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Frutigen-Prozess in ThunStaatsanwältin fordert Strafe von 17 Jahren

In ihrem Plädoyer setzte die Staatsanwältin im Prozess wegen Tötung und Brandstiftung in Frutigen akribisch zusammen, was bekannt ist.

Im Februar 2018 wurde dieses Haus in Frutigen komplett zerstört: Vieles deutet darauf hin, dass jemand durch Brandstiftung seine Spuren verwischen wollte.
Im Februar 2018 wurde dieses Haus in Frutigen komplett zerstört: Vieles deutet darauf hin, dass jemand durch Brandstiftung seine Spuren verwischen wollte.
Foto: Archiv BOM

«Warum ist die Frau gestorben? Warum ist das Haus vollständig abgebrannt? Warum hat der Beschuldigte gelogen? Warum ist er abgehauen?» Mit diesen Worten eröffnete Staatsanwältin Barbara Wüthrich am Donnerstag ihr Plädoyer am Regionalgericht in Thun. «Die Ermittlungen brachten Antworten, aber nicht auf alle Fragen», sagte sie.

Die Juristin sprach von der Beziehung des Beschuldigten zur Toten, die offenbar ein Hin und Her über viele Jahre war. «Der Tod setzte den Schlusspunkt und hinterlässt nur Verlierer.» Damit meinte Wüthrich aber nicht nur den Beschuldigten, sondern auch die Familie des Opfers.

Viele Indizien …

Für die Beurteilung der Tat müssen die Indizien zu einem vollständigen Bild zusammengefügt werden. Nur wenn das Gesamtbild stimmt, gelten Indizien als indirekte Beweise. So zeichnete die Staatsanwältin zunächst die zeitliche Abfolge der Ereignisse nach.

Darin waren die Daten aus den Mobiltelefonen eingeschlossen und auch die Auswertung der Bewegungen des Jeeps des Beschuldigten, welcher die Fahrten aufzeichnet. Sonderbar war, dass der Beschuldigte am Tag, als das Haus seiner Partnerin niederbrannte, praktisch zur Zeit des Brandausbruches abreiste. Dieser Umstand hatte überhaupt erst den Anfangsverdacht geweckt.

«Die Ermittlungen brachten Antworten, aber nicht auf alle Fragen.»

Staatsanwältin Barbara Wüthrich

Danach würdigte Barbara Wüthrich die Aussagen des Rechtsmediziners, des Brandexperten und des Hundeführers. Ein Tötungsdelikt kann nach deren Erkenntnissen nicht ausgeschlossen werden, und der Fund von Heizöl an merkwürdigen Stellen in der Wohnung weist auf Brandstiftung hin.

«Das Haus brannte, weil Feuer gelegt und Brandbeschleuniger benutzt wurde. Es hat nur einen Täter gegeben, denn der Brand sollte Spuren auslöschen», sagte Wüthrich. Der genaue Todeszeitpunkt der Frau konnte indes nicht mehr ermittelt werden. Letzte Lebenszeichen lassen aber den Zeitraum auf eine Woche vor dem Brand einschränken, dafür gibt es Zeugenaussagen und Daten des Telefonverkehrs.

… und Ungereimtheiten

Mit den allerletzten Telefondaten, die einen späteren Todeszeitpunkt suggerieren sollen, stimme Verschiedenes nicht, weil die Art und Weise überhaupt nicht zum Opfer passe: Das Opfer hatte ihrem Chef immer in Mundart geschrieben, das letzte Mail war aber auf Hochdeutsch verfasst.

Warum musste der Beschuldigte ausserdem die Handynummer des Chef über Google suchen? Seine Freundin hätte diese sicher gespeichert gehabt oder auswendig gewusst, so die Staatsanwältin. Warum erzählt der Angeklagte, er habe seine Freundin ins Inselspital bringen müssen? Das sei eine glatte Lüge, denn das Opfer sei gar nie dort gewesen, so die Staatsanwältin.

Warum erzählt er einem Bekannten, seiner Freundin gehe es nicht gut, er müsse sofort nach Hause, und am gleichen Tag sagt er zu seiner Mutter, der Freundin gehe es gut? Das seien doch sehr widersprüchliche Angaben des Beschuldigten, stellte Barbara Wüthrich fest.

Mehrere Zeugen

Zu anderen Fragen gibt es Zeugen, die in der Zeit um den Brand etwas beobachtet haben. Zum Beispiel am Morgen vor dem Feuer: Ein Nachbar hat das Auto des Beschuldigten bis gegen Mittag beim Haus des Opfers gesehen.

Eine Nachbarin war erstaunt darüber, dass alle Fenster in der Wohnung offen standen, denn es war ein kalter Wintertag damals Mitte Februar. Der Bruder des Angeklagten suchte diesen, sah ebenfalls das Auto vor dem Haus der Verstorbenen, konnte den Beschuldigten aber weder telefonisch noch persönlich erreichen.

«Der Beschuldigte wäre körperlich und intellektuell in der Lage gewesen, die Tat zu planen und auszuführen.»

Der Anwalt der Opferfamilie

So fügte die Staatsanwältin ein Teilchen zum andern, was für sie nur einen Schluss zulässt: Es handelt sich hier um vorsätzliche Tötung und Brandstiftung, um die Spuren zu verwischen.

Bei vorsätzlicher Tötung kann eine Freiheitsstrafe von maximal 20 Jahren ausgesprochen werden. Kommt noch ein weiteres schweres Delikt dazu, muss darum mit einer hohen Freiheitsstrafe gerechnet werden. Staatsanwältin Wüthrich hält deshalb eine Freiheitsstrafe von 17 Jahren für angemessen. Die Kosten für das Verfahren gehen zulasten des Angeklagten.

Genugtuung für Familie

Der Anwalt der Familie der getöteten Frau schloss sich den Ausführungen der Staatsanwältin an. Er machte ein paar Ergänzungen und sagte: «Der Beschuldigte wäre körperlich und intellektuell in der Lage gewesen, die Tat zu planen und auszuführen.»

Die Familie fordert vom Beschuldigten insgesamt eine Genugtuung von 100’000 Franken für die Eltern und die beiden Geschwister. Am Freitag wird der Verteidiger sein Plädoyer halten.

SDA