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Dieses verdammte Vorderrad

Die ersten sieben Saisonrennen deuten an: Tom Lüthi ist in der MotoGP überfordert. Ihm droht der Abstieg.

Schwierige Zeiten: Tom Lüthi isst in der Königsklasse hartes Brot. (6. April 2018)
Schwierige Zeiten: Tom Lüthi isst in der Königsklasse hartes Brot. (6. April 2018)
Nicolas Aguilera, Keystone

Plötzlich war er Reisebüro. Oder Ticketschalter. Wie so ein Kiosk, gopfriedstutz.

Tom Lüthi wird eigentlich bezahlt fürs Töfffahren. So nimmt ihn die Öffentlichkeit wahr: als jemanden, der möglichst windschlüpfrig und geradlinig über den Asphalt brettert. Der nun, nach seinem Aufstieg in die Königsklasse MotoGP auf diese Saison hin, zwar nicht mehr ganz zuvorderst mitfährt, aber doch: ein noch immer sehr guter Rennfahrer ist.

Doch die Krise im Rennstall Marc VDS zwang ihm zusätzliche Rollen auf. Anfang Mai waren Geldgeber Marc van der Straten und Teamchef Michael Bartholemy unerwartet aneinandergeraten, «Veruntreuung!» keifte der eine, «Verleumdung!» der andere. Bartholemy musste gehen und mit ihm Mitarbeiter, die bis dahin die Kleinarbeit verrichtet hatten. Und weil nun keiner mehr da war, der die Reisen organisierte, kümmerte sich Lüthi selbst um Transfers. Weil keiner mehr die Gästekoordination vornahm, besorgte Lüthi Karten für Freunde und Familie. Die Pressetermine? Improvisation wurde Programm.

4 Rennen, 3 Stürze

Nun ist es nicht so, dass sich Lüthi zu schade wäre, in der Not auszuhelfen. Und er sagt, die Querelen im Team wolle er nicht als Ausrede benutzen. Dass seine Probleme auf dem Motorrad sich aber akzentuierten, als die Ablenkung zunehmend stärker wurde, ist durch Zahlen belegt. Er erlebt seither eine zünftige Misere: An vier Rennwochen­enden stürzte er nicht weniger als acht Mal, die GP von Jerez, Le Mans und Katalonien endeten für ihn allesamt auf dem Asphalt. Immerhin ins Ziel kam er nach Ausbruch der Krise in Mugello, als 16. allerdings, und so wartet Lüthi auch vor dem achten Saisonrennen an diesem Wochenende in Assen auf seine ersten WM-Punkte als MotoGP-Pilot.

Die Resultate und Auftritte legen das Zwischenfazit nahe: Der 31-jährige Emmentaler ist in der Königsklasse überfordert. Besonders auffällig ist, wie oft er übers Vorderrad seiner Honda stürzt, zuletzt in Katalonien. Auch Lüthi selbst zweifelt, mit drastischen Worten: «Wenn ich das verdammte Vorderrad nicht spüre und es permanent einklappt aus Gründen, die ich schwer nachvollziehen kann – dann ist das schwierig.»

Aufgegeben hat sich Lüthi nicht, trotz resignativem Ton. «Ich sehe mich erst am Anfang meiner Karriere als MotoGP-Fahrer», sagt er und zeigt sich «überzeugt, dass ich in dieser Klasse Fuss fassen und konstant schneller werden kann. Ich müsste einfach endlich den Kopf frei bekommen.» Auch wenn sich Teambesitzer van der Straten und Bar­tholemy inzwischen auf eine einvernehmliche Trennung geeinigt haben und im Team langsam – langsam! – Normalität einkehrt, stimmen die Rahmenbedingungen nicht. «Ruhe, Zeit, Rückendeckung und Kilometer ohne Druck» – das wäre es, was Lüthi derzeit braucht.

Das PS-Business bietet nichts davon. Und am allerwenigsten hat Lüthi: Zeit.

Sein Vertrag mit dem belgischen Rennstall ist auf dieses Jahr befristet, und mit jedem verpatzten Rennen schwindet Lüthis Chance, auch 2019 von ihm beschäftigt zu werden. Noch einen Monat hat Marc VDS Zeit, die Option auf ihn zu ziehen. Aber: Es ist ja nur schon ungewiss, ob es die Equipe in der kommenden Saison überhaupt noch gibt. Van der Straten scheint die Lust an der MotoGP vergangen – und WM-Promoterin Dorna die Freude am führungs­losen Rennstall. Als Ersatz drängt der malaysische Ölkonzern Petronas in die Königsklasse und will, so heisst es, den Vertrag von Lüthis Teamkollegen Franco Morbidelli übernehmen – daneben aber nicht Lüthi, sondern Dani Pedrosa.

Es heisst allerdings jeweils recht viel, besonders in den Monaten Mai bis Juli, der heissesten Transferphase. Lüthi nervt diese Gerüchteküche, «ich habe die Schnauze voll davon», sagt er. Lieber hält er sich an Informationen aus erster Hand. So habe ihm Marc van der Straten zweimal persönlich versprochen, auch 2019 mit ihm fahren zu wollen. Der 70-jährige Belgier hat jedoch gesundheitliche Probleme, die Verbindlichkeit solcher Aussagen ist fraglich.

Noch wehrt er sich

Wahrscheinlicher ist, dass Lüthi noch ein halbes Jahr in der MotoGP bleibt, um seine Maschine «endlich viel besser zu spüren und konkurrenzfähig zu werden», und das «Abenteuer», wie er es selbst nennt, dann wieder zu Ende geht. Und er zurück in die Moto2. «Es ist zu früh, sich damit zu beschäftigen. Ich muss die Frage nach meiner Zukunft verdrängen», wehrt Lüthi ab. Trotzdem ist es ein Szenario, mit dem sich sein Manager Daniel Epp beschäftigt. Er spreche derzeit mit allen möglichen Leuten, sagt dieser. Eine Prognose, eine offizielle zumindest, ist ihm nicht zu entlocken.

Eine Rückkehr in die Moto2 wäre für Epp aber kein Unfall. «Probiert, doch es hat nicht funktioniert» – so müsste es sein Fahrer für diesen Fall betrachten, sagt er. Zumal mit der Verletzung Ende ­Saison 2017, den dadurch verpassten Wintertests und dem verhängnisvollen Streit in der Teamführung zur Unzeit ­etwas gar viel Pech mitritt.

Eine Rückkehr in die zweithöchste Klasse böte Lüthi auch positive Aspekte: Statt um vereinzelte WM-Punkte wie in der MotoGP könnte er in der Moto2 wieder um Siege fahren. Aus Sponsorensicht gesagt: Statt kaum je im TV-Bild wäre er es wieder ständig.

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