Swisscom unterliegt WhatsApp

Die Swisscom stellt per Ende August ihren Kurznachrichtendienst iO ein. Gegen die Popularität von Konkurrent WhatsApp kam iO in der Schweiz letztlich nicht an. Zehn Mitarbeiter sind von diesem Entscheid betroffen. Kündigungen sind möglich.

Die Swisscom stellt ihren Nachrichtendienst IO ein.

Die Swisscom stellt ihren Nachrichtendienst IO ein.

(Bild: Keystone)

Jon Mettler@jonmettler

Am Mittwoch um 10:17 Uhr erhielten alle Nutzer von iO eine Nachricht mit unerfreulichem Inhalt: Die Swisscom kündigt darin an, ihren kostenlosen Kurznachrichtendienst iO per Ende August 2017 einzustellen. Vier Jahre nach der Lancierung von iO lautet die bittere Erkenntnis: Gegen WhatsApp, den Weltmarktführer von Facebook, war der grösste Schweizer Telecomanbieter chancenlos.

Das zeigen die Zahlen: iO wurde 1,7 Millionen mal heruntergeladen. Die Zahl der aktiven Nutzer gibt die Swisscom nicht bekannt. Der Gratis-Dienst WhatsApp hat gemäss eigenen Angaben über eine Milliarde Nutzer in 180 Ländern.

Telefonieren per App

Dabei sahen die Vorzeichen für iO vielversprechend aus. Der Dienst war im Jahr 2013 weltweit einer der ersten, mit dem die Kunden nicht nur Nachrichten versenden, sondern auch übers Internet mit anderen iO-Nutzern telefonieren konnten. Mit der Anwendung konnten die Nutzer sogar ins herkömmliche Festnetz anrufen.

Zudem warb die Swisscom im Nachgang zur NSA-Affäre damit, dass die iO-Server in der abhörsic heren Schweiz stünden. Das verhalf iO beim Start kurzfristig zu einer hohen Nachfrage. «WhatsApp schritt jedoch auf dem Weg zum weltweiten Giganten weiter voran», sagt Roger Wüthrich-Hasenböhler, Leiter digitale Geschäfte bei Swisscom. «Da gerade im Bereich Messaging die Kunden meist nicht mehrere Apps nutzen, ist es sehr schwierig als Schweizer Unternehmen dagegen anzutreten.»

Für iO arbeiteten zuletzt zehn Mitarbeiter. Swisscom versucht, die Betroffenen intern weiterzubeschäftigen. «Ganz ausschliessen können wir aber nicht, dass es in Einzelfällen zu Kündigungen kommt», so Wüthrich-Hasenböhler. «Dafür besteht ein Sozialplan.»

Entscheid überrascht nicht

Für Branchenbeobachter Ralf Beyeler vom Konsumentenportal Verivox kommt der Entscheid von Swisscom wenig überraschend. Er habe eigentlich damit gerechnet, dass der Telecomanbieter iO schon viel früher den Stecker ziehe: «Das Problem bei Messagingdiensten, die neu in einen Markt eintreten: Ein Konsument kann nicht selbst entscheiden, welche Anwendung er nutzt. Auch seine Gesprächspartner müssen den gleichen Messagingdienst gebrauchen.» Es sei umständlich, die App zu wechseln und die Kollegen zu überzeugen, sich das entsprechende Programm ebenfalls zu installieren.

Auch wenn mit iO ein gewichtiger Akteur aufhört: Die Schweiz bleibt ein innovativer Standort für Kurznachrichtendienste. Die kostenpflichtige Anwendung Threema verschlüsselt die versendeten Texte. Über 3,7 Millionen Nutzer kommunizieren inzwischen mit Threema. Die Server stehen in der Schweiz, der Sitz von Threema befindet sich in Pfäffikon SZ.

Die kostenlose App Drotr wiederum feiert am 18. Mai 2017 Weltpremiere und kann Text in Echtzeit in 104 Sprachen übersetzen. Der Sitz der Firma befindet sich in Cham ZG. Die Marktmacht von WhatsApp bleibt für die Schweizer Entwickler aber eine Herausforderung, wie Experte Ralf Beyeler sagt: «Threema ist mit der Verschlüsselung in einer Nische aktiv. Doch Threema wird sich in der breiten Masse nicht durchsetzen können.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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