Mit Tunnelblick auf Achterbahnfahrt

Olympiasieger Carlo Janka ist ganz unten angelangt. Dennoch irrt, wer glaubt, der 26-jährige Bündner präsentiere sich vor dem samstäglichen Riesenslalom in Adelboden mit finsterer Miene.

  • loading indicator

Ausreden sind keine zu vernehmen; es gibt weder Wenn noch Aber. Carlo Janka sitzt in der Lobby eines Adelbodner Hotels, äussert sich mit der ihm eigenen Nüchternheit zu seinen Schwierigkeiten auf der Piste. Zehn Weltcuprennen hat der Bündner in der laufenden Saison bestritten, dabei dreimal gepunktet. Als Bestergebnis steht der elfte Platz in der Abfahrt von Beaver Creek, im ersten Durchgang des Riesenslaloms von Alta Badia verlor er auf Dominator Ted Ligety fast acht Sekunden. Für einen Skifahrer seines Formats ist eine derartige Bilanz indiskutabel. «Schlechter geht es eigentlich nicht mehr», hält der 26-Jährige fest – von offensichtlicher Niedergeschlagenheit kann dennoch nicht die Schreibe sein. Wie es um sein Innenleben bestellt ist, lässt sich bestenfalls vermuten.

Janka beschränkt sich auf das in seinen Augen Wesentliche, nicht nur im Kontakt mit der Öffentlichkeit. Aus Trainerkreisen ist zu hören, er trage vieles mit sich selbst aus; in seinem Fall sei es relativ schwierig, Hilfe zu leisten. In guten Zeiten ist es erfolgversprechend, das Drumherum gänzlich auszublenden. So zeigte der Obersaxer seine Emotionen nach dem Goldmedaillengewinn an der WM in Val-d’Isère einzig in Form des gen Himmel gestreckten Zeigefingers. Und im fünften oder sechsten Satz des Siegerinterviews liess er verlauten, es sei «ein Renntag wie jeder andere» gewesen. Dieses Verhaltensmuster erklärt zumindest partiell, weshalb es ihm bei wichtigen Rennen mehrfach gelungen ist, den zweiten Lauf als Führender ohne jegliche Nervosität zu bestreiten.

Val-d’Isère, das war im Februar 2009, nur drei Monate, nachdem Janka in Lake Louise mit Startnummer 65 von der besser gewordenen Sicht profitiert und sich auf Rang 2 eingereiht hatte. Fast kometenhaft flog er ins Scheinwerferlicht, der Aufstieg setzte sich fort. Janka wurde in Vancouver Olympiasieger, obwohl er im Sommer 2009 wegen eines mysteriösen Virus nur reduziert hatte trainieren können; er reüssierte im Gesamtweltcup, obwohl er in den letzten Wochen der Saison auf den Felgen gefahren war. Was hinter der Erkrankung steckte, offenbarte sich im Winter 2010/2011. Entdeckt wurde eine Herzrhythmusstörung, welche bei Extrembelastungen in ein Herzrasen mündete.

Nach der WM in Garmisch-Partenkirchen unterzog sich Janka einer Herzoperation. Zehn Tage später gewann er den Riesenslalom von Kranjska Gora, als wäre nichts gewesen. Im September 2011 begann der Rücken zu zwicken, das Problem löste sich erst im Sommer 2012. Voller Erwartungen reiste er nach Feuerland ins Trainingscamp, nahm nur neue Skischuhmodelle mit, kam mit diesen am anderen Ende der Welt jedoch überhaupt nicht zurecht. «Das Trainingslager haben wir verpasst», gibt er zu.

In viereinhalb Jahren hat der Bündner das gesamte Spektrum der Gefühlswelt durchlebt; er war ganz oben, nun ist er ganz unten. Schlecht gehe es ihm darob nicht, lässt er verlauten – obwohl er nicht schlüssig sagen kann, weshalb er im Moment so langsam fährt. «Auch wenn ich schnell bin, weiss ich meistens nicht, warum das so ist.» Und: «Manchmal muss man unten durch; es werden bessere Zeiten kommen. Die Richtung kann sich schnell drehen.» Es sieht danach aus, als hänge die erstaunlich heitere Gemütsverfassung mit dem unerschütterlichen Glauben an die Wende zum Guten zusammen.

Auf die Frage, woran er derzeit primär arbeite, lenkt Janka das Gespräch in den Materialbereich, sagt, er müsse die perfekte Abstimmung finden. Und kontert den Einwurf, ob nicht die Technik den neuen Skiern angepasst werden müsste, mit der Antwort, wonach der «Materialweg» einfacher sei respektive jener über die Technik «ewig» dauern würde. Seitens der Trainercrew klingt es ein bisschen anders. Die Beschaffenheit der neuen Latten verlange ein aktiveres Verhalten, sagt Männerchef Osi Inglin. Janka erwähnt diesen Punkt nicht; womöglich fällt es ihm schwer, sich damit auseinanderzusetzen. «Wenn einer mit einem Paket sehr erfolgreich war, bekundet er häufig Probleme, sich von diesem Paket zu lösen», hält Inglin fest. Aus dieser Perspektive scheint die Tunnelblicktaktik auch eine Bremswirkung zu haben.

Gleichzeitig profitiert er auch in diesen schwierigen Tagen von seinem typischen Verhaltensmuster. Die Frage, wie er die medialen Reaktionen auf die Skikrise beurteile, ob er sich fair behandelt fühle, kann er nicht beantworten. «Ich lese kaum Zeitungen, daher müsste ich mich auch nicht ärgern, sollte etwas nicht in Ordnung sein.» Ähnlich sieht es in Sachen WM-Qualifikation aus; noch hat er die Norm für die Titelkämpfe in Schladming nicht erreicht. «Das ist absolut kein Thema. Wer diese Hürde nicht schafft, hat auch keine Medaillenchance. Und wenn das der Fall ist, hat man an einer WM nichts verloren.»

Die Auftritte vor dem Heimpublikum scheinen Janka nicht zu belasten, im Gegenteil: Er spricht von der Vorfreude sowie der Hoffnung, «bis zum Riesenslalom in Adelboden noch etwas Gescheites herauszufinden». Ambitionen jedoch hegt er vorwiegend in Wengen. Sieben Weltcuprennen hat er am Lauberhorn bestritten, sechsmal fuhr er unter die besten vier. «Die Strecke liegt mir, ich bin dort immer schnell.» Weshalb ihm der Kurs entgegenkommt, kann oder mag er nicht erklären. In seinem Fall scheint dies aber auch nicht so wichtig zu sein.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt