«Von den Weltmeistern sprach kein Mensch»

Der Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann spricht vor der Alpin-WM in St. Moritz über Ansprüche und Adelboden, Infrastruktur und Individualität, Weltcup und Wahrnehmung. «Kommerziell sind wir von den Alpinen abhängig», sagt der 47-jährige Aargauer.

Urs Lehmann im Interview.

Urs Lehmann im Interview.

(Bild: Marcel Bieri)

Die US-Abfahrer durften auf der WM-Piste in St. Moritz nicht trainieren. Nun befürchten die Schweizer eine Retourkutsche – in Form einer Absage des wichtigen November-Camps in Copper Mountain. Diese Geschichte wirkt sehr unglücklich.Urs Lehmann: Es ist auch unglücklich gelaufen. Auf verschiedenen operativen Hierarchie­stufen wurden unterschiedliche Abmachungen getroffen.

Was heisst das konkret?Hätten wir die Amerikaner trainieren lassen, hätten wir den ­Österreichern, Italienern, Deutschen, Franzosen und Slowenen ebenfalls Gastrecht gewähren müssen. Wir standen bei zu vielen Nationen im Wort, mussten uns für das kleinere Übel entscheiden. Wobei ich der Ansicht bin, dass man für die Zeit unmittelbar vor der WM keine solchen Abmachungen treffen sollte.

Weshalb nicht?Zwei Wochen vor der WM kann das Material präzise abgestimmt werden, und am Ende entscheiden womöglich Hundertstel. Diesen Heimvorteil darfst du nicht aus der Hand geben.

Die Abfahrer fühlen sich vernachlässigt, weil sie kaum Rennen bestreiten durften. Am Lauberhorn wäre am Sonntag ein Rennen möglich gewesen, die FIS beharrte auf dem Slalom. Wie beurteilen Sie die Situation?Das Grundproblem ist das Verhältnis zwischen technischen Rennen und Speedrennen. Es gibt ein klares Ungleichgewicht zugunsten der Techniker, das stört mich massiv. Im Kampf um den Gesamtweltcup wäre der beste Speedfahrer in diesem Winter selbst dann chancenlos, wenn Marcel Hirscher nicht in jedem Rennen auf dem Podest stünde.

«Das Grundproblem ist das Verhältnis zwischen technischen Rennen und Speedrennen. Es gibt ein klares Ungleichgewicht zugunsten der Techniker, das stört mich massiv.»

Braucht es künftig flexiblere Verträge, einen flexibleren Kalender, damit man beispielsweise in Wengen spontan entscheiden kann, an welchem Tag welches Rennen stattfindet?Das ist schwierig umzusetzen, vor allem logistisch, aber wahrscheinlich der naheliegendste Lösungsansatz. Ich sehe jedenfalls kaum Alternativen.

An der WM ist der Spielraum ­etwas grösser. Ist das Swiss-Ski-Team für St. Moritz bereit?Die Frauen sind es. Natürlich hängt vieles von Lara Gut und Wendy Holdener ab, aber ich sehe auch sonst Positives; das Frauenteam macht Freude.

Und die Männer?Sie muss man differenziert betrachten. Wir haben mit Beat Feuz, Carlo Janka und Patrick Küng drei Cracks. Dahinter gibt es ein Bündel von Talenten, aber auch Athleten, welche die Leistung noch nicht gebracht haben.

Woran denken Sie?Wenn der beste Schweizer im Riesenslalom von Adelboden auf Platz 23 fährt, genügt das unseren Ansprüchen nicht. Selbst dann nicht, wenn jeder Einzelne begründen kann, warum es bei ihm nicht geklappt hat.

In Adelboden fahren die Schweizer seit fünf Jahren hinterher. Die Zuschauerzahlen sinken, die Stimmung leidet. Was lösen diese Bilder in Ihnen aus?Das ist schade für die Organisa­toren, für die Zuschauer, für das ganze System. Wir haben talentierte Athleten, gute Trainer und eine hervorragende Infrastruktur – und bringen es in dieser Disziplin seit Jahr und Tag nicht auf die Reihe. Das tut weh. Unter dem Strich ist die Ausgangslage für die WM aber nicht so schlecht.

