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«Wenn du aufhörst, stehst du allein da»

Bruno Kernen, Abfahrtsweltmeister von 1997, Lauberhorn-Sieger von 2003, spricht über missratene erste Schritte als Unternehmer. Und er äussert sich zum verlorenen Rennen um den Posten als SRF-Co-Kommentator.

Interview: Adrian Horn
«Als Spitzensportler befindest du dich gewissermassen in einer heilen Welt – in einer geschützten Werkstatt, wenn               Sie so wollen»: Bruno Kernen während des Interviews in einer Lounge am Thunersee.
«Als Spitzensportler befindest du dich gewissermassen in einer heilen Welt – in einer geschützten Werkstatt, wenn Sie so wollen»: Bruno Kernen während des Interviews in einer Lounge am Thunersee.
Christian Pfander

Versuchen Sie sich nun als Medizinmann?Bruno Kernen:Wie darf ich das verstehen?

Sie werden von einem Pro­duzenten von Cannabispflegeöl als Sales Manager aufgeführt.Ach so. (schmunzelt) Schauen Sie: Allein mein linkes Knie ist siebzehnmal operiert worden. Ich habe Arthrose. Lange Zeit verspürte ich riesige Schmerzen, gerade auch nachts. Dann spazierte ich einmal durch Zermatt. Respek­tive: Ich hinkte durch Zermatt. Jemand sprach mich an, deutete auf meinen Gang und riet mir, es mit diesem Öl zu versuchen.

Sind Sie geheilt?Nein, natürlich nicht. Aber es geht mir wesentlich besser. Ich hatte zunächst gelacht und gedacht, das sei Quatsch. Dann versuchte ich es damit. Es wurde besser. Also machte ich eine zwei-, dreimonatige Kur. Die Arthrose bin ich nicht losgeworden. Aber die Schmerzen sind nun er­träglich, ich kann wieder durchschlafen. Deswegen setze ich mich für das Produkt ein.

Sie haben zig weitere Jobs, Sie sind beispielsweise Kamera­fahrer, Sie halten Referate und besitzen das Onlineportal Skionline.ch. Fällt es Ihnen schwer, sich festzulegen?Wenn man seine Karriere be­endet, werden viele Dinge an einen herangetragen, und man hat Dutzende Ideen. Dann hast du die Wahl: Entweder du beschränkst dich auf eine Tätigkeit, oder du bist offen für mehrere Sachen, bewahrst dir damit gewisse Freiheiten. Mir ist wichtig, von nichts und niemandem abhängig zu sein. Und ich hatte stets im Hinterkopf, dass Bernhard Russi einst als Co-Kommentator aufhören würde, und rechnete mir gewisse Chancen aus, Nachfolger zu werden. Ich wusste: Klappt es, bin ich fünf Monate im Jahr weg, was mit einer Vollzeitanstellung nicht zu vereinbaren wäre.

Russi hat sich im Februar zurückgezogen. Den Job haben nicht Sie gekriegt. Weshalb nicht?Die offizielle Begründung von SRF lautet, ich hätte mich nicht gut artikuliert.

Das überrascht. Zumal jene, die Russi ersetzt haben, sprachlich durchfallen.Es gab Tests, eine Art Casting, und da hat Marc Girardelli laut den Leuten von SRF mit Abstand am besten abgeschnitten. Das sind Profis, also muss ich das wohl glauben.

Sie hadern.Hadern? Nein. Als Sportler lernst du, damit zu leben, dass nicht alles eintrifft, was du dir wünschst. Ich hätte den Job gern bekommen, auch wenn es eine undankbare Aufgabe ist, nach der Ära Hüppi/Russi zu übernehmen. Die beiden haben eine grosse Anhängerschaft gehabt. Zu Recht!

Mit den Leuten, die Sie ab­gelehnt haben, arbeiten Sie weiterhin zusammen: als Kamerafahrer. Ein Problem?Überhaupt nicht. Ich bin nie­mandem böse und stehe nun bestimmt keinem auf die Schuhe. Ich schaue nach vorn. Es hat auch sein Gutes, sich nicht wieder ins Schaufenster zu begeben, dem Urteil anderer ausgesetzt und erneut ein fester Teil der Skiszene zu sein. Die Absage gibt mir die Möglichkeit, die Wintermonate anders zu verbringen.

