Triumph in fremden Gefilden

Beat Feuz realisiert in der Abfahrt von Lake Louise seinen achten Weltcupsieg. Sein Auftritt erstaunt, weil ihm die Verhältnisse nicht behagen und die Strecke nicht auf ihn zugeschnitten ist. Im Super-G wird er als bester Schweizer Zwölfter.

Zuerst fliegen, danach siegen: Beat Feuz gelingt in Lake Louise eine nahezu perfekte Abfahrt.

Zuerst fliegen, danach siegen: Beat Feuz gelingt in Lake Louise eine nahezu perfekte Abfahrt.

(Bild: Keystone)

Abfahrt und Super-G seien zwei Paar Schuhe, pflegt Beat Feuz zu sagen. Was er damit meint, trat in Lake Louise deutlich zutage. Dem überraschenden Triumph in der Abfahrt liess er eine dosierte Fahrt auf Rang 12 folgen – was in Anbetracht des Austragungsortes als gutes Ergebnis eingestuft werden darf. Auf Sieger Kjetil Jansrud verlor er 1,35 Sekunden.

Feuz und Lake Louise verbindet eine komplizierte Beziehung. Mehr als einmal ist der Emmentaler nicht nach Beaver Creek weitergeflogen, sondern mit verletztem Knie nach Hause gereist. Erreichte er das Ziel, reihte er sich selten dort ein, wo er in Anbetracht seines Leistungsvermögens hingehört hätte. Was unter anderem auf der Charakteristik der Strecke beruht.

Von der Schlüsselstelle namens «Fall away» abgesehen, beinhaltet der Kurs kaum Passagen, die einem technisch überdurchschnittlich begabten Piloten die Gelegenheit bieten, in flachen Abschnitten verloren gegangene Zeit wett­zumachen. Leichtgewichte wie Feuz – der 30-Jährige bringt ungefähr 80 Kilogramm auf die Waage – starten daher mit einem beträchtlichen Nachteil.

Es ist kein Zufall, hat Aksel Svindal in Lake Louise bereits acht Rennen gewonnen. Der 100-Kilogramm-Mann ist unter den weltbesten Speedspezialisten der schwerste. So erstaunte es auch nicht, wurde der Norweger am Samstag Dritter, obwohl er von einer Knieoperation zurückgekehrt war.

Svindal hatte Feuz im Vorfeld als Favoriten betitelt, den Weltmeister von St. Moritz als «fast unschlagbar» bezeichnet, sofern dieser die Ideallinie treffe. Womöglich erinnerte sich der Norweger an den November 2011. Damals belegte Feuz in der Abfahrt von Lake Louise hinter Team­kollege Didier Cuche Rang 2; bis zum Samstag handelte es sich in der Lake-Louise-Statistik des Schangnauers um den Ausreisser nach oben.

In erwähnter Saison präsentierte er sich daraufhin konstant wie nie zuvor und nie danach. Am Weltcupfinal in Schladming kämpfte er gar um die grosse Kristallkugel. Im Winter 2011/2012 habe es sich angefühlt, als ginge alles von selbst, hielt Feuz später fest, nachdem er eine bakterielle Infektion im Knie überstanden hatte, sich wieder an den Weltcup herantastete.

Weiche Piste, schlechte Sicht

Gewiss, es ist erst Ende November, damit etwas früh für solche Parallelen respektive den Gedanken, Feuz werde erneut wie auf einer Welle durch die Saison gleiten. Aber wenn er in Lake Louise reüssiert, lässt sich dies als gutes Omen für den weiteren Verlauf des Winters interpretieren. Zumal die Unterlage keineswegs kompakt, die Sicht während seines Auftritts nicht gut war.

Faktoren wie die genannten veranlassen Feuz in der Regel dazu, die ­Risikobereitschaft zu reduzieren. Auf weichem Schnee ist die Verletzungsgefahr höher als auf hartem – des Emmentalers Karriere könnte mit der nächsten Knieblessur zu Ende sein.

Womöglich ist Feuz’ Darbietung mit einer Aussage seines neuen Trainers verbunden. Andreas Evers, seit Sommer 2017 für die Schweizer Abfahrer verantwortlich, bezeichnete seinen besten Athleten unlängst als aussichtsreichen Kandidaten für die kleine Kristallkugel. Feuz wiederum pflegt zu betonen, er müsse sich seines linken Knies wegen auf «die wichtigen Rennen im Januar und Februar» konzentrieren, könne nicht vier Monate lang das Maximum abrufen.

Im letzten Winter ging er lediglich in zwei Abfahrten aufs Ganze: In Kitzbühel schied er auf dem Weg zum Sieg aus, in St. Moritz liess er sich die Goldmedaille umhängen.

Der Unterschied zwischen vergangener und laufender Saison findet sich in der Vorbereitung. In den letzten Monaten vermochte Feuz sein Pensum erstmals seit sehr langer Zeit unbeeinträchtigt abzuspulen. Ob sich dadurch in Sachen Kugelperspektiven aus seiner Perspektive etwas verändert hat, wird sich weisen – womöglich bereits am nächsten Wochenende in Beaver Creek. Die Beziehung zwischen Feuz und der «Birds of Prey» ist ausgezeichnet, an der WM 2015 gewann er Bronze. Vermutlich wird ihn nicht nur Svindal auf der Favoritenliste haben – zumindest für die Abfahrt.

Berner Zeitung

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