Wie präsentiert sie sich?Teamevent inklusive, haben wir in neun von elf Rennen intakte bis gute Medaillenchancen. Im Slalom der Männer bräuchten wir einen Exploit, im Riesenslalom ein kleines Wunder.

«Wenn der beste Schweizer im Riesenslalom von Adelboden auf Platz 23 fährt, genügt das unseren Ansprüchen nicht.»

Eine Faustregel besagt, dass es für einen Medaillengewinn drei Anwärter braucht. Das haben sogar die Frauen nicht zu bieten.Wer hat das heute noch zu bieten? Nehmen wir bei den Österreichern Marcel Hirscher und bei den Franzosen Alexis Pinturault raus, sieht die Welt ganz anders aus. Womöglich hebelt der Zeitgeist die Faustregel aus.

Wie meinen Sie das?In vielen Disziplinen sind immer die Gleichen vorne. Kristoffersen, Hirscher und Pinturault teilen sich die Siege auf. Wir haben das Glück, dass Gut und Holdener fast immer vorne dabei sind.

Zurück zu Adelboden: Die Schweizer scheiterten allesamt im Steilhang. Als Zuschauer hatte man das Gefühl, die Kräfte seien aufgebraucht. Haben die Athleten physische Defizite?Wir sind körperlich gut, aber andere sind anscheinend noch ein bisschen besser.

Vergangenen Frühling sagten Sie in einem Interview, auf die Athleten bezogen: «Bei uns haben alle alles.» Das klang nach Wohlfühloase.Diesen Begriff zu verwenden, ­wäre übertrieben. Unsere Athleten sind gut. Aber es gibt Luft nach oben. Wir müssen die Komfortzone verlassen. Es ist wie bei einem Kind, das die Note 5 nach Hause bringt. Als Vater weiss ich, dass es das Potenzial hat, eine 6 zu schreiben, wenn es sich ins Zeug legt. Wenn es zehnmal in Folge eine 5 schreibt, ärgert mich das.

Wer sich mit den Norwegern unterhält und über die Gründe ihres Erfolgs spricht, erhält als Antwort: «Wir trainieren mehr als die Schweizer.»Da haben wir die Differenz zwischen der 5 und der 6.

Fehlt in der Kultur des Teams die Vollgasmentalität?Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn wir in allen Bereichen noch fünf Prozent mehr leisten, dann kommen wir dorthin, wo wir hinwollen – wo wir hingehören.

«Unsere Athleten sind gut. Aber es gibt Luft nach oben. Wir müssen die Komfortzone verlassen.»

Wo gehört Swiss-Ski hin?Unter die Top 3 in der Nationenwertung, bei beiden Geschlechtern. Das muss der Minimal­anspruch sein.

Ex-Männerchef Osi Inglin sagte einmal, der Schweizer tue nur das, was er tun müsse. Sportler wie Fabian Cancellara, Dario ­Cologna, die besten Schweizer Leichtathleten und Tennisspieler jedoch sind anders gepolt. Ist der Aufenthalt in der Komfortzone eine typische Schweizer Skisportlereigenschaft?Uns Schweizern geht es so gut, dass sich jeder irgendwo in einer Komfortzone aufhält, weil er eine Wahl hat. In Osteuropa ist der Hunger nach sozialem Aufstieg grösser, weil diese Leute weniger haben als wir. Je schlechter es dem Menschen geht, desto konsequenter geht er an eine Auf­gabe heran. Vor diesem Hintergrund erstaunen die Steige­rungen der Slowenen, Kroaten, Tschechen und Slowaken nicht.

Was den Vergleich mit erwähnten Schweizern nicht erklärt.Ausnahmeerscheinungen gibt es immer. Lara Gut können Sie auch auf die Liste nehmen. Sie hat eine Schippe draufgelegt, sie hat die Komfortzone verlassen. Darum hat sie den Gesamtweltcup gewonnen, darum eckt sie hin und wieder an.

