in der kirgisischen Regierung. Er war schon Abgeordneter, als sich Kirgistan 1991 von der Sowjetunion unabhängig erklärte. «Und unsere Unabhängigkeit geben wir nie wieder ab», sagt er.

Derlei Beteuerungen hört man oft, wenn man mit Politikern in Bischkek spricht. Es klingt ein bisschen, als wollten sie sich selbst Mut machen. Denn im nächsten Satz kommt meistens: Wir haben gar keine andere Wahl, als der Zollunion beizutreten. Der Binnenmarkt mit fünf Millionen Konsumenten sei einfach zu klein, als dass sich eine eigene Produktion entwickeln könnte. Das alte Modell mit dem Transithandel ist am Ende. 2013 wuchs die Wirtschaft in Kirgistan noch um 10 Prozent. «In diesem Jahr erwarten wir noch 4 Prozent.» Andere Partner stünden dem Land nun einmal nicht zur Verfügung: «Unsere Nachbarn sind Usbekistan, Tadschikistan, China und Kasachstan.»

Der Westen ist auf dem Rückzug

Der kirgisische Politologe Mars Sarijew glaubt, die Ukraine sei nur der aktuelle Schauplatz im Ringen um Einflusssphären, «als Nächstes wird Zentralasien in den Fokus rücken». Sein Land habe in dieser Situation nur die Wahl, zu einer chinesischen Provinz zu werden, sich enger an Russland zu binden, oder der «Gruppe der Instabilen» anzugehören – gemeint sind Afghanistan und Pakistan. «Wir verlieren die Möglichkeit zu manövrieren. Die Zeit ist abgelaufen. Russland hat Bedingungen geschaffen, unter denen uns keine andere Wahl bleibt.» Als Garanten gegen eine russische Dominanz in der Eurasischen Wirtschaftsunion sieht der Politologe ausgerechnet die Autokratien Weissrussland und Kasachstan. Deren Präsidenten Alexander Lukaschenko und Nursultan Nasarbajew hatten zuletzt die hegemonialen Allüren Wladimir Putins kritisiert. Doch das ändert nichts an Sarijews Fazit: «Der Westen ist auf dem Rückzug.»

Das sieht auch die scheidende amerikanische Botschafterin Pamela Spratlen so. In deutlichen Worten warnte die Diplomatin im Oktober, die engere Bindung an Russland könnte die demokratischen Fortschritte gefährden. Angesichts enormer wirtschaftlicher Probleme suche Präsident Atambajew Hilfe bei Moskau. Das habe bereits dazu geführt, dass die US-Armee im Sommer ihre Präsenz am Flughafen Manas auf­geben musste, der als Stützpunkt für die Afghanistan-Mission gedient hatte. Russland unterhält derweil weiter eine Luftwaffenbasis nahe der kirgisischen Hauptstadt. Zwar habe die kirgisische Zivilgesellschaft tiefe Wurzeln geschlagen und sei «gut organisiert, um demokratische Errungenschaften zu verteidigen». Doch die Herausforderungen seien enorm: «Die einzige Demokratie in Zentralasien bleibt fragil angesichts von Unterentwicklung, schwacher Regierung, fehlendem Rechtsstaat, Korruption, Problemen bei den Menschenrechten und Druck von aussen.»

Der Appell richtete sich auch an die eigene Regierung in Washington. Nach dem Ende der Afghanistan-Mission fragten sich einige, warum man ein entlegenes Land mit fünf Millionen Einwohnern unterstützen solle, so Spratlen. Doch wenn Kirgistan nicht mehr als «ein Faustpfand in Russlands Great Game» sei, könnten andere daraus den Schluss ziehen, dass Demokratie in Zentralasien keine Zukunft habe.

Mit dem Rubel auf Talfahrt

Die russischen Währungsprobleme ziehen die ganze Region in die Krise.

Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind zwar schon seit mehr als 20 Jahren unabhängig, doch die Verknüpfung mit Russland ist noch immer sehr stark, wie die Rubelkrise eindrücklich belegt. Der Wertezerfall der russischen Währung reisst die ganze Region mit in die Krise. Vom moldauischen Leu bis zum kasachischen Tenge haben die Währungen dieses Jahr zwischen 10 und 20 Prozent verloren. Und Schlimmeres steht noch bevor, sagen Beobachter, weil der neuste Crash von letzter Woche erst mit einiger Verspätung in den Nachbarländern ankommen dürfte. Grenzgänger freuen sich derzeit noch über den schwachen Rubel, weil das billige Einkäufe erlaubt. Kasachen etwa kaufen sogar kasachische Waren billiger im Nachbarland ein.

Russland ist noch immer der grösste Absatzmarkt der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Mit dem billigen Rubel sind die eingeführten Waren nun zu teuer für die Russen und können kaum noch abgesetzt werden, was wiederum auf die eigene Währung drückt. Probleme schafft das etwa in der zweitgrössten Volkswirtschaft der Region, in Kasachstan. Wegen des schwachen Rubels musste Kasachstan bereits im Februar den Tenge um 20 Prozent abwerten. Nun stockt der Absatz noch mehr, und das Land wird von billiger russischer Ware überschwemmt – schliesslich gehören beide Staaten der Eurasischen Union an, Wladimir Putins Gegenstück zur EU. Zwischen diesen Ländern gibt es keine Zollgrenzen.

Geld der Gastarbeiter fällt aus

Das grösste Problem der kleineren und ärmeren Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind aber die Millionen von Gastarbeitern, die in Russland in Bereichen wie Bau oder Landwirtschaft beschäftigt sind und oft ganze Grossfamilien mit den paar Hundert Dollar über Wasser halten, die sie jeden Monat nach Hause schicken. Auf insgesamt fünf Millionen wird ihre Zahl von Moskau geschätzt, drei Millionen arbeiten illegal. Das von ihnen an die Familien geschickte Geld beläuft sich auf mehrere Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Weltbank hat ausgerechnet, dass diese Zahlungen aus Russland in Moldau 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, in Kirgistan sind es 30 Prozent und in Tadschikistan sogar fast 50 Prozent. Nicht weniger als die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung des verarmten zentralasiatischen Staates arbeitet in Russland. Mit der Krise wird es nächstes Jahr nicht nur weniger Lohn, sondern auch weniger Arbeit geben für ungelernte Gastarbeiter aus Zentral­asien, die sonst nirgends Arbeit finden. Die Überweisungen sind bereits drastisch zurückgegangen. Die Migranten klagen, dass sie auf wertlosen Rubeln sitzen, der Lebensunterhalt in Russland immer teurer wird und ihnen die Hälfte des Lohnes verlorengeht, wenn sie ihn in Dollar oder Euro tauschen, um ihn nach Hause zu schicken. Betroffen sind davon auch die nach Westen orientierten Staaten Georgien und Moldau. Letzteres rechnet damit, dass die Überweisungen um 20 Prozent zurückgehen werden. Ähnliches gilt für die Ukraine, deren Währung innert eines Jahres 85 Prozent an Wert verloren hat und die faktisch vor der Pleite steht.

Folgen des tiefen Ölpreises

Weniger betroffen von der Ansteckung durch die Rubelkrise sind einzig Turkmenistan und Aserbeidschan, die starke Handelsbeziehungen mit China bzw. der Türkei pflegen und weniger Gastarbeiter in Russland haben. Gut geht es den beiden Staaten allerdings dennoch nicht: Sowohl Turkmenistan als auch Aserbeidschan sind völlig von Öl und Gas abhängig und leiden deshalb ebenfalls unter dem tiefen Ölpreis, der in Russland zusammen mit den westlichen Sanktionen den Rubel auf Talfahrt schickt. Zita Affentranger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt