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Zwei auf Stenmarks Spuren

Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin könnten Ingemar Stenmarks vermeintlich unübertreffliche 86 Weltcupsiege toppen. Dabei sind sie so verschieden.

Die eine ist Stenmark schon ziemlich nah, die andere der Zeit voraus: Lindsey Vonn (l.) und Mikaela Shiffrin. Foto: Agence Zoom
Die eine ist Stenmark schon ziemlich nah, die andere der Zeit voraus: Lindsey Vonn (l.) und Mikaela Shiffrin. Foto: Agence Zoom

Lindsey Vonn sagt: «Ich will diesen Rekord, unbedingt.» Mikaela Shiffrin sagt: «Ich fahre nicht, um irgendwann einmal in Geschichtsbüchern zu stehen.» Und Ingemar Stenmark sagt - fast nichts, wie früher.

Zwischen 1974 und 1987 gewann der Schwede 86 Weltcuprennen. Es schien eine Bestmarke für die Ewigkeit zu sein; ungeachtet dessen, dass der Kalender seit langem weit mehr Bewerbe umfasst als in den Siebzigern und Achtzigern und dass die Karrieren mit dem 30. Altersjahr längst nicht mehr automatisch enden. Zwei Frauen aus den USA aber haben sich angeschickt, am Thron der Skilegende zu rütteln. Die eine ist ihr bedrohlich nahe gekommen, die andere vermeintlich weit weg, aber der Zeit voraus.

79-mal stand Lindsey Vonn zuoberst auf dem Podest, Mikaela Shiffrin steht bei 41 Siegen. Nur: Sie wird Mitte März erst 23, ist über zehn Jahre jünger als Vonn. Diese totalisierte in Shiffrins Alter lediglich 7 Weltcupsiege. Bei Stenmark waren es 34. Und Vreni Schneider, mit 55 Triumphen erfolgreichste Schweizerin, hatte mit knapp 23 auch «erst» elfmal gewonnen.

Hochrechnungen sind Humbug. Es steht jedoch ausser Frage, dass Shiffrin Tür und Tor offenstehen. Im Slalom ist sie mehr als eine Klasse besser als die Konkurrenz, im Riesenslalom gehört sie regelmässig zu den Schnellsten. Im Dezember entschied sie gar die Abfahrt von Lake Louise für sich - in den Speeddisziplinen ist ihr Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft. Vonn hingegen hat den technischen Sparten abgeschworen. Sie hat an Konstanz und Sicherheit eingebüsst, ist auf Gleiterstrecken indes nach wie vor das Mass aller Dinge.

Mit der Rekordthematik setzen sich die beiden unterschiedlich auseinander. Vor den beiden Abfahrten vom Wochenende in Garmisch findet Vonn, Stenmarks Erfolge seien ihr Antrieb: «Ingemars wahnsinnige Marke zu übertreffen, ist mein wichtigstes Ziel.» Nach drei Ausfällen in den letzten vier Rennen ist Shiffrin dagegen gar nicht erst nach Bayern gereist, die Schonung vor Olympia geniesst Priorität. Via Management lässt sie ausrichten, sie verschwende keinen Gedanken an den Rekord. Allein wegen der Fragen von Journalisten habe sie sich dieser Sache angenähert. Wichtiger sei, in allen Disziplinen erfolgreich zu sein. Wobei im Palmarès einzig ein Super-G-Sieg fehlt.

Shiffrin ist völlig anders

Nicht wenige bezeichnen Shiffrin als Gegenentwurf zu Vonn. Dies mag übertrieben sein, signifikante Differenzen aber bestehen durchaus. Da ist Vonn, die Ich-AG, die alles tut, um aufzufallen. Die ihre Depressionen offenlegt und mit Tiger Woods anbandelt; sich mit Roger Federer und Lewis Hamilton ablichten lässt, mal nackt in der Abfahrtshocke und mit Skistöcken unter den Armen posiert. Die Nebenrollen in Filmen spielt, sich als Promoterin des Skisports in ihrer Heimat versteht, allein durch Werbung jährlich über 3 Millionen Franken verdienen soll.

Da ist Shiffrin, die mit Eloquenz überzeugt, sich nicht künstlich inszenieren mag, auf Social-Media-Plattformen eher eine graue Maus ist. Die das Skifahren in den USA über den Sport bekannt machen will. Die nach Perfektion statt nach Aufmerksamkeit strebt, ihre Beziehung zum französischen Riesenslalomfahrer Mathieu Faivre lange geheim hält. Die von Mutter Eileen auf Schritt und Tritt begleitet und behütet wird, so ganz anders sein will als ihre Rivalin.

Verbissenheit kommt nicht überall gut an

Was die beiden eint, ist der Ehrgeiz: Über zweite Plätze mag sich Vonn kaum mehr freuen. Fährt Shiffrin durchs Ziel und die Anzeigetafel leuchtet rot auf, versucht sie erst gar nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Verbissenheit kommt in der Szene nicht überall gut an - das Verhältnis der beiden ist eher kühl.

Vonn betrachtet es als ihre letzte Mission, Jahrhundertfahrer Stenmark zu übertreffen. Eine Saison will sie anhängen, mindestens, wenngleich ihr Körper den vielen Stürzen in den vergangenen Jahren Tribut gezollt hat. Mehrmals hat sie es übertrieben mit der Risikobereitschaft; Kreuzbandrisse, Gehirnerschütterungen, Rückenprobleme, Brüche am Schienbein, Oberarm und anderswo zeugen davon. Während Shiffrin eher früher als später die Notbremse zieht, geht Vonn mit dem Kopf durch die Wand. Sie habe einst einen Trainer aus Polen gehabt, sagt die Abfahrtsolympiasiegerin von 2010, «er liess mich so lange rennen, bis ich mich übergeben musste».

Vonn plagt schnell Eifersucht

Vonn will sich ein Denkmal setzen, die Nummer 1 sein - in den Ranglisten, aber auch als Gesprächsthema. Als das amerikanische «Outside Magazine» im November Shiffrin zur besten Fahrerin der Geschichte kürte, schäumte sie, haute sogleich in die Tasten und listete auf Twitter mit schnippischem Unterton ihre Erfolge auf. Shiffrin reagierte gelassen, schrieb: «Ich weiss, dass noch einige Namen vor mir stehen.»

Vonn fürchtet Shiffrin auf ihrer Rekordjagd. Zumal nichts darauf hindeutet, dass diese trotz aller Siege im Weltcup und bei Grossanlässen bald gesättigt sein wird. Ehemalige Überfliegerinnen hingegen hatten früh genug: Petra Kronberger und Michaela Figini hörten mit 23 auf, Annemarie Moser-Pröll trat als 26-Jährige zurück. In einer Zeit, in der gravierende Blessuren dazugehören, war Shiffrin nie schwer verletzt. Womit der Bogen zu Stenmark gespannt wäre, der bis auf ein paar Prellungen unversehrt blieb.

Auf seinen Rekord angesprochen, meldete sich der einsilbige Schwede unlängst doch noch zu Wort. Seine Marke werde bestimmt verbessert, sagte er, dachte dabei aber weder an Vonn noch an Shiffrin, sondern an jemanden, der in einem Monat 29 wird und 55 Rennen gewonnen hat. An einen Mann. An Marcel Hirscher.

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