Plötzlich ganz oben

Niels Hintermann ist 21-jährig, Zürcher – und seit Freitag Weltcupsieger. In der Kombinationsabfahrt profitierte er vom Wetterglück, die nach ihm folgenden ­Fahrer blieben im Neuschnee kleben.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Zuerst ist es nur Spass. Niels Hintermann steht also nach der Kombinationsabfahrt, welche aufgrund des starken Schneefalls am Morgen für einmal nach dem Slalom durchgeführt wird, in der Leaderbox.

Er lächelt, es handelt sich für ihn um eine Premiere. «Ich dachte einfach: Cool, einmal hier stehen zu können, eigentlich müsste ich so etwas öfters machen», wird er später sagen. Meist ist der Zürcher eine Ebene tiefer, im Europacup, unterwegs; doch selbst dort schaffte er es erst einmal auf das Podest.

Nun, die Zeit vergeht, Fahrer um Fahrer nimmt die verkürzte Abfahrt – der Start befindet sich unterhalb der Minschkante – in Angriff. Doch an Hintermann kommt keiner heran.Natürlich hatte der 21-Jährige Wetterglück. Derweil es während seiner Fahrt nur ganz leicht flöckelte, blieben die nachfolgenden Athleten buchstäblich im Neuschnee kleben – von gleichen Bedingungen für alle kann nicht die Rede sein.

«Wenn du das Brüggli-S in der Hocke fahren kannst, weisst du, dass du nicht schnell unterwegs bist», sagt etwa Carlo Janka lakonisch. Der Bündner wird 19., bleibt nach starkem Auftritt im Slalom in der Abfahrt chancenlos. «Da kannst du nichts machen, es war einfach schwierig, der Schnee klebte wahnsinnig.»

Immerhin habe ein Schweizer gewonnen, meint Janka in seiner gewohnt trockenen Art. «Für einen Sportler sind solche Rennen sehr bitter, aber darüber darfst du nicht gross nachdenken», sagt derweil der zwölftplatzierte Mauro Caviezel. Der Bündner beweist gar Humor: «Man konnte beinahe einen Kaffee trinken, so langsam waren wir unterwegs.»

Ein Exot wie einst Peter Müller

Nachdem Alexis Pinturault, Vierter nach dem Slalom, das Ziel mit einem Rückstand von über zweieinhalb Sekunden erreicht hatte, habe er erstmals an das Podest gedacht, sagt Hintermann. Beim Blick auf das Podium während der Siegerehrung dürfte sich so mancher Zuschauer im falschen Film wähnen: Hintermann, der Franzose Maxence Muzaton und der Österreicher Frederic Berthold stehen da, Arm in Arm.

Die drei kennen sich aus dem Europacup, freuen sich entsprechend für­einander. Als die Schweizer Hymne gespielt wird, schüttelt Hintermann leicht den Kopf. «Ich habe mir nichts dabei gedacht, es einfach nur genossen», wird er später sagen.

Es sei ein emotionaler Moment für ihn, hält derweil Urs Lehmann fest. Der Verbandspräsident kennt Hintermann seit Jahren, dessen Vater hatte ihn einst im Zürcher Verband als Junior trainiert, mit seiner Mutter war er im selben Klub. «Natürlich war es ein spezielles Rennen, aber es hatte Fahrer vor und nach Niels, doch er hat die Chance gepackt.»

Der aus dem zürcherischen Rorbas stammende Hintermann ist in der Schweizer Equipe als Unterländer ein Exot – ähnlich wie einst der Adliswiler Peter Müller, welcher 1987 Abfahrtsweltmeister wurde, zweimal Olympiasilber gewann. Allerdings setzte Hintermann genau wie seine Kollegen aus den Bergkantonen früh auf den Skisport. Noch vor seinem zweiten Geburtstag stand er erstmals auf Skiern.

Mit zehn Jahren verliess er das Elternhaus, um im vorarlbergischen Schruns-Tschagguns die Skihauptschule zu absolvieren. Derzeit macht er an der Sportmittelschule Engelberg die Ausbildung zum Kaufmann, welche er im Sommer abschliessen sollte. Vorerst allerdings steht für Hintermann etwas anderes im Vordergrund – das Feiern. «Sicher nicht zu wild, aber wir werden wohl schon auf den Sieg anstossen.»

Nils Mani so gut wie noch nie

Im Trubel um den Überraschungssieger geht die gute Teamleistung beinahe unter. Mit Hintermann, Nils Mani (5.) und Justin Murisier (7.) klassieren sich drei Schweizer in den Top Ten. Der Diemtigtaler Mani hatte mit Startnummer zwei in der Abfahrt ebenfalls Wetterglück bekundet. Für ihn ist es das beste Ergebnis auf Weltcupebene. «Ich bin überglücklich», meint der 24-Jährige. «Dass meine Eltern und Grosseltern dabei sein konnten, ist natürlich doppelt schön.»

Am Samstag steht Mani in der Abfahrt – sofern diese wegen der Wetterkapriolen denn stattfindet – erneut am Start. «Das Ziel ist, den Schwung mitzunehmen, ich will voll angreifen.»

Nun hat sich einmal mehr bestätigt, dass die Kombination in Wengen ein Glücksfall für die Gastgeber ist. Egal, was vorher war – am Lauberhorn vermochten sie in den letzten Jahren fast immer zu überzeugen. 2013 wurde Janka im Zweiteiler Dritter, es sollte der einzige Podestplatz für das Swiss-Ski-Ensemble während des ganzen Winters bleiben.

In den letzten zehn Jahren stand in der Wengener Kombination nur zweimal kein Einheimischer auf dem Podest, 2014 und 2016. Um es der Vollständigkeit halber festzuhalten: Hintermann sorgte am Freitag für den ersten Schweizer Sieg in dieser Saison.

Wengen. Weltcup-Kombination der Männer (Slalom/Abfahrt auf verkürzter Strecke):

1. Niels Hintermann (SUI) 2:26,58. 2. Maxence Muzaton (FRA) 0,26 zurück. 3. Frederic Berthold (AUT) 0,35. 4. Valentin Graud Moine (FRA) 0,38. 5. Nils Mani (SUI) 0,51. 6. Romed Baumann (AUT) 0,65. 7. Justin Murisier (SUI) 1,18. 8. Aleksander Kilde (NOR) 1,47.

Ferner: 11. Kjetil Jansrud (NOR) 1,86. 12. Mauro Caviezel (SUI) 1,93. 19. Carlo Janka (SUI) 2,74. 28. Gian Luca Barandun (SUI) 3,90. 34. Ralph Weber (SUI) 6,42.

Berner Zeitung

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