Tell auf dem Brandenburger Tor

Deutschland als 27. Kanton der Schweiz? Eine wunderbare Idee mit riesigem satirischem Potenzial. Schade, dass es bei Viktor Giacobbo in «Der grosse Kanton» weitgehend verpufft.

Viktor Giacobbo, unterwegs im «Kanton Deutschland»: Da hat der Schweizer Chefsatiriker sein Mockumentary «Der grosse Kanton» gedreht.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Viktor Giacobbo, unterwegs im «Kanton Deutschland»: Da hat der Schweizer Chefsatiriker sein Mockumentary «Der grosse Kanton» gedreht.

(Bild: zvg)

Irgendetwas stimmt da nicht. Die bibliophile Elke Heidenreich sinniert darüber, wie schön es für deutsche Jungs wäre, ein eigenes Gewehr im Schrank stehen zu haben. So, wie sich das für echte Schweizer gehöre. Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der «Linken» im Deutschen Bundestag, hofft, dass ihm seine eidgenössischen Vorfahren ungeahnte Karrierechancen eröffnen, besteht aber darauf, dass Deutschland in der erweiterten Schweiz mindestens zwei Kantone stellen solle. Wie bitte? Die Schweiz verleibt sich Deutschland ein? Mitsamt der «Kavallerie» von Steuerfahndern, Liegestuhlbesetzern und Fluglärmverächtern? Das kann ja wohl nur ein Witz sein.

Natürlich ist es das. Schliesslich stammt die Idee von Chefsatiriker Viktor Giacobbo. Auf der grossen Leinwand war Giacobbo das letzte Mal vor acht Jahren zu sehen (2005 in «Undercover»), dafür aber ist er im Fernsehen («Giacobbo/Müller») umso präsenter. Einige seiner Figuren wie der aufgedrehte Experte für alles und nichts Dr.Klöti dürfen nun auch in seinem Kinodebüt als Regisseur nicht fehlen.

Meistens aber bleibt er hinter der Kamera und überlässt einer prominenten Riege von Polit- und Kulturgrössen aus der Schweiz und aus Deutschland das Wort: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, Parteikollege Oskar Freysinger, FDP-Politiker Philipp Müller, Bundesrätin Doris Leuthard (CVP), Verleger Michael Ringier und Germanist Peter von Matt zum Beispiel oder – auf der anderen Rheinseite – dem ehemaligen Aussenminister Joschka Fischer (Die Grünen), Frank-Walter Steinmeier (SPD), CDU-Politiker Thomas Dörflinger und Kabarettist Gerhart Polt. Allesamt machen den Spass mit und lassen sich in ihren Statements auf das Szenario von der Tell-Statue auf dem Brandenburger Tor ein.

Ernst in Gänsefüsschen

Unabhängig ihrer politischen Couleur präsentiert Giacobbo seine Gesprächspartner sympathisch und unverkrampft. Spott und kritische Töne bleiben in «Der grosse Kanton» aussen vor. Stattdessen wärmen die Interviewten genüsslich altbekannte Klischees auf – stets mit grossem Augenzwinkern. Genau das ist es, woran der Film trotz seiner tollen Idee letztlich scheitert. Wenn Giacobbo schon, anders als zuletzt Simon Baumann und Andreas Pfiffner in «Image Problem», die satirische Konfrontation und Provokation scheut, wenn er sich nicht hinterrücks lustig machen möchte, dann hätte er die Sache zumindest vordergründig ernst nehmen sollen.

Für eine gelungene «Mockumentary» (siehe «Besserwissen») flüchten sich die von ihm Befragten zu oft in den Konjunktiv. So verpufft das ironische Konzept zu einem vagen Gedankenspiel; einer Parodie mit angezogener Handbremse, eingesperrt zwischen plakativen Gänsefüsschen.

Auch Polt, der so tut als ob, macht das derart offensichtlich, dass es bestenfalls als albern durchgeht. Dennoch gibt es in «Der grosse Kanton» einiges zu lachen und eigentlich immer einen Grund zum Schmunzeln. Dass der Film sein Potenzial nicht ausschöpft, merkt man zum Beispiel, wenn Peter von Matt zu Wort kommt. Es ist zu komisch, wie er sich mit heiligem Ernst und ohne eine Miene zu verziehen über die Schwierigkeiten des grossschweizerischen Projekts auslässt. Solche Momente gibt es in «Der grosse Kanton» leider zu selten.

Berner Zeitung

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