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«Anzeiger Region Bern»Stadt Bern sieht keinen Deal mit Tamedia

Pietro Supino, Verleger von Tamedia, schlug Stadt und Kanton Bern vor, den defizitären Anzeiger zu übernehmen, um das Zeitungsmodell mit «Bund» und BZ zu retten. Die Stadt hält diesen Weg nicht für gangbar.

Der «Anzeiger Region Bern» ist schwer defizitär. Und deshalb Gegenstand eines medienpolitischen Seilziehens.
Der «Anzeiger Region Bern» ist schwer defizitär. Und deshalb Gegenstand eines medienpolitischen Seilziehens.
Foto: Tomas Wüthrich

Was Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der Zürcher TX Group und Verleger von Tamedia, die unter anderem «Berner Zeitung» und «Bund» herausgibt, schrieb, hatte es für die Berner Medienöffentlichkeit in sich. Vor einer Woche machte er sich in einem Editorial im «Bund» Gedanken darüber, welche Voraussetzungen er für unabdingbar hält, damit sich Tamedia unter den aktuell schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen die Fortführung des «Berner Modells» vorstellen kann. Unter dem «Berner Modell» versteht man die Herausgabe der zwei sich publizistisch konkurrenzierenden Zeitungen «Bund» und BZ unter einem Verlagsdach.

Deutlich redete Supino unter anderem der Politik ins Gewissen. So müsse das Bundesparlament verhindern, dass «Bund» und «Berner Zeitung» im nationalen Medienförderungsgesetz durch die sogenannte Holdingklausel «benachteiligt» würden. Nach ihr würden verschiedenen Onlinemedien aus demselben Haus wie ein Medium behandelt.

Supino forderte aber auch von der lokalen Politik ein unmissverständliches Bekenntnis. Im Auge hat er den schwer defizitären Amtsanzeiger der Region Bern. «Anstatt damit viel Geld zu verlieren und den Wettbewerb zu verzerren», hielt Supino wörtlich fest, «sollten die Regierungen von Stadt und Kanton Bern nach einer gemeinsamen Lösung suchen.»

Wünscht sich eine gemeinsame Lösung mit Stadt und Kanton für den Anzeiger: Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der TX Group.
Wünscht sich eine gemeinsame Lösung mit Stadt und Kanton für den Anzeiger: Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der TX Group.
Foto: Reto Oeschger

An einer Sitzung Mitte Juni mit einer Delegation der Kantons- und der Stadtregierung habe Supino sein Interesse an einer Übernahme des Anzeigers deponiert, bestätigt Christian Kräuchi, Sprecher der Kantonsregierung, auf Anfrage. Die Vertreter von Stadt und Kanton hätten damals aber nicht spontan darauf eingehen können. So gesehen sei es verständlich, dass Supino nun im «Bund» seinen Vorschlag öffentlich bekräftige, so Kräuchi.

«Erpresserbrief»?

Namentlich unter linken Berner Stadtpolitikern löste Supinos via «Bund» erhobener Mahnfinger an die Politik Kritik aus. Willi Egloff, Stadtpolitiker der Partei der Arbeit (PdA), bezeichnete Supinos Schreiben im Onlinemagazin «Journal B» sogar als «Erpresserbrief», weil dieser den Fortbestand des «Berner Modells» an die Bedingung knüpfe, dass die Berner Politik Geldflüsse in Richtung TX Group umlenke.

Sieht keinen Sinn in einem gemeinsamen Projekt mit der TX Group für den Anzeiger: Michael Aebersold, städtischer Finanzdirektor.
Sieht keinen Sinn in einem gemeinsamen Projekt mit der TX Group für den Anzeiger: Michael Aebersold, städtischer Finanzdirektor.
Foto: Raphael Moser 

Kritisch nimmt nun erstmals ein Mitglied der Berner Stadtregierung zu Supinos Vorschlag Stellung, gemeinsam mit der TX Group eine Lösung für den «Anzeiger Region Bern» zu suchen. «Eine solche Lösung sehe ich nicht», sagt Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) auf Anfrage klipp und klar. Aebersolds Stimme ist wichtig. Denn herausgegeben wird der Anzeiger vom Gemeindeverband Anzeiger Region Bern (ARB), einem Zusammenschluss der Agglomerationsgemeinden, in dem die Stadt wegen ihrer Grösse die Hälfte der Stimmkraft besitzt. Und auch die Hälfte der Defizite deckt.

Seit 2013 fährt der «Anzeiger Region Bern», der zurzeit nur noch einmal wöchentlich mit einer Auflage von 155’000 Exemplaren erscheint, Fehlbeträge ein. Allein im Jahr 2019 waren es über zwei Millionen Franken, im laufenden Corona-Jahr dürfte das Defizit noch höher ausfallen. Vor wenigen Monaten wurde bekannt, dass nicht nur die TX Group, sondern auch der Könizer Sportvermarkter IMS, der den Gratisanzeiger «Berner Bär» herausgibt, bereit gewesen wäre, den Anzeiger zu übernehmen. Doch der Deal kam nicht zustande.

Zukunft Digitalisierung

Um sich vom finanziellen Pferdefuss Anzeiger zu befreien, baut die Stadt weder auf den «Berner Bär» noch auf die TX Group, sondern auf die Digitalisierung. Der Kanton bereitet derzeit eine Gesetzesänderung vor, gemäss der Gemeinden künftig ihre Amtsanzeigen nicht mehr zwingend gedruckt publizieren müssen. «Die Stadt wird auf jeden Fall digital gehen, sobald das möglich ist», kündigte Aebersold schon früher an. Auch aus finanziellen Überlegungen: Aus heutiger Sicht werde der E-Anzeiger günstiger, so Aebersold. Jede andere Lösung koste die Stadt viel Geld – auch diejenige mit der TX Group.

Wie die Stadt denken auch die meisten grösseren Agglomerationsgemeinden. Sie wollen gemäss einer internen Vernehmlassung im ARB möglichst rasch auf digital umsteigen. Womit sich abzeichnet, dass sich der ARB in absehbarer Zeit auflösen wird.

Michael Aebersold macht klar, dass die Stadt selbst dann kaum mit der TX Group ins Geschäft käme, wenn sie dies wollte. Die Kündigungsfrist für den Austritt aus dem Gemeindeverband betrage ein Jahr, wäre also frühestens Ende 2021 möglich. Abgesehen davon trage die Stadt als grösstes Mitglied auch eine soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden des Anzeigers.

«Ich bezweifle, ob Herr Supino mit seiner Äusserung den richtigen Weg einschlägt», schliesst Aebersold. Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien klar: Der ARB könne nicht einfach eine Exklusivlösung mit der TX Group beschliessen. Auch deshalb glaubt Aebersold, dass es wenig Sinn mache, die Anzeiger-Lösung mit dem «Berner Modell» zu verbinden.

6 Kommentare
    Bärner

    Wie will Aebersold den Zugang für nicht Digitale Personen sicherstellen, denn das verlangt der Kanton bei der Einführung des E-Anzeigers. Der Anzeiger ist das offizielle Publikationsmittel von Kanton und Gemeinden!