«Wie ein Schneeball in der Hölle»

Der Österreicher Stephan Eberharter (49) hat in Wengen zweimal gewonnen – aber auch einen guten Freund verloren.

2002 und 2003 triumphierte Stephan Eberharter am Lauberhorn – dabei hatte er gedacht, dieses Rennen nie gewinnen zu können.

2002 und 2003 triumphierte Stephan Eberharter am Lauberhorn – dabei hatte er gedacht, dieses Rennen nie gewinnen zu können.

(Bild: Peter Schneider (Keystone))

Stephan Eberharter, was kommt Ihnen beim Gedanken an die Lauberhorn-Abfahrt in den Sinn?

Dass ich dieses Rennen nie gewinnen werde.

Sie haben es zweimal gewonnen...

… aber ich hatte es mir lange nicht vorstellen können, hier der Schnellste zu sein. Zu Beginn meiner Karriere war ich kein Abfahrer gewesen, später steckte ich jahrelang in der Krise. Und an und für sich war die Strecke mit den vielen Gleiterpassagen nicht auf mich zugeschnitten. Glücklicherweise habe ich mich getäuscht. (lacht)

Worin liegt der Reiz dieser Abfahrt?

In der Länge, in der Umgebung mit dieser wahnsinnig schönen Bergwelt. Aber vor allem ist es die Nostalgie, die mich fasziniert: Die Anreise mit der Bahn, das autofreie Dorf, die Abgeschiedenheit – man fühlt sich um 30, 40 Jahre zurückversetzt.

28 Jahre sind vergangen, seit Ihr Jugendfreund Gernot Reinstadler in Wengen tödlich verunglückte.

Die Bilder seines Sturzes habe ich nie angeschaut. (überlegt) Es soll ihn regelrecht zerrissen haben, die Blutspur muss furchtbar gewesen sein. Ich hätte den Anblick nicht ertragen.

Kurz nach Reinstadlers Tod wurden Sie zweifacher Weltmeister.

Meine Gefühle schwankten zwischen den Extremen. Man muss sich das vorstellen: Zwei Tage nachdem ich einen guten Freund zu Grabe getragen hatte, seine Eltern leiden gesehen hatte, meine Seele geschmerzt hatte, jubelte ich nach Gold im WM-Super-G. Noch unmittelbar nach Gernots Tod hatte ich mein Training abbrechen müssen, weil ich komplett weggetreten war. Ich sah ständig Fangnetze auf mich zufliegen. Aber dann sagte ich mir: Er wird einen Fehler gemacht haben. Mir passiert das nicht.

Muss ein Skifahrer die Kunst des Verdrängens beherrschen?

Kann jemand negative Gedanken nicht ausblenden, hat er in der Abfahrt nichts verloren. Gibt es im Rennen einen längeren Unterbruch, darf man nicht links und rechts schauen und sollte niemanden nach Informationen zum Gesundheitszustand des Gestürzten fragen. Man muss sich auf sich konzentrieren, sich einreden, dass der Fahrer selbst die Schuld trägt. Dass nicht die eisige Piste das Problem war, nicht die schlechte Sicht.

Klingt ziemlich gefühlskalt.

Ich weiss, worauf Sie hinauswollen. Da stirbt einer fast, und die anderen fahren runter, als wäre nichts gewesen. Die TV-Zuschauer werden denken: Die sind alle wahnsinnig, alle lebensmüde. Wir sind es aber nicht! Vor meiner ersten Fahrt in Kitzbühel fühlte ich mich wie ein Schneeball in der Hölle. Aber Abfahrer lernen früh, ihre Ängste zu kontrollieren. So war es bei mir auch 2001 in Val d’Isère, als Silvano Beltrametti verunfallt war und es einen 70-minütigen Unterbruch gab. Jeder wusste: Es muss ganz schlimm sein.

Was dachten Sie?

Ich wusste: Die brechen das Ganze nicht ab. Also musste ich fahren. Ich gewann das Rennen; es klingt makaber, aber meine Aufgabe war es gewesen, mental bereit zu sein. Und eben, die Angst zu kontrollieren.

Wie haben Sie dies gelernt?

Als Kind hat man noch keine Ahnung von möglichen Gefahren. Man fährt immer ein wenig schneller, auf immer schwierigeren Pisten. Alles geschieht Step by Step, man wächst mit den Aufgaben, und das Risiko wird zu einem ständigen Begleiter. Keiner im Weltcup ist blauäugig, jeder weiss, was passieren kann. Die Frage stellt sich: Wie kompromisslos gehe ich ans Werk?

Sogar auf Weltcupstufe sind Unterschiede zu erkennen.

Ganz klar. Eine Kurve lässt sich immer noch ein paar Zentimeter enger fahren. Oder aber der Fahrer verzichtet darauf, ein paar Hundertstel herauszuholen und wählt die sichere Linie. Siegertypen fahren kontrolliert, aber ständig leicht über dem Limit. Das hat nichts mit Grössenwahn zu tun. Mir half diese Einstellung im Verlauf meiner Karriere.

Auch, als Sie ganz unten waren in den Jahren nach den Weltmeistertiteln?

