Was von Karl Marx bleibt

Das Menschenbild des frühen Marx macht den deutschen Philosophen auch 200 Jahre nach seiner Geburt noch wertvoll. Worauf es beruht.

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Kein anderer Philosoph scheidet die Geister so sehr wie der am 5. Mai 1818 in Trier geborene Karl Marx. Auf der einen Seite finden sich die orthodoxen Marxisten, die jede noch so abgedrehte und absurde Behauptung ihres Meisters bis zum hinterletzten Komma verteidigen und rechtfertigen. Alles, was er geschrieben hat, steht für die Wahrheit, und alles, was bisher nicht geschehen ist, wird noch passieren. Karl Marx, der assimilierte Jude, ist für seine Jünger so etwas wie ein säkularer Jesus: Er kam auf die Welt, um das – gottlose – Wort zu verkünden. Für sie gibt es eine Zeitrechnung vor 1818 und eine nach 1818.

Diese unter orthodoxen Marxisten weitverbreitete Untertanenmentalität ist ansteckend und gefährlich. Wie eng deren Grenzen sind, hat schon Marx selbst aufgezeigt, als er von sich sagte, er sei kein Marxist. Damit wies er auf das Fundament seines Denkens hin: auf die Dialektik, welche er von seinem Lehrer Hegel in Berlin übernommen hat. Wer diese Haltung teilt, kann kein Marxist sein. Die Verfassung der Welt ist nämlich so dynamisch – und dialektisch –, dass es solche feste Zuschreibungen gar nicht geben kann.

Wer sich Marxist nennt, um gegen Ideologen anzukämpfen, ist selbst ein Ideologe. Die angestrengte Suche nach eindeutigen Wahrheiten – und mehr noch das Festhalten an ihnen – ist eine Denkform, die dem in steter Bewegung befindlichen Leben nicht gerecht wird. Dass die Marxisten diesen Widerspruch nicht erkennen wollen, zeigt, dass ihr Treueschwur auf eine politische Theorie letztlich einen Angriff auf die Freiheit des Denkens darstellt. Wer sich also dieser Gefolgschaft verweigert, hat dafür gute Gründe.

Weg mit den Zwängen

Wer allerdings, um nun das Lager zu wechseln, die ganze Philosophie von Karl Marx in Bausch und Bogen verwirft, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Es werden dem Philosophen, der die Welt nicht nur verstehen, sondern verändern wollte, alle auf seiner Theorie fussenden politischen Fehlentwicklungen wie der Kommunismus sowjetischer Prägung zur Last gelegt. Der lebenslang politisch verfolgte Denker wird ans Kreuz geschlagen, und jeder, der daran vorbeigeht, darf ihn anspucken. Hier verbindet sich Überheblichkeit mit Arroganz und einer Ignoranz gegenüber seinem Werk. Es ist schwierig zu sagen, was bequemer und einfacher ist: die Ablehnung von oder die Anlehnung an Karl Marx.

Was der Philosoph in Worten beschwor, haben andere später in die blutige Tat umgesetzt.

Zwischen den beiden auch politisch motivierten Extremen gilt es auszuloten, was Karl Marx und den Marxismus auch heutzutage noch wertvoll macht. Dabei geht es im Wesentlichen um sein Menschenbild, insbesondere das Konzept der Freiheit, die der Philosoph in seinen frühen Schriften entworfen hat. Der in der Tradition der Aufklärung stehende Denker plädiert für die Emanzipation und Befreiung des Homo sapiens, und zwar von allen Zwängen – nicht nur in der Arbeitswelt.

Freiheit, ganz konkret

Die Versklavung der Arbeiter – nicht zuletzt unter dem Joch der entfremdeten Lohnarbeit – ist für Karl Marx Stein des Anstosses. Wie soll denn ein Mensch mündig werden, wenn er nicht frei ist? Wenn Aufklärung nach Immanuel Kant der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ist, dann ist dies ein zwar hehres, aber unerreichbares Ziel für Menschen, die an Fesseln gebunden sind.

