Die Debatte über neue Grenzen auf dem Balkan ist entbrannt

Was bedeuten die gefährlichen Kartenspiele für die Betroffenen? Zu Gast in einer albanischen Gemeinde in Südserbien.

Wird sie bald verschoben? Nato-Soldaten patrouillieren die serbisch-kosovarische Grenze bei Jarinje. Bild: Keystone / Valdrin Xhemaj

Wird sie bald verschoben? Nato-Soldaten patrouillieren die serbisch-kosovarische Grenze bei Jarinje. Bild: Keystone / Valdrin Xhemaj

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Es vergeht kein Tag, an dem der kosovarische Staatschef Hashim Thaci nicht über die «definitive Lösung» des Konflikts mit Serbien schwadroniert. Am Morgen organisiert er eine Pressekonferenz in seinem Amtssitz in der Hauptstadt Pristina, am Nachmittag erklärt er in den sozialen Medien, wie er Belgrad überzeugen will, sich mit der Unabhängigkeit Kosovos abzufinden, und am Abend sieht man Bilder, die den eher linkischen Thaci beim Fussballspielen zeigen. Wenn er Anlauf nimmt, gehen die Gegner aus dem Weg.

Nun hat der Präsident eine neue politische Offensive gestartet – mit einem Tabubruch: Der Streit mit Serbien, so Thaci, liesse sich durch «Grenzkorrekturen» beilegen. Gemeint ist die Ver­einigung von albanisch besiedelten Gemeinden in Südserbien mit Kosovo. Als Gegenleistung würde Kosovo den serbisch dominierten Norden an Belgrad abtreten. So etwas sagt Thaci natürlich nicht explizit, diese Aufgabe übernimmt für ihn der serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic. Er setze sich für eine «Abgrenzung» zwischen Serben und ­Albanern ein, sagte kürzlich der frühere Ultranationalist. Das Wort «Abgrenzung» ist ein Euphemismus für neue Grenzen auf dem Balkan. Wie die ­Zerstückelung der Region genau aussehen soll, will Vucic bald erklären. Er werde seine Karten noch in diesem Herbst offenlegen.

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Was bedeuten die Pläne für die betroffenen Menschen? In Bujanovac, einer mehrheitlich von Albanern bewohnten Gemeinde in Südserbien, herrscht bisher jedenfalls keine Euphorie. «Wir wurden nicht gefragt, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen», sagt Bürgermeister Shaip Kamberi. Er ist ein besonnener Politiker, nationalistische Provokationen liegen ihm fern. Kamberi sitzt in einem Restaurant vor dem Gemeindehaus, rührt in seiner Kaffeetasse und versucht, die Stimmung in der Bevölkerung zu erklären, aber er wird ständig von Bettlern unterbrochen.

Massenexodus befürchtet

Die etwa 80'000 Albaner in Südserbien leben in den Gemeinden Bujanovac, Presevo und Medvedja. Die Mehrheit würde einen Anschluss an Kosovo unterstützen. Kamberi vermutet jedoch, dass Serbien nur ein paar dünn besiedelte Dörfer im Grenzgebiet zu Kosovo aufgeben könnte. Die Abspaltung der Stadt Bujanovac und der umliegenden Dörfer wird Belgrad kaum zulassen. Die Folge wäre ein Massenexodus der Albaner, befürchtet der Bürgermeister von Bujanovac. «Eine solche Tragödie wollen wir verhindern.»

Ein paar Hundert Meter vom Stadtzentrum entfernt verlaufen der Paneuropäische Verkehrskorridor 10, der Europa mit dem Vorderen Orient verbindet, und die Eisenbahnlinie, die nach Thessaloniki und Istanbul führt. Beobachter rechnen nicht damit, dass Belgrad die Verschiebung der kosovarischen Grenze bis in die Nähe dieser geostrategisch wichtigen Verkehrswege akzeptiert. Was aus mindestens zehn albanischen Dörfern auf der anderen Seite der Autobahn und der Bahnstrecke wird, falls bei Bujanovac doch eine neue Grenze entsteht, scheint weder Vucic noch Thaci zu kümmern. Auf einem Hügel unweit von Bujanovac hat die serbische Armee eine grosse Basis gebaut.

