Wenn der Chef das Mädchen für alles ist

Stefan Abplanalp betreut seit 2012 die norwegische Frauenequipe. Sein Aktionsradius ist riesig, sein Team im Aufwind. In Kanada hat der Berner Oberländer gefroren, nun freut er sich auf St.Moritz.

Hohes Ziel: Stefan Abplanalp will Ragnhild Mowinckel, Lotte Smiseth Sejersted und Nina Löseth (v.l.) den Sprung an die Spitze ermöglichen.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Hohes Ziel: Stefan Abplanalp will Ragnhild Mowinckel, Lotte Smiseth Sejersted und Nina Löseth (v.l.) den Sprung an die Spitze ermöglichen.

(Bild: zvg)

Auftakt geglückt. Resümiert Stefan Abplanalp, seit Frühling 2012 Trainer der norwegischen Skifahrerinnen. Was leicht untertrieben ist. Respektive darauf hindeutet, welch grosses Potenzial der Berner Oberländer in seiner Equipe ausgemacht hat.

Die Ausgangslage lässt sich nicht einmal ansatzweise mit jener von Swiss-Ski vergleichen. Nur vier Athletinnen umfasst das Weltcupteam der Skandinavierinnen – für alle Disziplinen. Drei haben an Junioren-Weltmeisterschaften Gold gewonnen. Die Erfahrenste ist 24-jährig; es gibt keine Routinierten, die als Orientierungspunkte dienen könnten. Trotzdem hat sich die Hälfte des Ensembles bereits für Olympia qualifiziert, obwohl die Latte diesbezüglich etwas höher liegt als in der Schweiz. Einmal Top 8 oder zweimal Top 12 sind gefordert, hierzulande führen ein Top-7-Ergebnis oder zwei Top-15-Resultate nach Sotschi.

Volles Risiko

Nina Löseth fuhr im Slalom von Levi auf Rang 7 und im Riesenslalom von Beaver Creek auf Platz 12. Ragnhild Mowinckel belegte im erwähnten Riesenslalom sogar Rang 8, Lotte Smiseth Sejersted im Super-G an gleicher Stätte Platz 10. Bleibt Mona Löseth, Ninas jüngere Schwester, im Riesenslalom 2010 Junioren-Weltmeisterin geworden, danach wegen zweier Unterschenkelbrüche fast zwei Jahre lang ausgefallen. Abplanalp entschied, sie nicht nach Amerika mitzunehmen, sondern im Europacup einzusetzen, weil sie «wieder lernen soll, wie man gewinnt». Je zwei (sehr gut besetzte) Slaloms und Riesenslaloms bestritt die 22-Jährige auf zweithöchster Ebene, auf ihrem Resultatblatt finden sich die Ränge 1, 1, 2 und 4. Fast noch besser als der Ertrag gefällt dem Trainer die Einstellung seiner Pilotinnen. «Es gibt kein Taktieren, sie fahren auf Tutti», meint der 40-jährige Haslitaler.

Abplanalps Aktionsradius lässt sich schwerlich definieren. Er ist zwar der Chef, aber auch eine Art Mädchen für alles. Er organisiert Trainingspisten, bucht Hotels und Flüge, «weil es in Oslo keinen gibt, der für uns am Computer sitzt». Das Budget ist verhältnismässig bescheiden; das Geld wird in den Sport und nicht in die Administration gesteckt. Kern seiner Tätigkeit ist die individuelle Betreuung auf der Piste; unter dem Strich resultiert trotz der geringen Anzahl Fahrerinnen ein beträchtliches Pensum. «Es ist spannend, aber fordernd», hält der einstige Trainer der Schweizer Speedfahrerinnen fest.

Warmes Engadin

Am Dienstag kehrte Abplanalp in die Schweiz zurück, gestern dislozierte er mit seiner Equipe von der nahe seinem Wohnsitz am Thunersee situierten Mitteleuropa-Basis der Norwegerinnen ins Engadin, in St.Moritz stehen am Wochenende Super-G und Riesenslalom auf dem Programm. Die Vorfreude ist gross – «nicht nur, weil es deutlich angenehmer sein wird als in Lake Louise». In Kanada wurden Temperaturen unter minus 30 Grad gemessen, gewisse Kleiderschichten doppelt getragen, jedenfalls von den Trainern, die während der Rennen am Berg im Schnee stehen. Nun dürfte es ausgerechnet ihm Kühlschrank der Schweiz wesentlich wärmer werden. Die Engiadina bezeichnet der Meiringer als «Superstrecke»; das Gelände ist offen, es wird zumeist in der Falllinie gefahren, was den Jungen entgegenkommt.

Jung sind nicht nur die Norwegerinnen, sondern auch Anna Fenninger, Tina Weirather und allen voran Lara Gut, welche den Rennen in Amerika ihren Stempel aufgedrückt haben. «Es ist ausgeglichener geworden», sagt Abplanalp; von einer Machtübernahme der neuen Generation will er jedoch nicht sprechen. Er betont die Abfahrtssiege von Maria Höfl-Riesch, erwähnt die zwecks Schonung auf die Rennen im Engadin verzichtende Lindsey Vonn, welche zuletzt im Super-G «trotz fehlendem Training Fünfte geworden ist. Hält das Knie, sollte man sie in Sotschi auf der Rechnung haben.» Norwegische Präsenz auf dem Olympiapodest käme hingegen einer Überraschung gleich, noch fehlt hierfür die Konstanz. 2017 jedoch wird dieses Manko behoben, das Quartett wird im besten Alter sein. Dann werden in St.Moritz WM-Medaillen vergeben.

Berner Zeitung

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