Wer fremdverschuldet unfrei ist, kommt nie in den Genuss, das Licht der Aufklärung zu sehen. Freiheit kann also nur dann gelebt werden, wenn sie vom Staat und von der Gesellschaft gewährt wird. Während Kant ganz prinzipiell und idealistisch für die Freiheit plädiert, benennt Karl Marx die materiellen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit sie im Alltag auch reale Chancen hat.

Nur wer über Geld verfügt, kann sich auch vieles leisten und erlauben.

Karl Marx war in seiner frühen Phase ein geerdeter Denker. Er erkannte, dass die Ökonomie für die meisten Menschen die Grundlage dessen ist, was sie tun oder lassen, ja selbst was sie denken. Auch wenn man den Satz, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, nicht als eine direkte kausale Abfolge lesen darf, trifft er grundsätzlich zu: Nur wer über Geld verfügt, kann sich auch vieles leisten und erlauben. Der sich zuspitzende Monopolkapitalismus führt nach Karl Marx zu noch mehr Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, gegen die sich der Philosoph auflehnte.

Er ging von einem materialistischen Menschenbild aus, das sich nicht in einem hohlen Humanismus erschöpft, in dem sich einige wenige Vermögende beglückt spiegeln können. Marx bringt vielmehr die bedrückende Befindlichkeit der neu entstehenden Arbeiterklasse auf den Punkt – kompromisslos, wie es sich für einen kämpferischen Denker wie ihn gehörte.

Auch heute, wo wir ausser unserer Arbeitskraft zahlreiche private Daten in geradezu koketter Manier auf dem vermeintlich freien Markt feilbieten, sollte es uns beschäftigen, was Karl Marx zum Thema Ausbeutung geschrieben hat – umso mehr, als wir aus freien Stücken der Durchleuchtung und Selbstdemontage alles Individuellen zustimmen. Es ist darum heuchlerisch, wer sich jetzt über die Machenschaften von Facebook und anderen Giganten schockiert gibt. War es früher der Arbeitgeber, der mit dem von Marx präzise beschriebenen Mehrwert die genauso sukzessive wie systematische Ausbeutung der Arbeiter betrieb, so helfen wir heute mit eigenen Kräften beim kollektiven Raubbau am Individuum mit. Scheint es nur so, oder trifft es zu, dass es unseren Staaten und Gesellschaften heute besser geht als den Individuen?

Das Böse sitzt in uns

Burn-out ist nur ein möglicher Ausdruck für das Unbehagen in der zeitgenössischen Kultur, in der es im Unterschied zum 19. Jahrhundert immer schwieriger wird zu kämpfen. Wieso? Weil der Gegner, der einem früher gegenüberstand, sich ins eigene Innere verlagert hat. Wir sind das geworden, was der Soziologe Norbert Elias in dem Buch über den «Prozess der Zivilisation» beschrieben hat: ein nicht mehr aussen-, sondern ein innengelenktes Individuum. Das «Böse» ist umgezogen; die Adresse steht auf dem Absender. Wer heute also Karl Marx weiterdenken will, wie der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, darf nicht Marxist sein. Ein der Zeit verpflichtetes Denken muss sich mit der Zeit ändern.

Die Philosophie von Karl Marx wollte mehr sein als das, was sie war. Sie wollte ein Versprechen für die Zukunft sein. Spätestens als seine Ideen sich entzündeten an der besten aller Welten, wurde aus einem Denkgebäude, das meist kritisch, manchmal auch lustig ironisch war, eine Prophetie für Jünger. Es war die Zeit, als der Philosoph zum Visionär wurde und sich eine heile Welt ausmalte, in der jeder tun und lassen konnte, was er gerade wollte. Er sah das Paradies auf Erden vor Augen, das bis in die Syntax hinein Ähnlichkeiten mit dem im Alten Testament beschriebenen Urzustand nicht verleugnen kann. Aus dem säku­laren wurde ein sakraler Marx; aus der Kritik am Alten eine Religion des Neuen, die – wie die meisten Religionen – Millionen Opfer fordern sollte, bis sie weltlich gezähmt wurde.

