Stilles Örtchen

Stehen zwei Männer am Pissoir. Was klingt wie der Anfang eines Witzes, kann tatsächlich die Szenerie eines Trauerspiels sein.

Michael Bucher@MichuBucher

Unangenehmes Schweigen. Es kann auftreten, wenn beim Familienessen im Rössli der senile Grossvater einen rassistischen Spruch raushaut. Oder wenn beim ersten Date bereits nach kurzer Zeit die Themen ausgehen.

Es gibt einen Ort, wo peinliches Schweigen noch viel unangenehmer sein kann, und zwar auf dem Pissoir am Arbeitsplatz. Da steht man eng nebeneinander, starrt die Wand an und fühlt sich verpflichtet, etwas zu sagen – notabene während man sein bestes Stück in der Hand hält. Irgendwie komisch, nicht? Aber worüber reden unter diesen Voraussetzungen? Über die Pläne fürs Wochenende? Über den neuen Drucker, den niemand bedienen kann? Über die skandalöse Aussortierung der Oreo-Güezi aus dem Selecta-Automaten?

Es gibt ja Männer, die nicht können, wenn jemand danebensteht. Ich gehöre zum Glück nicht zu jenen gepeinigten Seelen. Trifft es sich, dass ich meine Notdurft neben jemandem mit Pinkelstörung verrichte, so kann das mitunter zu unangenehmen Situationen führen. So wie neulich: Während bei mir der Bach rauscht, herrscht im Klangkörper nebenan gespenstische Stille. Das scheint meinen Nachbarn etwas nervös zu machen. Verkrampft und beinahe bettelnd blickt er an sich herunter. Doch da kommt einfach nichts. Um die Situation etwas aufzulockern, versuche ich ihn in ein unverfängliches Gespräch zu verwickeln. Doch der Small Talk nützt nichts, im Gegenteil.

Hastiger als sonst beende ich meinen Toilettenbesuch, um für mich und mein Nebenan diese Unannehmlichkeit zu beenden. Ich wasche mir die Hände und drehe dabei den Hahn bis zum Anschlag auf. Einerseits, um die peinvolle Stille zu vertreiben, andererseits, um dem verzweifelten Artgenossen die akustische Initialzündung zu liefern, um loszustrullern.

Als ich den Hahn zudrehe, höre ich es: Die Schleusen sind geöffnet. Mein Kollege blickt jetzt nach oben. Seine Haltung ist gelöst. Ich überlege mir, ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Doch gönne ich ihm den Triumph mit angemessener Zurückhaltung.

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