Gedenken Sie demnach, als Kamerafahrer aufzuhören?Ich traue mir zu, auch noch mit 50 das Lauberhorn runterzu­fahren. Aber als 50-Jähriger mit der Kamera den Slalom von Adelboden zu bestreiten, das kann ich mir nur schwer vorstellen.

Damit Sie gute Bilder pro­duzieren, dürfen Sie nicht Kampflinie fahren; Sie rutschen teilweise. Wie schwierig ist es, die Eitelkeit abzulegen?Ach, ich habe längst aufgehört, darüber nachzudenken, was die Leute über mich denken könnten. Meine Aufgabe ist es, gute Bilder zu machen, und das tue ich offenbar, jedenfalls erhalte ich immer wieder Anfragen, auch von andern TV-Stationen. Damit man die Fahrt am Fernsehen nachvollziehen kann, darf ich nun mal nicht rennmässig runter. Wie das im Ziel ausschaut? Das darf mich nicht kümmern. Und das tut es auch nicht.

Fürchteten Sie sich vor dem,was kommen würde, als Sie 2007 zurückgetreten sind?Im Gegenteil: Ich verspürte in den Tagen danach eine riesige Erleichterung. Ich wäre gern ­weitergefahren, eine Saison hätte ich noch gemacht. Aber es ging nicht mehr, mein Knie war kaputt. Ich freute mich auf mein Leben nach der Karriere und die Freiheiten, die ich fortan haben sollte. Die Leere kam erst später. Und als sie da war, meldete ich mich gleich für einen Weiter­bildungskurs an.

Sie wurden bald Glaceunter­nehmer, hatten Ihr eigenes Eis. Damit sind Sie gescheitert.Als Spitzensportler befindest du dich gewissermassen in einer heilen Welt – in einer geschützten Werkstatt, wenn Sie so wollen. Alles ist geregelt, alles wird für einen organisiert. Wenn du aufhörst, stehst du allein da. Es gibt beispielsweise bei Swiss-Ski niemanden, der dich in Berufsfragen berät, dir deine Möglichkeiten aufzeigt, dich begleitet. Plötzlich musst du die Entscheidungen treffen. Ich war naiv und ver­traute den falschen Leuten. Es war ein unternehmerisches Risiko. Und ein Lehrblätz.

Sie sollen dadurch einen sechsstelligen Betrag verloren haben.Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich traure dem Verlorenen nach, verkrieche mich, verteufle alles und gebe auf. Oder ich gucke nach vorn und versuche, es künftig besser zu machen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Wie schaut im Dezember 2017 der Alltag Bruno Kernens aus?Kein Tag ist wie der andere, und gerade das ist, was mir gefällt. Ich bin in diesem Monat in St. Moritz Kamerafahrer, ich leite einen Workshop in Zürich, weile in Kasachstan, um dortige Leute zu Coachs auszubilden, besuche einen Kurssetzerkurs in Adel­boden und bin für Werbepartner unterwegs. Unter anderem. Weihnachten gehört traditionell ganz meinem Sohn (Kernen hat aus seiner zweiten Ehe ein Kind, Cem Taha ist 10-jährig; die Redaktion).

Wie steht es knapp elf Jahre nach Ihrem letzten Rennenum Ihre Fitness?Wie Sie sehen, sind die Oberschenkel noch immer ziemlich dick. (lächelt und zeigt auf seine Beine) Den Kraftraum besuche ich nicht mehr, ihn habe ich während meiner Karriere zu oft von innen gesehen. Irgendwelche Gewichte rumschieben, das spricht mich nicht länger an. Ich bewege mich gern draussen, liebe die Berge – stetig ein wenig mehr.

Im Sommer sind Sie vom Berner Oberland nach Norditalien gewandert.Ja. Es ging darum, mich aus der Komfortzone zu begeben, den ­inneren Schweinehund zu überwinden. Es war aufregend, zu sehen, wie man reagiert, wenn man während zweier Wochen auf sich gestellt ist.

Wie oft steht der Ex-Ski­rennfahrer Kernen mittlerweile noch auf den Skiern?Ich fahre noch immer gern und häufig Ski, fast öfter als damals, als ich Rennen bestritten habe. An Schneetagen mit Firmen kommst du auf so einige Kilometer. Die Leute haben Freude, können nicht genug kriegen. Nach ein paar Stunden denke ich jeweils, ein Kaffee wäre nun schön, und frage schüchtern in die Runde, ob jemand eine Pause brauche. Es heisst dann immer: «Nein, weiterfahren!» (schmunzelt)

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