Religiöse Zerstörungskraft

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass die (wohl unbewusste) späte Wende hin zur Bibel jener Bereich der marxschen Philosophie ist, der am meisten Zerstörungskraft entfaltete. Die Gefahr aller Utopien besteht darin, dass jedes Mittel zur Erreichung des Zieles recht ist. Um das Ideal der klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus zu verwirklichen, müsse, so Karl Marx, eine Diktatur des Proletariats errichtet werden, die selbst vor «despotischen» Massnahmen nicht zurückschrecke. Was der Philosoph in Worten beschwor, haben andere später in die blutige Tat umgesetzt.

Nach den schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts lässt sich sagen: Wenn Denker die Welt interpretieren und gar nicht verändern wollen, ist dies nicht die schlechteste Devise – zumal auch der Umweg über das Denken unser Leben verändert. Das allein ist schon deshalb glücksverheissender, als solche Eingriffe selbstbestimmt sind, nicht fremdbestimmt. Auch dies lehrt das zu wenig beachtete Menschenbild des frühen Karl Marx. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 18:59 Uhr

Das Leben eines Verfolgten

1818 Am 5. Mai wird Karl in eine zum Protestantismus konvertierte jüdische Familie in Trier geboren.

1835 Nach der Matur studiert der junge Marx Rechtswissenschaften in Bonn.

1836 Verlobung mit Jenny von Westphalen. Jus- und Philosophiestudium in Berlin.

1841 Nach der Promotion in Philosophie an der Jenaer Universität arbeitet Marx als Journalist bei der «Rheinischen Zeitung».

1843 Umzug nach Paris, um der deutschen Zensur zu entgehen. Kontakt zu Heine, Engels besucht ihn.

1845 Nach der Ausweisung aus Frankreich zieht Marx nach Brüssel. Reise mit Engels nach England.

1848 «Manifest der Kommunistischen Partei». Ausweisung aus Belgien. In Köln wird Marx Chefredaktor der «Neuen Rheinischen Zeitung».

1849 Ausweisung als Staatenloser und endgültige Niederlassung in London.

1859 Lektüre von ökonomischen Studien. «Zur Kritik der politischen Ökonomie» erscheint.

1866 1. Kongress der Internationale in Genf.

1867 Der erste Band von «Das Kapital» wird publiziert. Zwei weitere Bände erscheinen erst posthum.

1881 Seine Frau Jenny stirbt; von den sieben Kindern überlebten nur drei Töchter das Kindesalter.

1882 Reisen nach Algier, Frankreich und in die Schweiz.

1883 Tod der Tochter Jenny Longuet im Januar. Zwei Monate später stirbt Marx.

Am 5. Mai eröffnen in Trier im Rheinischen Landes­museum und im Stadtmuseum Simeon­stift zwei kulturhistorische Ausstellungen zu Marx.

Neue Bücher über Karl Marx

Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Bertelsmann, München 2017. 655 S., ca. 39 Fr.

Gareth Stedman Jones Karl Marx. Die Biographie. Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2017. 896 S., ca. 44 Fr.

Urs Marti-Brander Die Freiheit des Karl Marx. Ein Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter. Rowohlt, Reinbek 2018. 384 S., ca. 38 Fr.

Thomas Steinfeld Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx. Carl Hanser, München 2017. 288 S., ca. 34 Fr.

Nippel, Wilfried Karl Marx. C. H. Beck Wissen TB, München 2018. 128 S., ca. 15 Fr.

Autor_innenkollektiv Mythen über Marx. Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse. Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2018. 136 S., ca. 16 Fr.

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