Martina Kocher: Eine für den einen Tag

Rodeln

In 14 Weltcupsaisons ist sie nie aufs Podest gefahren, an Weltmeisterschaften hingegen hat sie Gold und zweimal Silber gewonnen. Die Berner Rodlerin Martina Kocher hat gelernt, auf die Hinterbeine zu stehen.

Wasser als Kraftquelle: Rennrodlerin Martina Kocher schöpft in Bern entlang der Aareschlaufe Energie. «Die Unberechenbarkeit des Wassers fasziniert mich», sagt die 32-Jährige.

Wasser als Kraftquelle: Rennrodlerin Martina Kocher schöpft in Bern entlang der Aareschlaufe Energie. «Die Unberechenbarkeit des Wassers fasziniert mich», sagt die 32-Jährige.

(Bild: Christian Pfander)

Die Medaillen liegen auf dem Nachttisch. Gold und zweimal Silber hat Martina Kocher an den letzten zwei Weltmeisterschaften gewonnen. Jeden Morgen schaut sie sich die Plaketten an, jeden Abend zaubern ihr diese ein Lächeln auf die Lippen. Die Bernerin versucht gar nicht erst, ihren Stolz über das Erreichte zu kaschieren, spricht von «wahnsinnigen Leistungen».

Die Worte sind weder grossspurig noch angeberisch gemeint. Vielmehr drücken sie die Genugtuung aus für die harte Arbeit, die Entbehrungen, die Risiken. Und auch dafür, dass nach wie vor viele Leute den Aufwand unterschätzen, den die Athletin betreibt. Kochers Beruf sieht es vor, auf dem Hintern einen Eiskanal runterzusausen. Sie ist Rodlerin, seit über einem Jahrzehnt die beste in der Schweiz. Eigentlich auch die ­einzige.

Martina Kocher, die Einzelkämpferin. Früher nahm die Bernerin mit ihrer Klubkollegin Mujinga Kambundji mehrmals an Schweizer Leichtathletik-Vereinsmeisterschaften teil. In Bezug aufs Rodeln jedoch handelt sie auf eigene Faust. Sie ist nicht mehr in den Verband Swiss Sliding integriert, der nach wie vor keinen Nationalcoach beschäftigt. Kocher hat sich selbst organisiert; sie wollte unabhängiger sein, mehr auf die eigenen Bedürfnisse eingehen können. Finanzielle Unterstützung erhält sie nach wie vor, sie ist aber im Privatteam unterwegs.

Vater Heinz (siehe Interview) und der einstige Olympiateilnehmer Stefan Höhener sind ihre Trainer. «Dank diesem Schritt bin ich Weltmeisterin geworden», hält sie fest. Noch vor zwei Jahren meinte sie, ohne deutsche Hilfe ginge es nicht. Nun ist die Situation eine andere. Zwar darf sie als «Rodelexotin» nach wie vor mit den erfolgsverwöhnten Deutschen trainieren, allerdings nicht mehr mit der Topgruppe.

Martina Kocher zusammen mit ihrem Vater Heinz. Bild: Christian Pfander

Seit den WM-Erfolgen wird sie mehr als Konkurrentin denn als Teammitglied betrachtet; auch ihr gut gesinnte Betreuer haben realisiert, dass sie für Auszeichnungen des Anhängsels keinerlei Prämien kassieren. Auf Kochers Leistungen dürfte sich dies aber kaum auswirken. «Ich habe meine Leute um mich und kann nach wie vor oft in den Bahnen trainieren.»

Martina Kocher, die Frau für Grossanlässe. Im Weltcup ist die 32-Jährige nie besser gewesen als Fünfte. Vor anderthalb Jahren litt sie am Pfeiffer-Drüsenfieber, befasste sich intensiv mit dem Rücktritt. Sie machte weiter, holte an der WM in Innsbruck, auf einer kurzen Bahn, die so gar nicht auf das Leichtgewicht zugeschnitten ist, überraschend Silber.

An Titelkämpfen wächst Kocher über sich hinaus. Die Leistungsexplosion am Tag X ist schwierig nachzuvollziehen, die Athletin kann sie kaum schlüssig erklären. Sie mag es, wenn der Rummel an einem Wettkampf gross ist. Wenn andere ­nervös werden, blüht sie auf. Die Perfektionistin ist lockerer geworden; sie hat gelernt, loszulassen, trainiert nicht mehr stur nach ­bestimmten Vorgaben.

«Früher stand ich mir manchmal selbst im Weg. Mittlerweile habe ich die ­Balance zwischen Spannung und Entspannung gefunden», sagt die Berner Sportlerin des Jahres 2016. Zu Rangzielen äussert sie sich nicht mehr, auch nicht, als sich das Gespräch in Richtung Pyeongchang 2018 dreht. Die Bahn in Südkorea behagt ihr, wenngleich sie am Testevent im Februar «nur» Neunte wurde. Die Aussagekraft des Rennens war marginal. Rodeln hat in Asien kaum Bedeutung, «der Eismeister war überfordert. Da muss bis zu den Spielen viel passieren.»

