Therapie im Wohnzimmer

Vor fünf Jahren ist Beat Feuz von Schangnau nach Aldrans bei Innsbruck gezogen. Im Tirol hat der einst als schlampiges Genie bezeichnete Emmentaler sein Sportlerleben professionalisiert.

<b>Im Herz des Skizirkus:</b> Katrin Triendl und Beat Feuz posieren oberhalb von Oberperfuss; im Hintergrund befindet sich Innsbruck.

Im Herz des Skizirkus: Katrin Triendl und Beat Feuz posieren oberhalb von Oberperfuss; im Hintergrund befindet sich Innsbruck. Bild: Christoph Birbaumer

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Für Aussenstehende klingt es fast wie ein Mantra. Skifahrer pflegen sich nach Erfolgen in üppiger Form öffentlich bei ihren Vertrauten für den Support zu bedanken. Die Familie steht meistens an erster Stelle, gefolgt von Freunden, Trainern, immer häufiger auch von Ärzten und Therapeuten.

Die Gründe liegen auf der Hand: Kaum in einer anderen Sportart ist ein Athlet in solch ­hohem Mass auf ein funktionierendes Umfeld angewiesen. Hedi und Hans Feuz steckten eigene Interessen zurück, ihr Geld in die Karriere von Sohn Beat statt in einen neuen Kuhstall.

Hätten sie die Modernisierung ihres Bauernbetriebs vorangetrieben, wäre der Filius heute womöglich Maurermeister statt Weltmeister; er verfügt über einen entsprechenden Lehrabschluss.

Im selben Atemzug wie die Eltern erwähnt Feuz seine Freundin – zu Recht, wie ein Besuch am gemeinsamen Wohnsitz offenbart. Ohne Katrin Triendl gehörte der 30-Jährige in dieser Saison kaum zu den Anwärtern auf einen Olympiamedaillengewinn.

Kurze Wege

Aldrans liegt 700 Meter über Meer, gut 100 Meter über Innsbruck, «in der Regel über dem ­Nebel», wie Triendl betont. Der Blick auf die Stadt präsentiert sich ähnlich wie jener von der Ortschaft Spiegel auf Bern. Wer sich, im Spiegel weilend, um 180 Grad dreht, schaut Richtung Gurten; der Hausberg liegt auf 860 Metern. Wer selbiges in Aldrans tut, hat den Patscherkofel vor Augen.

Am Fuss des Patscherkofels: Beat Feuz wohnt zwischen Stadt und Schnee. Christoph Birbaumer

Bei älteren Schweizer Skianhängern dürfte dieser Name düstere Gedanken hervorrufen. 1998 fand am Patscherkofel ein Super-G statt, die Österreicher belegten geschlossen die Ränge 1 bis 9 – nie zuvor und nie danach ist im Weltcup Vergleichbares geschehen.

Der Gipfel von Innsbrucks Hausberg befindet sich auf 2240 Metern – die Stadt lässt sich als Herz des Skizirkus bezeichnen. Was teilweise erklärt, warum Beat Feuz dem Emmental vor fünf Jahren den Rücken gekehrt, sein Domizil ins Tirol verlegt hat.

Feuz und Triendl wohnen in einem Mehrfamilienhaus, der ehemalige Nachbar Hans Olsson war der Vermittler. Der Schwede, einst ein passabler Abfahrer, kehrte nach dem Rücktritt in die Heimat zurück; er arbeitet im OK der Ski-WM 2019 in Are.

Aksel Svindal, um den prominentesten von vielen Ski-Immigranten zu nennen, residiert im vier Kilometer Luftlinie entfernten Mutters. Feuz spricht über geografische Vorteile, sagt, in einer Stunde sei er in Garmisch-Partenkirchen, für die Fahrten ins Val Gardena und nach Kitzbühel benötige er rund 90 Minuten.

Reist er nach Nordamerika, fliegt er ab Innsbruck. «Eine Stunde vor dem Start muss ich zu Hause losfahren, dann reicht es vor dem Einsteigen noch für einen Kaffee.»

Ruhe und Flexibilität

Zu Schangnauer Zeiten war nicht nur der Weg an den Zürcher Flughafen, sondern auch jener in die Physiotherapie ungleich beschwerlicher. 45 Minuten sei er jeweils unterwegs gewesen, um sich in Lützelflüh behandeln zu lassen, hält Feuz fest. «Nun machen wir das daheim.» Triendl liess sich zur Physiotherapeutin ausbilden, nachdem sie vor acht Jahren im Slalomtraining einen Kreuzbandriss inklusive Meniskusschaden erlitten, ihre Karriere darob beendet hatte.

Im Sommer kündigte die 30-Jährige den Job in einer Innsbrucker Sport-Physiotherapie-Praxis, seither kümmert sie sich ausschliesslich um ihren Partner. Swiss-Ski habe damit nichts zu tun, erwidert Feuz auf die entsprechende Frage und ergänzt schmunzelnd: «Es ist ein Geschenk von mir für mich.» Zuvor sei es oft so gewesen, dass sie abends, nach vollbrachtem Tagwerk, auch noch ihn behandelt habe – «das wollte ich nicht mehr».