Karte: Serbische Kosovaren und albanische Serben

Kurz nach dem Kosovo-Konflikt 1999 hatten albanische Extremisten einen Kleinkrieg in Südserbien angezettelt, um die Vereinigung mit Kosovo zu erzwingen. Daraus wurde nichts, doch unter dem Druck des Westens musste Serbien ein paar kleine Konzessionen machen. Es wurde eine multiethnische Lokalpolizei gebildet, in der Gemeindeverwaltung durften nun mehr Albaner arbeiten, der Staat teerte ein paar Strassen, erstmals in der jüngeren Geschichte übernahm ein Albaner das Amt des Bürgermeisters von Bujanovac.

Doch inzwischen sei fast alles zum Stillstand gekommen, sagt Kamberi. Er wirft den serbischen Behörden vor, sie hätten gezielt die Integration der Albaner gestoppt. Die multiethnische Polizei nehme keine Albaner mehr auf, die Zentralregierung blockiere die Privatisierung von Staatsbetrieben in Bujanovac, im Regionalspital im nahe liegenden Vranje arbeite kein einziger Albaner, erklärt Bürgermeister Kamberi. Albaner aus Südserbien, die in Kosovo studieren, haben keine Chance auf einen Arbeitsplatz in den staatlichen Institutionen, weil die Belgrader Regierung ihre Abschlüsse nicht anerkennt. Die schlechte Wirtschaftslage zwinge die Menschen, die Heimat zu verlassen, so Kamberi. Serben suchen eine bessere Zukunft in zentralserbischen Städten, die jungen Albaner versuchen ihr Glück in Kosovo oder hoffen, dass ihre Eltern eine Ehe mit einer jungen Frau aus der albanischen Diaspora in der Schweiz arrangieren.


Bilder: Serbischer Propagandazug vor kosovarischer Grenze gestoppt


Von den 43'000 Einwohnern der multiethnischen Gemeinde Bujanovac leben etwa 13'000 Albaner in der Schweiz und in Deutschland. Im Sommer besuchen sie die alte Heimat, wo sie grosszügig Geld ausgeben, Hochzeiten feiern, Wohnungen kaufen und Häuser bauen. Das Stadtzentrum, früher eine Hochburg der Serben, befindet sich heute fast ausschliesslich in albanischer Hand. «Was wird aus den Eigentümern, wenn Politiker willkürlich neue Grenzen skizzieren?» Shaip Kamberi ist nicht alleine mit dieser Frage.

Ramas Hinterzimmerpolitik

Etwa 30 Kilometer weiter, nahe der Grenze zu Mazedonien und Kosovo, befindet sich die Stadt Presevo. Über 90 Prozent der Einwohner der Gemeinde sind Albaner. Am Ortseingang entsteht gerade ein neues Viertel, das den Namen «Swiss Dorf» trägt. Swiss sells – auch in Presevo. Riza Halimi, jahrelang der einflussreichste Politiker der albanischen Minderheit in Serbien, empfängt in seinem Büro, das wie aus der Zeit gefallen wirkt: ein langer Tisch, ein stark abgenutzter Spannteppich, wackelige Stühle, an der Wand der albanische Doppeladler. Der ehemalige Physiklehrer ist ein wenig überrascht vom plötzlichen Interesse des kosovarischen Präsidenten für die Lage der Albaner im Presevo-Tal. Von Thacis hochtrabenden Vorstellungen hält Halimi offensichtlich nicht viel. Er betont immer wieder, dass zu einer so ernsthaften Frage wie Grenzverschiebungen vor allem das kosovarische Parlament und alle Parteien in Pristina Stellung beziehen müssten. Mit seinem Vorschlag steht Thaci in Kosovo bisher fast alleine da.