Martina Kocher, die Fordernde. Zurückhaltend wirkt Kocher manchmal, anständig und zuvorkommend eigentlich immer. Die zierliche Blondine aber ist selbstbewusst – und sie hält sich nicht zurück, wenn ihr etwas nicht in den Kram passt. «Wer seine Ziele erreichen will, muss auch mal unangenehm sein», meint Kocher, welche sich die Attitüde im Lauf ihrer Karriere als Randsportlerin hat aufbauen müssen.

Dass sie auf die Hinterbeine stehen kann, beweist sie in den Diskussionen mit Swiss Olympic. Mit der Faustregel «ein Betreuer pro selektionierten Athleten» kann Kocher nicht allzu viel anfangen. Sie wünscht sich, nein, sie erwartet, dass sowohl Vater Heinz als auch Coach Höhener eine Akkreditierung für die Winterspiele in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) bekommen. Beim wichtigsten Saisonrennen brauche sie ihre Leute vor Ort, «alles andere würde nicht passen. Es wäre ein Widerspruch zu meiner akribischen Vorbereitung.» So rasch wird sie kaum klein beigeben.

Mit Kritik spart die Sprintweltmeisterin von 2016 überdies nicht, wenn es um ihre Heimatstadt geht. Der Stellenwert des Sports in Bern sei zu gering, der Slogan «Bern – die Sportstadt» werde nicht gelebt. «Die Infrastruktur ist beschämend, die Unterstützung in vielen Fällen zu gering. Die Politiker müssen endlich aufwachen.»

Martina Kocher, die Lehrerin. Weltmeisterin, aber nicht Vollprofi – jeweils am Montag steht Kocher im Schulzimmer. Seit sie als Lehrerin arbeitet, fährt sie schneller denn je, der berufliche Ausgleich ist ein Grund für die ­Erfolge im Spätherbst ihrer Laufbahn. Im Rahmen eines kantonalen Projekts unterrichtet sie in Bern eine Klasse, welche das zehnte Schuljahr absolviert. Es handelt sich um verhaltensauffällige Jugendliche, welche keine Lehrstelle gefunden haben, die nun so gut es eben geht auf die Arbeitswelt vorbereitet werden sollen.

Jeweils zwei Lehrkräfte stehen im Einsatz; es gelte Präsenz zu markieren und die Aggressionen zu kanalisieren, hält Kocher fest. Ehrgeiz, Kampfgeist, Seriosität, Fairness – sie versucht Werte aus dem Sport in die Lektionen einfliessen zu lassen. Die meisten Schüler wissen über ihren Hin­tergrund Bescheid. Kochers Bekanntheitsgrad ist stark gestiegen. Sie war Gast in TV-Shows, gab jeder grossen Schweizer Zeitung Interviews. Sogar Bundesrat Guy Parmelin lud sie ein. Sie sagt: «Es ist schon so, dass mich mehr Leute auf der Strasse erkennen.» Martina

Kocher, das «Bärner Meitschi». Am Wochenende beginnt in Innsbruck die Welt­cupsaison. USA, Kanada, Japan, Südkorea, Russland, Lettland, Norwegen, Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich – Kocher hat dank ihrem Sport Länder zuhauf bereist. Gerne macht sie sich auf in die grosse weite Welt und kommt jeweils noch lieber wieder zurück nach Bern.

Heimatliebe: «Ich bin stolz, ein ‹Bärner Meitschi› zu sein», sagt Martina Kocher. Bild: Christian Pfander

Wenn es nicht gerade um die fehlende Unterstützung für Sportler geht, schwärmt sie von ihrer Heimatstadt. «Bern ist einmalig, hat Unglaubliches zu bieten. Ich bin stolz, ein ‹Bärner Meitschi› zu sein», meint sie. Gerne entspannt Kocher an der Aare, am Wasser ­gewinnt sie Distanz, kann sie abschalten. Als sie in Hinterkappelen zur Schule ging, ass sie mit den Eltern oft auf dem Wohlensee zu Mittag; die Eltern besassen ein Boot.

Wasser bezeichnet sie als ihr Element, egal, ob flüssig oder gefroren. «Die Unberechenbarkeit fasziniert mich», sagt Kocher und spannt gleich den Bogen zu sich selbst. Die deutsche Rodellegende Georg Hackl bezeichnete die ­Bernerin unlängst als unberechenbarste Athletin im Feld, meinte, sie zähle trotz der fehlenden Weltcuppodestplätze zu den Olympiafavoritinnen. Auf dem Nachttisch hätte es noch etwas Platz.

Berner Zeitung

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