Seine Freundin hält fest, die neue Lösung bringe Ruhe in den Alltag, erhöhe die Flexibilität. «Bis auf die Krafteinheiten machen wir das physische Training sowieso zusammen.»

Disziplin trifft auf Lockerheit

Katrin Triendl ist mehrfache Medaillengewinnerin an Juniorenweltmeisterschaften, auf Weltcupebene steht sie mit einem 9. Platz als Bestergebnis zu Buche. Sie galt als fleissig, diszipliniert – und bildet damit eine Art Gegenpol zu Feuz, der keinen Hehl daraus macht, während langer Zeit von seinem Talent gelebt zu haben. «Beat kann sehr gut etwas länger auf dem Sofa liegen. Mich hingegen juckt es; ich muss mich bewegen», sagt Triendl.

Und: «Ich bin die Perfektionistin, bei mir muss alles passen. Beat kann mit seiner lockeren Art auch Ungerades stehen lassen. Wir ergänzen uns gut, treffen uns in der Mitte.» Was konkret bedeutet, dass Triendl bei Feuz auch als Motivatorin wirkt, ihn zuweilen aus der Reserve lockt.

«Katrin gehört schon zu jenen, die mir die Augen geöffnet haben», gesteht Feuz, auf seinen Umgang mit dem Körper angesprochen. Triendl wiederum konstatiert, ihr Partner habe sich diesbezüglich verändert. «Wenn er nicht sehr vieles richtig machen würde, wäre er nicht Weltmeister geworden.»

Unter dem Strich sei er seit dem Umzug nach Österreich deutlich öfter daheim, was sich positiv auf Regeneration und Ernährung auswirke, sagt Feuz. Wobei daheim im weiteren Sinn zu verstehen ist. «Wohnen tun wir in Aldrans, die Freizeit jedoch verbringen wir in Oberperfuss.»

Das etwas verträumt wirkende Dorf, in dem Triendl aufgewachsen ist, liegt auf einem Plateau über dem Inntal, eine Autoviertelstunde von Innsbruck entfernt; im Winter ist Allradantrieb empfehlenswert.

Skiliftmasten finden sich in Sichtweite, der Weltcup ist nicht nur wegen Feuz und Triendl präsent: Stephanie Venier, im Februar in St. Moritz WM-Silber-Gewinnerin in der Abfahrt, kommt ebenfalls von hier. Feuz meint, für ihn fühle es sich ähnlich an wie im Emmental. «Ich kann mich selbst sein, muss mich nicht anders benehmen; die Leute haben den gleichen Witz wie wir.»

Regelmässig präsent ist das Paar im örtlichen Tennisklub. Mehrere Mitglieder gehören zum Freundeskreis, einige haben den Oberperfer Beat-Feuz-Fanclub gegründet. Der Berner, welcher das Spiel mit Racket und Filzball erst in Österreich richtig lernte, kompensiere die fehlende Erfahrung durch Talent, Ehrgeiz und Willen, sagt Triendl. «Sie schlägt viel sauberer, viel schöner als ich», entgegnet Feuz. «Spielen wir um Punkte, gewinnt meistens er», stellt Triendl klar.

«Beat ist sogar Vereinsmeister geworden, obwohl sein Finalgegner technisch deutlich besser spielt als er.» Was für Feuz’ Wesen typisch sei. «Wenn es um etwas geht, gibt er alles. Wenn es um nichts geht, ist er nur halb so gut. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch bei ­Gesellschaftsspielen.» Beat habe diese Gabe mitgekriegt, als Sportler sei dies ein Geschenk, sagt seine Partnerin. «Bei vielen ist es umgekehrt; sie zeigen Schwächen, wenn es wichtig wird.»

Sein Naturell sei auch in einem andern Punkt auf den Spitzensport zugeschnitten, erwidert Triendl auf die Frage, wie sie Feuz nach Rückschlägen erlebe. «Beat akzeptiert den Moment, egal, wie es ihm gerade geht.

Ist er verletzt, überlegt er nicht, was sein könnte, wenn es anders herausgekommen wäre.» Triendl spricht über ihre Arbeit als Therapeutin, sagt, sie habe mehrere rekonvaleszente Sportler behandelt, welche den ganzen Tag herumstudiert hätten, fast immer nervös gewesen seien.

«Die zerbrechen sich den Kopf, bis gar nichts mehr funktioniert.» Was den Heilungsverlauf beeinträchtige – «die Psyche spielt in solchen Situationen eine wichtige Rolle». Ihr Tipp für Versehrte verrät, dass sie aus Erfahrung spricht: «Verletzungen gehören dazu. Du musst die Phasen, in denen du gesund bist, als Geschenk betrachten. In Beats Fall führt die Verbindung von Gelassenheit und Talent zum Erfolg.»