Die Kosovo-Serben sind gespalten. Im Norden des Landes, wo Belgrad immer noch viel Einfluss hat, wird die Idee der Teilung unterstützt. Dort leben etwa 40'000 Serben. Doch in den letzten Tagen hat sich ein prominenter Kritiker des serbischen Präsidenten Vucic zu Wort gemeldet: Der Mönch Sava Janjic aus dem serbisch-orthodoxen Kloster Decani warnt vor einer Zerstückelung Kosovos. Sollte das Szenario eintreten, drohe die Auswanderung von 70000 Serben, die im restlichen Kosovo leben. Daraufhin wurde Janjic von der Belgrader Presse zum Volksfeind erklärt.


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Die gefährliche Debatte über neue Grenzen auf dem Balkan ist entbrannt, weil die mit internen Problemen ringende EU den Staaten der Region keine glaubwürdige Beitrittsperspektive anbieten kann. Ausserdem haben sich die USA aus der Region fast verabschiedet. Unter Donald Trump findet ein radikaler Rückbau des Aussenministeriums in Washington statt. Das Sagen haben nun Falken wie John Bolton. Der neue nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten ist als Gegner der kosovarischen Unabhängigkeit bekannt. Die USA seien nun bereit, auch die Argumente Belgrads für «kreative Lösungen» der Kosovo-Frage zu hören, meinte Serbiens Aussenminister Ivica Dacic Ende Juli nach Treffen mit Bolton und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

Dacic befürwortet eine Teilung Kosovos zwischen Serbien und Albanien. Um das Projekt voranzutreiben, hofierte Belgrad mehrmals auch den albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama. Dacic ging bei einem Balkan-Treffen in Paris 2014 so weit, dass er dem exzentrischen Künstler aus Tirana ein Geburtstagsständchen – «O sole mio» – sang.


Video: «O sole mio»

Dacic singt dem albanischen Ministerpräsidenten ein Ständchen. Video: YouTube / Dnevna Doza (23. Juni 2017)


Westliche Diplomaten werfen Rama vor, er mache mit bei dieser Hinterzimmerpolitik um neue Grenzen. Kürzlich schrieb die Nachrichtenagentur DPA, in Serbien wachse die Sorge vor einem Grossalbanien. Das Gegenteil ist wahr: Die Regierungspolitiker in Belgrad unterstützen nun ganz offen die Teilung Kosovos, der Rest kann sich dann – laut Aussenminister Dacic – Albanien anschliessen. Dieser Präzedenzfall wird in Belgrad geradezu herbeigewünscht.

Merkels Machtwort

Lässt der Westen diese Entwicklung zu, dann hat er kaum Argumente, um die Bildung eines grossserbischen Staates zu verhindern. Am Wochenende sagte der Führer der bosnischen Serben, Milorad Dodik, es brauche auch in Bosnien eine «Abgrenzung» zwischen den Ethnien. Die Beerdigung des kosovarischen Staates könnte auch dem albanischen Nationalismus überall in der Region Auftrieb geben. In Mazedonien leben über eine halbe Million Albaner. Sie könnten eine Vereinigung mit Albanien verlangen. Die Kettenreaktion wäre kaum zu stoppen.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sprach letzte Woche ein Machtwort. Die Grenzen auf dem Balkan seien unantastbar, sagte sie. «Man muss das immer wieder sagen, weil es immer wieder Bestrebungen gibt, vielleicht doch noch einmal über Grenzen zu reden. Das können wir nicht tun.» Doch die Brandstifter auf dem Balkan werden nicht lockerlassen, solange die EU und die USA die albanischen Provokateure nicht zurechtweisen und Serbien nicht zwingen, sich mit der Unabhängigkeit Kosovos abzufinden und die Souveränität Bosniens zu respektieren. Bis es so weit ist, werden die albanische Minderheit in Südserbien und viele Serben in Kosovo in eine ungewisse Zukunft blicken.

Erstellt: 22.08.2018, 09:56 Uhr

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