Niemand war schon immer da

Eine gross angelegte Geschichte der Migration zeigt, dass Ein- und Auswanderung konstitutiv waren für die Schweiz. Bereits in vormoderner Zeit, als es noch keine nationalen Grenzen gab.

Hauptbahnhof Zürich, 1960: Italiener reisen in ihre Heimat zurück. Foto: ETH-Bibliothek Zürich

Hauptbahnhof Zürich, 1960: Italiener reisen in ihre Heimat zurück. Foto: ETH-Bibliothek Zürich

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Die Migration ist wie der Klimawandel eines der grossen Themen unserer Zeit. Die Meinungen dazu sind schnell zur Hand, und nicht nur Populisten bringen sie in Umlauf. Bei den zumeist hitzigen politischen Debatten fehlt es oft an Fakten und Daten, die für eine Versachlichung der Diskussion sorgen würden. Hier bietet sich die Geschichte als Rationalisierungsinstanz an: Mit ihrem kühlen Blick auf die Vergangenheit kann sie viele Prozesse oder Ereignisse, die einmalig erscheinen, in einen grösseren Kontext stellen. Während Emotionen dazu neigen, sich selbst recht zu geben, schafft es die Geschichtswissenschaft, diese einseitige Sicht auf vernünftige Weise zu relativieren.

Dies ist das Verdienst der ersten umfassenden, eben erschienenen «Schweizer Migrationsgeschichte», die von der Frühzeit bis zur Gegenwart reicht. Die Historiker André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz haben die für die Eid­genossenschaft konstitutiven Volksbewegungen und -wanderungen dargestellt. Die ersten sieben Kapitel des Buches behandeln die Vorgeschichte der Schweiz: Wie sah Migration in einer Zeit aus, als es keine Nationalstaaten gab, als die Menschen sich politisch nicht über die Nation definierten?

Kuchen aus Schweizer Hand

Damals ging es um Bewegungen zwischen Land und Stadt und die weitverbreiteten Söldnerdienste (seit den Burgunderkriegen von 1474 bis 1477 galten die Eidgenossen, vor allem Knechte und ledige Bauernsöhne, als äusserst gewaltbereit). Aufgrund fehlender Arbeit war die Schweiz jahrhundertelang ein Auswanderungsland. Diese Armutsmigration trieb viele vorwiegend junge Männer ins Ausland. Dörfer wie Elfingen verloren bis zu 40 Prozent ihrer Einwohner; zwischen 1815 und 1915 wanderten, so Holenstein, eine halbe Million Schweizer in die USA aus.

Zahlreiche Schweizer, die in der Ferne reüssierten, konnten Lehrlinge aus der Heimat nachziehen. So wurde aus der Armuts- eine Arbeitsmigration. Schweizer Konditoren eröffneten etwa in Marseille, Bordeaux oder St. Petersburg Cafés, die damals zu den ersten Adressen gehörten. Tobias Branger wanderte 1819 von Davos nach St. Petersburg aus. Mit Salomon Wolf, der ihm 1822 folgte, führte er am Newski Prospekt 18 ein bekanntes Literatencafé, in dem Schriftsteller wie Puschkin und Dostojewski verkehrten. Ein Vertrag, ausgestellt in «Davos, im Dörfli, den 24. Januar 1838», hält die Rechte und Pflichten der auswanderungswilligen Lehrlinge fest: «Zwischen mir, Salomon Wolf, und unterzeichneten Jünglingen, die gesinnet sind, nach Petersburg zu kommen zu mir und meinem Compagnion Tobias Branger, um das Conditorfach zu erlernen, werden folgende Artikel festgesetzt, so Gott will, zum Nutzen beider Parteien.»

Neben dieser Arbeits- gab es eine beachtliche Bildungsmigration: So zählte die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg im 18. Jahrhundert zeitweilig bis zu einem Drittel Schweizer Gelehrte. Besonders gut vertreten waren Naturwissenschaftler wie die Mathematiker aus der Basler Familie Bernoulli.

Vom Agrar- zum Industriestaat

Die ersten 150 Seiten des Buches belegen anschaulich, dass Sesshaftigkeit in der frühen Geschichte der Schweiz weniger häufig vorkam als ­bisher angenommen. Es gab immer verschiedene gute Gründe, das Land auf Zeit oder für immer zu verlassen – ein wesentlicher waren das fehlende Auskommen und die somit drohende Armut. Dass Wirtschaftsflüchtlinge heutzutage als mindere Migranten hingestellt werden, ist aus politischer und historischer Sicht heuchlerisch. Denn was kann einen Menschen mehr motivieren, der Heimat den Rücken zu kehren, als die Sehnsucht nach einem besseren Leben?

Der zweite Teil des Buches, verfasst von Patrick Kury (Kapitel 8 bis 12) und Kristina Schulz (Kapitel 13 bis 17), befasst sich mit Migrationsbewegungen im modernen Nationalstaat. Mit dem Übergang vom Agrar- zum Industriestaat wechseln auch die Vorzeichen: Die Schweiz entwickelt sich von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland. Dies betrifft fast alle beruflichen Bereiche: Die dem Liberalismus verpflichteten neuen Universitäten ziehen Studentinnen und Studenten aus ganz Europa an.

Schmelztiegel Zürich

Magnet ist Zürich, das damals ein europäisches Zentrum fortschrittlichen Denkens war: Russische Studentinnen schreiben sich an der Hochschule ein, und in Deutschland steckbrieflich gesuchte und verfolgte Professoren und Schriftsteller treffen sich an der Limmat. Das freiheitliche Klima zieht weite Kreise: Zürich hat 1910 einen Ausländeranteil von 33 Prozent – einen solch hohen Wert wird die Stadt erst 100 Jahre später wieder erreichen. Unter den Ausländern sind die Deutschen 1910 mit 40 Prozent die grösste Gruppe, gefolgt von den Italienern mit 37 Prozent. Erst die beiden Weltkriege drücken die Ausländerquote in der Schweiz von 15 Prozent (1910) über 9 Prozent (1930) bis 5 Prozent (1941).

Heutzutage hat jede dritte hier niedergelassene Person ausländische Wurzeln. Historisch gesehen, war die Migration also stets konstitutiv für das Land, das nicht immer, aber meistens ein liberales Flucht- und Asylregime verfolgt hat. Diese jahrhundertealte Tradition, welche die «Schweizer Migrationsgeschichte» ins Bewusstsein holt, belegt auch, dass es eine homogene Gesellschaft auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft nie gegeben hat. Wechselnde Gruppen – und Truppen – haben die Landschaft besiedelt.

Zunehmende Migration

Natürlich können die historischen Tatsachen die Emotionen, die das Thema reflexartig evoziert, nicht wegrationalisieren (zumal Einwanderung stets bedrohlicher wirkt als Auswanderung). Aber sie können zu einer sachlichen Diskussion darüber führen, welche politischen Massnahmen sinnvoll erscheinen, um Migrationsströme einigermassen zu kontrollieren. Dass dies im Zeitalter der Globalisierung nur mittels transnationaler Abkommen erreicht werden kann, dürfte allen klar sein, die eine ernsthafte Lösung der künftig zunehmenden Verschiebungen nicht nur von Waren, sondern auch von Menschen anstreben.

Buchvernissage am Freitag, 13. April, um 18.30 Uhr im Progr, Zentrum für Kulturproduktion, am Waisenhausplatz 30 in Bern. Der Eintritt ist frei.

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