Warum eckt sie an?Wer in der Schweiz alles dem Erfolg unterordnet, eckt früher oder später an. Lara weiss genau, was sie will – und setzt es auch um. Egal, was andere denken. Das ist bewundernswert. Das Gleiche gilt für Marcel Hirscher.

Mikaela Shiffrin, Lindsey Vonn und Henrik Kristoffersen sind nicht weit davon entfernt. Was die Ausnahmekönner eint, ist das Trainingsmodell; sie sind als Solisten unterwegs. Ist das Verbandssystem noch zeitgemäss?Peter Schröcksnadel (Präsident des Österreichischen Skiverbandes; die Red.) hat diese Frage aufgeworfen...

...und dabei gesagt: «Wir müssen aus dem Kasterl denken.»Kasterl, das passt. Individualität muss noch präziser gelebt, das Training noch spezifischer auf den Athleten abgestimmt werden. Ob es in jedem Fall ein Privatteam braucht, ist eine andere Frage – ich glaube nicht.

«In den Medaillenspiegeln der letzten Juniorenweltmeisterschaften waren wir mit einer ­Ausnahme stets unter den besten drei Nationen.»

Warum nicht?Nur schon der Preis stellt eine ­hohe Hürde dar, das können sich die meisten gar nicht leisten. Als grosser Verband brauchen wir eine Infrastruktur, die eine gewisse Breite zulässt. Nehmen wir Lara Gut. Sie gewann den Gesamtweltcup, nachdem wir es ­geschafft hatten, ihre Individualität mit der Verbandsstruktur zu kombinieren. Es braucht eine ­solide Basis, aber Individualität muss zugelassen werden.

Apropos Breite: Die Norweger befördern wenige Athleten in den Weltcup, aber fast jeder, der es in den Weltcup bringt, fährt vorne hinein. Bei den Schweizern bewegen sich einige zwischen Platz 25 und 50. Müsste man stärker selektionieren?In den Medaillenspiegeln der letzten Juniorenweltmeisterschaften waren wir mit einer ­Ausnahme stets unter den besten drei Nationen. Dort, wo wir breit aufgestellt sind, sind wir auch gut.

2018 finden Olympische Spiele statt, Ski alpin ist die mit Abstand teuerste Disziplin. Würden die Kader verkleinert und ein Viertel des Geldes, welches zu den Alpinen fliesst, bei Snowboardern und Freestylern eingesetzt, wirkte sich dies im Medaillenspiegel mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Gibt es solche Gedankenspiele?Ich antworte mit einem andern Gedankenspiel. Erinnern wir uns an den Winter 2012/2013. Wir hatten in den anderen Disziplinen fünf Weltmeister, darunter Grössen wie Dario Cologna und Iouri Podlatchikov. Das einzige öffentlich diskutierte Thema aber war die Skikrise. Obwohl nur die Männer in der Krise steckten und es bei den Frauen aufwärtsging. Von den fünf Weltmeistern sprach kein Mensch.

Die Wahrnehmung in der ­Öffentlichkeit ist eng mit der Vermarktung verbunden.Das ist der Punkt. Für uns ist Erfolg bei den Alpinen elementar, die Mittel werden über die ­Alpinen generiert. Die Athleten aus den andern Disziplinen erbringen Höchstleistungen, mein Respekt vor ihnen ist riesig. Aber kommerziell sind wir von den Alpinen abhängig.

Was müsste geschehen, dass Sie am Schlusstag der WM ­lächelnd auf die zwei Wochen zurückschauen würden?Ich habe eine bestimmte Anzahl Medaillen im Kopf. Aber die bleibt vorerst in meinem Kopf. Die Ausgangslage ist bei den Frauen sehr gut und bei den Männern okay; im Durchschnitt gibt das ein Gut. Klar ist: Mit einer Medaille darf man an einer Heim-WM nicht zufrieden sein.

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