Unten ohne

Was packt ein Skifahrer in den Rucksack? Der Schweizer Gilles Roulin zeigt seine 14 Sachen – für die Aerodynamik verzichtet er gar auf lange Unterhosen.

Von Dörrfrüchten bis Spikes: Gilles Roulin packt seinen Rucksack immer schon am Vorabend. Foto: Christian Pfander

Von Dörrfrüchten bis Spikes: Gilles Roulin packt seinen Rucksack immer schon am Vorabend. Foto: Christian Pfander

Der Tag beginnt am Vorabend. Zuverlässig wie er ist, füllt Gilles Roulin seinen Rucksack fürs Rennen frühzeitig. Im Fall des 24-Jährigen sind es nicht seine sieben, sondern seine vierzehn Sachen, die er für die heutige Kombinationsabfahrt eingepackt hat. Roulin spricht von den «Essentials», dem Wesentlichen: Skischuhe, Spikes, Renndress, Unterhemd, Helm, Skibrille, Mütze, Handschuhe, Rückenpanzer, Knieschoner, Trinkflasche, Datteln, Dörrfrüchte, iPod. Die Startnummer erhält der Zürcher erst oben am Berg, nur den zehn Besten der Disziplinen-Weltrangliste wurde sie gestern an der Auslosung überreicht. «So kann ich sie immerhin nicht vergessen», meint er schmunzelnd. Er wird sie später an einen Bekannten verschenken.

Ein Blick in Roulins Rucksack verdeutlicht, wie ungeschützt Skifahrer eine Strecke runtersausen, wie wenig sie überhaupt tragen. Der Renndress ist ein dünner Overall, der bei einigen Fahrern erstaunlich schnell reisst. Die meisten wechseln ihn ohnehin mehrmals pro Winter wegen der Luftdurchlässigkeit, die höher wird und zu Tempoverlust führen könnte. Darunter trägt Roulin nur ein ärmelloses Hemd. Würde er gemütlich Skifahren gehen, bestünde wohl Erfrierungsgefahr, meint der Speedspezialist schmunzelnd. «Im Rennen aber ist so viel Adrenalin mit dabei, dass man von der Kälte nichts spürt.» Um den Luftwiderstand so tief wie möglich zu halten, verzichtet Roulin ­sogar auf lange Unterhosen. Ob es was bringt, weiss er nicht. Beat Feuz jedenfalls hat es gerne etwas wärmer und zieht stets welche an, schaden tut es ihm offensichtlich nicht.

Im Ziel werden die Schuhe sofort geöffnet, weil kein Blut mehr durch den Fuss fliesst.

Auf dem Weg vom Hotel zum Bahnhof trägt Roulin Winterschuhe, die Skischuhe, versehen mit Spikes, damit er abseits des Schnees besseren Halt findet, zieht er im Zug Richtung Wengernalp an. Erst zwei Minuten vor dem Start schnallt er sie zu; er fühlt sich darin wie in einem Schraubstock, dermassen eng sind sie, weshalb sie Sekunden nach der Zieldurchfahrt bereits wieder geöffnet werden. «Sonst fliesst kein Blut mehr durch den Fuss», sagt Roulin, «mit normalen Skischuhen lassen sie sich nicht vergleichen.»

Zwei Datteln, das wars

Nach der Besichtigung werden die Schweizer mit dem Helikopter zurück zum Start geflogen, so viel Heimvorteil muss sein. Auf der Kleinen Scheidegg ist ein Raum für die Swiss-Ski-Athleten reserviert, Verpflegung steht ­bereit. Während einige kräftig zuschlagen, belässt es Vegetarier Roulin bei zwei Datteln, zu trinken gibt es Wasser mit einer Elektrolytmischung.

Nun beginnt das Warten bis zum Beginn des Rennens, einige Fahrer zücken Spielkarten, Kreuzworträtsel werden hervorgekramt, andere knipsen Fotos von der Bergkette. Roulin döst jeweils vor sich hin, hört kurz vor dem Einsatz elektronische ­Musik. Literatur nimmt der Jurastudent, den man im Hotel oft büffeln sieht, nie mit an die ­Strecke. Ein Schwede hingegen verlor sich vergangenes Jahr in Wengen vor einem Training in einem Physikbuch.

Roulin schätzt die Ruhe, weil ohnehin kaum einmal Zeit für sich selbst bleibt während der Wengen-Woche. «Eigentlich nur auf der Strecke», erzählt er. Untergebracht ist er im Doppelzimmer, wie immer mit Niels Hintermann, schliesslich sollen sich die Athleten nicht immer an neue Marotten gewöhnen müssen. «Mehr Privatsphäre wäre wünschenswert», sagt Roulin, ein Einzelzimmer aber ist den wenigsten vorbehalten. Frauenbesuch übrigens ist nicht grundsätzlich verboten, wobei, Zeit dafür bleibt kaum. Um 22 Uhr bereits war gestern Nachtruhe. Gleich nach dem Packen der vierzehn Sachen.

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