Vonn und der entlarvende Satz

Top oder Flop: Das war Lindsey Vonns Devise. Nun fährt sie kontrollierter, was ihren Gegnerinnen Chancen eröffnet. Allen voran Lara Gut.

Lindsey Vonn scheint das Selbstverständnis abhanden gekommen zu sein.

Lindsey Vonn scheint das Selbstverständnis abhanden gekommen zu sein. Bild: Keystone

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Es ist eine Baisse. Bei Lindsey Vonn darf das durchaus sogenannt werden. Von den fünf Rennen, zu denen sie zuletzt startete, gewann sie keines. Das ist eine Premiere in dieser Saison. Zwar stand sie dreimal auf dem Podest und dürfte auch kaum damit gerechnet haben, dass sie im Parallelslalom von Stockholm über den Achtelfinal hinauskommt. Dennoch hat die 31-jährige Seriensiegerin aus den USA gegenüber dem Saisonstart an Selbstverständnis verloren.

Bis vor drei Wochen, bis zum Super-G in Garmisch, hatte Vonn alle Speedrennen des Winters gewonnen, bei denen sie ins Ziel kam: 8 von 9. Nur in der Abfahrt von Val-d’Isère war sie ausgeschieden. Dann wurde sie in Garmisch Dritte, in der ersten Abfahrt in La Thuile stürzte sie, in der zweiten tags darauf wurde sie Zweite und im Super-G am Sonntag wieder Dritte. Vier Rennen in den schnellen Disziplinen also, die sie nicht gewann. In Folge. Sie kommentiert: «Ich habe immer gesagt, dass ich nicht unschlagbar bin.» Klar. Kann passieren.

Was Vonn allerdings in Garmisch sagte, liess schon etwas tiefer blicken. Weil die Sicht auf der Kandahar nicht optimal war, sei sie «zu vorsichtig gefahren», habe «nicht volles Risiko» genommen. Sogar ihr Selbstvertrauen scheint also Grenzen zu haben, selbst sie scheint so etwas wie Unsicherheit zu kennen.

Das war lange in dieser Saison schwer vorstellbar – wie es das in den Jahren vor ihren beiden Knieoperationen 2013 und 2014 war. Denn Lindsey Vonn war immer der Inbegriff von Risiko.

«Ich muss unbedingt ins Ziel kommen»

Robert Trenkwalder, der sie seit zehn Jahren betreut, sagt es so: «Sie ist nicht eine Fahrerin, die einen Hang routinemässig herunterfahren kann. Sie gibt das Limit vor. Sie befindet sich ständig auf Gratwanderung, sie fährt Positionen und kann Risiken eingehen, die für andere undenkbar wären.»

Dass sie so auch einmal ausfällt, nimmt sie in Kauf. In La Thuile hatte sie bei einer Linkskurve derart extreme Schräglage, dass sie keinen Druck auf den Aussenski geben konnte. Dieser flatterte und schlug so oft auf der Piste auf, bis er sich löste.

Top oder Flop also. Das ist ihr Motto – oder war es zumindest lange in dieser Saison. Jetzt, da es in die letzte Phase geht, noch zehn Rennen zu fahren sind, sie weiss, dass jeder Punkt der entscheidende sein kann im Kampf um den Gesamtweltcup, scheint sie mehr zu dosieren, zu taktieren – vielleicht unbewusst.

In Soldeu, Andorra, wo ein Super-G und eine Kombination auf dem Programm stehen – die Wetteraussichten sind allerdings schlecht –, sagt Vonn nach dem Befahren des Hangs am Freitag zwar: «Mein einziges Ziel ist, zu gewinnen.» Wenig später folgt aber dieser Satz: «Ich muss unbedingt ins Ziel kommen.»

Diese Einstellung mag mit der «dazugewonnenen Reife» zu tun haben, wie es Trenkwalder nennt, der seit über vier Jahrzehnten Trainer ist, unter anderem 13 Jahre lang beim österreichischen Verband. Nur: Fährt Vonn zu kontrolliert, stehen eben andere bereit.

Allen voran Lara Gut, die mittlerweile bei sechs Saisonsiegen angelangt ist und nur 23 Punkte hinter der vierfachen Gesamtweltcupsiegerin liegt. «Sie kann Lindsey auf alle Fälle etwas anhaben», sagt der 67-jährige Trenkwalder. «Sie hat eine hervorragende Technik und setzt ihren Körper sehr gut ein. Sie fährt auf absolut hohem Level.»

Gut reagiert mit Podestplätzen

Zudem scheint es der Tessinerin derzeit zu gelingen, nicht allzu sehr auf den Stand in der Gesamtwertung zu schauen. Jedenfalls wird sie auch nach Rückschlägen nicht nervös. Auf den 14. Rang in der Abfahrt von Garmisch reagierte sie mit einem Sieg im Super-G. Auf Platz 11 in der Abfahrt von La Thuile mit einem 2. Rang im Super-G.

Und heute steht also das nächste Rennen in dieser Disziplin an. Eines, auf das sich Gut besonders freut. «Es ist eine schöne Piste mit vielen Kuppen und Wellen. Weil die Strecke so breit ist, kann der Kurssetzer sehr gut mit dem Gelände spielen», sagt sie, nachdem sie den Hang zweimal hinuntergefahren ist.

Lara Gut hat Lust auf dieses Rennen, Lust aufs Skifahren. Vielleicht ist sie zurzeit sogar bereit, etwas mehr Risiko einzugehen als ihre Gegenspielerin: Lindsey Vonn, der Inbegriff von Risiko. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2016, 09:35 Uhr

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