Für einmal dreht sich vieles um sie

Als Schützin sei sie den Rummel um ihre Person nicht gewohnt, sagt Heidi Diethelm Gerber (47) nach dem Gewinn der Bronzemedaille. Für den Schiesssportverband ist der Erfolg ein Segen.

Präzise zu Bronze: Heidi Diethelm Gerber strahlt mit der Medaille.

Präzise zu Bronze: Heidi Diethelm Gerber strahlt mit der Medaille. Bild: Keystone

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Es ist abends um elf Uhr am Dienstag, als Heidi Diethelm Gerber immer noch nicht zum Essen gekommen ist. «Macht nichts, ich habe weder Zeit noch Musse dafür», sagt sie im House of Switzerland. Alles ist so aufregend, nachdem die Schützin sechs Stunden zuvor mit der Sportpistole Bronze und damit die erste Schweizer Medaille geholt hat. «Für eine Schützin ist dieser Medienrummel alles andere als normal», sagt sie, «aber ich geniesse ihn.»

Für Diethelm Gerber ist die Rechnung aufgegangen. Vor zwei Jahren wurde die gelernte Hotelfachfrau Profi. Seither trainiert sie täglich sechs Stunden und wohnt mit ihrem Mann, der auch ihr Coach ist, wieder im Haus ihrer Mutter. «Ich habe das Ganze finanziell ziemlich ausgereizt», sagt die Thurgauerin.

Von Swiss Olympic erhält sie nun 20 000 Franken für ihren Bronzecoup. Dies wird sie freuen, im Vordergrund jedoch steht nicht das Geld. «Es freut mich primär, weil dieses Resultat die anderen Schützen ermutigen wird. Der Schiesssport hat es nicht leicht.»

Rückläufige Zahlen

Einst mussten Schweizerinnen und Schweizer einem Schützenverein angehören, um das «Obligatorische» schiessen zu dürfen. Der hiesige Schiesssportverband galt als grösste Sportorganisation der Schweiz. Die Zeiten haben sich geändert, und doch sind nach wie vor 130 000 Mitglieder in über 3000 Vereinen registriert. Die Zahlen sind aber rückläufig, fusionieren doch immer mehr Klubs, zudem werden Schiessstände abgebaut.

Umso willkommener ist Diethelm Gerbers Erfolgserlebnis, welches die Schützen temporär ins Rampenlicht rückt. Überdies verbessern gute Resultate an Grossanlässen die Position der Schützen im internen Ranking von Swiss Olympic, welches für die Förderbeiträge zentral ist.

Bis zu den Sommerspielen 2004 in Athen war das Sportschiessen in der Hierarchie des Dachverbandes auf der höchsten Stufe angesiedelt. Danach fiel es auch wegen schwacher Ergebnisse eine Position nach unten.

Nun will der Schweizer Schützenverband investieren. In Magglingen wird ein Leistungszentrum eröffnet. «Wir müssen einen Schritt vorwärts machen», sagt Nationaltrainer Daniel Burger, «das sind wir unserem Nachwuchs schuldig.» Die übrigen Rio-Teilnehmer Jan Lochbihler (24), Nina Christen (22) sowie die Seeländerin Sarah Hornung (20) jedenfalls sind jung und gelten als grosse Talente.

Wie es bei Heidi Diethelm Gerber weitergehen wird, ist derweil ungewiss. Schiessen kann man zwar auch im fortgeschrittenen Alter: In Rio ist beispielsweise der 54-jährige Australier Warren Potent dabei.

Trotzdem weiss die erste Schweizer Medaillengewinnerin dieser Spiele nicht, ob sie nochmals einen vierjährigen Olympiazyklus auf sich nehmen will. Vorerst plant die Europameisterin bis zur WM 2018. «An Weltmeisterschaften habe ich noch eine Rechnung offen.» Die Gegnerinnen sind gewarnt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.08.2016, 07:44 Uhr

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