Der Hype nach der WM 1991 in Saalbach war gigantisch. Als bodenständiger Typ schaltete ich nicht in den Feiermodus, ich dachte: Leute, spinnt ihr alle? Es folgten Materialprobleme und Verletzungen, ich war nirgends mehr. Die Leute hatten ja keine Ahnung, was ich damals durchmachte.

Wie meinen Sie das?

Während der Rehabilitationsphase interessiert sich kein Mensch für dich, der Trainer ruft nicht an, auf einmal ist man völlig allein. Als ich aus dem österreichischen Kader fiel, war das der Wahnsinn für mich. Ich war mir sicher, einer der besten Fahrer der Welt zu sein, befürchtete aber, keine Rennen mehr fahren zu dürfen. Dass ich nie an meinen Fähigkeiten zweifelte, war in der Krise letztlich meine Rettung.

Die Schweizer Carlo Janka und Patrick Küng fahren weit hinterher – weil sie zweifeln?

Das kann ich nicht beurteilen. Jankas Entwicklung erstaunt mich. Er hat alles gewonnen, er hat alle Anlagen, aber er bringt es nicht mehr auf die Reihe. Lässt er sich von äusseren Einflüssen ablenken? Geht er zu wenig konsequent seinen Weg? Klar ist: Der unerschütterliche Glaube an sich selbst muss vorhanden sein.

Sie und Hermann Maier waren die besten Beispiele hierfür. Fehlen heute solche Typen, welche eine breitere Masse elektrisieren?

Es hat noch immer zwei, drei aussergewöhnliche Charaktere. Als Tomba aufhörte, hiess es auch, das sei nun das Ende. Dann kam Maier, und sein Duell mit mir bezeichneten einige als Jahrhundertkonstellation. (lacht)

«Maier lebte in seiner eigenen Welt. Er kam zum Essen, als die Kollegen fertig waren, am Tisch sprach er kaum.»Stephan Eberharter

Wie empfanden Sie Maier als Teamkollegen und grössten Konkurrenten?

Er polarisierte extrem. Maier sagte, er sei den grössten Schmarrn zusammengefahren – lag aber anderthalb Sekunden vorne. Er lebte in seiner eigenen Welt, hatte Mühe, andere Leistungen zu akzeptieren. Für ihn galt: Ich war schlecht. Und nicht: Die anderen waren gut. Maier kam erst zum Essen, als die Teamkollegen fast fertig waren, am Tisch sprach er kaum ein Wort. Aber mit seiner Präsenz garantierte er Aufmerksamkeit; er machte auf und abseits der Piste Dinge, die speziell waren. Sogar Medien in den USA interessierten sich dafür.

Sie galten lange als ewiger Zweiter…

… ich kam zurück nach fünf, sechs Jahren Krise, schlug ein wie eine Bombe. Und nach drei zweiten Plätzen hiess es schon, ich sei der ewige Zweite. Den Journalisten sagte ich: So nicht mit mir, ich lasse mir mein Comeback nicht vermiesen. Heute staune ich ob den Jungs, die vor die Mikrofone stehen und sagen, gegen Marcel Hirscher seien sie chancenlos. Das ist eine Bankrotterklärung, so etwas hätte ich nie im Leben über Maier gesagt.

In welchem Verhältnis stehen Sie heute zu Maier?

Wir hatten nie ein Verhältnis, er hatte ohnehin mit den wenigsten Kontakt. Ich habe ihn jahrelang nicht mehr gesehen. Er schaut sich kaum Rennen an.

Generell sind die Besucherzahlen rückläufig.

Der Skisport steht unter Druck, in einigen Ländern ist Biathlon zur Winterdisziplin Nummer 1 aufgestiegen. Und mit dem Klimawandel wird es für die Alpinen komplizierter. Die beste Zeit liegt wohl hinter uns. Der internationale Markt fehlt. Wobei es noch andere Probleme gibt.

Welche?

Ein Tennisturnier wird in der Stadt ausgetragen, man kann in Shorts und Turnschuhen hingehen, die U-Bahn nehmen. An Skirennen ist es kalt, die Anreise ist beschwerlich, man sieht die Fahrer vorbeiflitzen. Das nehmen nur echte Fans auf sich. Die Leute wollen unterhalten werden, sonst bleiben sie auf der Couch.

Am Spektakel kann es kaum liegen, die Tempi werden immer höher.

Aber realisiert der Zuschauer, ob einer mit 100 oder 125 km/h vorbeifährt? Die wenigsten sehen auch, dass es mit den Carving-Ski viel besser aussieht als früher bei uns – wir sind quasi noch durch die Kurven gerutscht.

Zurück zum Lauberhorn: Wer siegt am Sonntag?

Was wollen Sie hören? Euer Beat Feuz hat gute Chancen. (lacht)

Sie sollen einst sein Vorbild gewesen sein.

Wir waren sogar einmal gemeinsam auf dem Golfplatz. Beat ist ein völlig anderer Typ als Hirscher oder Aksel Svindal. Er sieht nicht durchtrainiert aus, aber Kraft hat er durchaus. Und sein Gefühl auf den Ski ist wohl einzigartig.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt