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Nächster Halt Adelboden

Aus helvetischer Optik ist das Chuenisbärgli zum «Chummerbärgli» geworden; die letzten Riesenslalomauftritte waren ernüchternd. Cheftrainer Thomas Stauffer wird sich daher mit bekannten Fragen konfrontiert sehen.

Thomas Stauffer
Thomas Stauffer
Urs Baumann

Ist von der Atmosphäre im Ski­zirkus die Rede, fällt häufig das Adjektiv familiär. Nicht, weil jeder Athlet respektive Trainer jeden anderen Athleten respektive Trainer gut leiden mag, sondern wegen der vielen Zeit, welche die Protagonisten aus der Winterwelt miteinander oder zumindest nebeneinander verbringen. Wobei es Familienmitglieder erster und zweiter Klasse gibt, wie sich in Extremsituationen herausstellt.

So bewältigen die Athleten den heutigen Transfer von Za­greb nach Adelboden grösstenteils in der Luft, fliegen mit einem vom Weltverband FIS gecharterten Flugzeug direkt ins Belpmoos. Die Betreuerschaft hingegen legt den langen Weg nach kurzer Nacht im Auto zurück. Er rechne mit einer zehnstündigen Reise, werde daher morgens um sechs Uhr losfahren, sagt der Berner Oberländer Thomas Stauffer.

Seit 2011 kein Top-Ten-Platz

Der Cheftrainer der Schweizer ist sich der Grenzwertigkeit des Vorhabens bewusst, sagt, «man könnte den Kalender gewiss sinnvoller gestalten». Es liegt ihm jedoch fern, sich darob zu enervieren. Kilometerfressen ist in der Branche Teil des Alltags, ganz normaler Wahnsinn. Spätestens um halb fünf Uhr nachmittags werden Stauffer und ­Slalomtrainer Matteo Joris am Medientreffen von Swiss-Ski in Adelboden erwartet.

Bei den Klassikern im Berner Oberland ist das Interesse hoch, die Atmosphäre daher nicht eben familiär. Die Affiche lockt auch weniger fachkundige Journalisten an, deren Fragen sich im Kern zumeist um das gleiche Thema drehen: die Erfolglosigkeit der Gastgeber am Chuenisbärgli, insbesondere im Riesenslalom.

Der letzte Schweizer Top-Ten-Platz in der Basisdisziplin geht auf das Jahr 2011 zurück. Marc Berthod, 2008 auch letzter Schweizer Sieger in Adelboden, belegte damals Rang 7; vor vier Monaten trat der Bündner zurück. 2014 und 2015 sorgte der gegenwärtig pausierende Carlo Janka mit den Rängen 20 respektive 21 für das Bestergebnis, vor Jahresfrist musste das Rennen witterungsbedingt abgesagt werden. Stauffer konstatiert trocken, «ganz vorne werden wir auch in diesem Jahr kaum mitmischen».

Der 47-Jährige aus Unterlangenegg weiss, dass sich ein Verband mit den Möglichkeiten von Swiss-Ski auf anderem Niveau bewegen müsste; er spricht das auch offen aus. Hingegen ist er Pragmatiker und schätzt das Potenzial seines Ensembles realistisch ein: «Justin Murisier ist schnell, macht aber meistens einen Fehler. Ihn sehe ich unter den schnellsten zehn, Gino Caviezel knapp dahinter.»

Quintett für das Podest

Für die drei Podestplätze kommen im Normalfall fünf Athleten infrage: die Franzosen Alexis ­Pinturault und Mathieu Faivre, der Österreicher Marcel Hirscher, der Deutsche Felix Neureuther und der Norweger Henrik Kristoffersen. Patzern mehr als zwei, wird ein Platz frei. Was in den vier Riesenslaloms dieses Winters einzig in Alta Badia der Fall war, als der 32-jährige Süd­tiroler Florian Eisath die Gelegenheit nutzte, sich im hundertsten Weltcuprennen erstmals unter den besten drei einreihte.

«Diese Chance hätten wir packen müssen», sagt Stauffer. «Hinter den Topleuten sind die Unterschiede gering, Eisath fährt auf dem gleichen Level wie unsere Besten.» Gemeint sind die 24-jährigen Murisier und Caviezel. Ansonsten ist, weil neben Routinier Janka auch der rekonvaleszente Loïc Meillard (20) fehlt, einzig Marco Odermatt die Qualifikation für den zweiten Durchgang zuzutrauen. Der Luzerner ist Junioren-Weltmeister, mit 19 der Jüngste des jungen Teams.

Verläuft die Entwicklung der Erwähnten in halbwegs normalen Bahnen, dürfte der in den letzten Jahren oft gehörte Ausdruck «Chummerbärgli» bald wieder verschwinden. Ob dereinst gar ein Zauberberg daraus wird, bleibt abzuwarten. Vorerst ist die Bezeichnung dem Lauberhorn vorbehalten, welches dem Skizirkus in der nächsten Woche die Plattform bieten wird. Den kurzen Transfer wird die Familie übrigens vereint antreten – Wengen lässt sich nur per Zahnradbahn erreichen.

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