Was die Frage aufwirft, ob Feuz diese Gelassenheit auch als Patient an den Tag legt. Triendl schmunzelt, der Angesprochene hält lächelnd fest, er sei «ä Jammeri». Worauf sie lachend meint: «Ich bin froh, dass er das sagt. Ich darf bei jeder Hausfrau kräftiger drücken als bei ihm.»

Im nächsten Satz jedoch stellt sie klar, dass diese Aussage lediglich für die Lockerung des Rücken- und Nackenbereichs gelte. Was das Knie betreffe, sei er «beinhart; da würden sich andere keine Skier mehr anschnallen». Feuz konstatiert, er habe einen Dauerschmerz, den er gar nicht mehr als solchen wahrnehme. «Es fühlt sich fast wie eine Nullstellung an.»

Kaputtes Knie, starker Rücken

Triendl beschreibt ihre Arbeit mit Feuz’ Knie, sagt, es gehe vornehmlich um Lockerung. «Ich muss schauen, dass Patellasehne, Kniescheibe und Wadenbein richtig stehen, die Verschiebungen rückgängig machen.» Es sind Wartungsarbeiten, welche den Status quo erhalten; eine signifikante Verbesserung des Zustands ist nach elf Operationen nicht zu erwarten.

«Was geschehen ist, kann man nicht wegzaubern», resümiert Triendl. Als sie über die Behandlung des Rückens spricht und ihr Freund «Da bin ich eine Katastrophe» murmelt, wechselt ihre Tonlage.

Beat sei gesegnet, habe noch nie Kreuzschmerzen gehabt, was im Skirennsport äussert selten vorkomme. Feuz glaubt den Grund zu kennen, erwähnt die vielen Jungen, welche im Krafttraining schon früh mit viel Gewicht arbeiteten. «Ich bin in diesem Alter vor allem auf den Skiern gestanden.»

Je länger die Tirolerin und der Emmentaler aus ihrem Alltag erzählen, desto klarer wird die Erkenntnis: Beat Feuz, der Instinktskifahrer, dem in jungen Jahren der Ruf des schlampigen Genies vorauseilte, weil er sich vor einem Rennen auch mal beim Käsefondueschmaus ablichten liess und generell tat, was ihm behagte, auch wenn es der Trainerschaft überhaupt nicht gefiel, hat in seiner neuen Heimat alles optimiert.

Viel professioneller lässt es sich mit seinen jetzigen körperlichen Voraussetzungen nicht leben. Viel besser, als er dies zuletzt in Lake Louise und Beaver Creek demonstrierte, lassen sich Abfahrten nicht bestreiten. Der Anteil seiner Partnerin kann fast nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bringt Katrin Triendl doch nicht nur den richtigen Beruf, sondern auch ideale Eigenschaften sowie die Leidenschaft für den Skisport mit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 14:25 Uhr

Emmentaler Stimmungsmacher

Einmal pro Jahr bringt Beat Feuz Freunde aus Österreich und der Schweiz zusammen. Er spielt dabei sogar Fussball.

Beat Feuz hat das Emmental verlassen, aber keinesfalls vergessen, wie sich am Beispiel des Oberperfer Käfigturniers illus­trieren lässt. Es handelt sich um einen zweitägigen Fussballevent, der jeweils im Sommer durchgeführt wird; als Organisator amtet der Oberperfer Beat-Feuz-Fanclub in Kooperation mit dem lokalen Fussballverein.

Der Käfig ist ein umzäunter Kunstrasenplatz, das Plauschturnier in der Region überaus populär. Für Feuz stellt es die Möglichkeit dar, seine österreichischen und seine Schangnauer Freunde zusammenzubringen. Bereits zum fünften Mal hätten in diesem Jahr zwei Mannschaften aus der Schweiz den langen Weg auf sich genommen, ist im «Oberperfer Volksblatt» zu lesen.

«Die durstigen Emmentaler» und «Die süffigen Emmentaler» werden in der Lokalzeitung als gute Stimmungsmacher gelobt. Ehrensache ist, dass Feuz bei den Gästen spielt, vergangenen Juli tat er dies bei den Süffigen.

Feuz und Fussball? Nach elf Knieoperationen? «Das geht schon, wenn ich ein bisschen aufpasse; ich lasse schon nicht gleich den Fuss stehen.» Seine Partnerin Katrin Triendl verdreht die Augen, sagt: «Wenn beim Fussball etwas ist, darf er nicht zu mir kommen.» Unbegründet sind die Vorbehalte der Physiotherapeutin nicht.

Feuz erzählt, es habe einen Sommer gegeben, in dem er Zuschauer gewesen sei. «Ich kickte nicht mit, brach mir dafür den Daumen. Natürlich glaubte mir danach kein Mensch, dass ich verzichtet hatte.» Seit diesem Erlebnis spielt er immer mit. Weil er registrierte, dass man sich auch anderweitig verletzen kann.

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