Martin Rufener – immer am Rotieren

Er war Trainer der Schweizer, ist Alpinchef der Kanadier und Helikopterpilot – mit besonderer Aufgabe am Lauberhorn.

Geht gerne in die Luft: Martin Rufener lebt ein Leben der Herausforderungen.

Geht gerne in die Luft: Martin Rufener lebt ein Leben der Herausforderungen.

(Bild: Jaudas)

René Hauri@tagesanzeiger

Sind die Lauberhornrennen vorbei, beginnt für den Alpinchef der Kanadier die harte Arbeit. Er heisst Martin Rufener, ist Berner Oberländer (59) aus Blumenstein im Stockental, war einst erfolgreicher Trainer der Schweizer Männer und ist 2013 ausgewandert ins 12'000-Einwohner-Städtchen Canmore in der Prärieprovinz Alberta in Kanada.

Nun also weilt er wieder einmal in seiner Heimat, weil der Weltcup in Wengen ist. Und weil er noch eine weitere Aufgabe hat. Am Montag dreht der Mann mit kleinem Spitzbart und tiefen Lachfalten an den Augen mit dem Helikopter seine Runden am Berg, transportiert das Material ab, ­Kameras, Fernsehtürme, mobile Toiletten, 7 Stunden lang, ein Knochenjob.

«Mit dem halben Körper hänge ich die ganze Zeit heraus aus dem Helikopter, schaue auf das Material unter mir, es schlägt ohne Unterbruch auf den Rücken, es ist brutal», sagt Rufener. Am Abend fühle er sich «wie ein nasser Waschlappen».

Er versorgt die SAC-Hütten

Es gab Zeiten, da war das sein ­Beruf, 20 Jahre lang flog er, 6'000 Flugstunden sind zusammen­gekommen. Nun ist die Fliegerei intensives Hobby, ist der Skirennsport längst sein Beruf. 25 Tage im Jahr transportiert er noch Material für die Air-Glaciers in der Schweiz, versorgt SAC-Hütten mit Essen, hilft beim Aufbau von Sesselbahnen, beliefert Baustellen mit Beton.

Eigentlich wäre er schon genug unterwegs im Jahr, genug oft von seiner Frau und den beiden Töchtern im Teenageralter getrennt durch seinen Job, der sich zu 90 Prozent ausserhalb Nordamerikas abspielt. «Aber es ist nun einmal meine grosse Passion. Und sie akzeptieren das», sagt er. Auch wenn es nicht ungefährlich ist.

Das ist es aber auch zu Hause nicht. Vor ein paar Jahren hat es in Canmore eine junge Frau aus dem Dorf erwischt. Sie kehrte nicht zurück von ihrer Mountainbike-Tour, ein Bär hatte sie ­angegriffen. Nur wenige Tage ­darauf hatte eine andere Frau Glück. Sie war mit den Langlaufski unterwegs, als ein Puma sie ansprang und verletzte.

Wenn er zusammen mit der Familie auf dem Dorfplatz wie alle Jahre mit einem Bärenspray übt, wie er dieses wilde Tier im Ernstfall verjagen könnte, dann ­beschleicht Rufener ein mulmiges Gefühl. Bis auf fünf Meter müssten sie den Bären an sich herankommen lassen, sonst ist der Spray für nichts. Als die Rufeners vor sechs Jahren auswanderten in die Wildnis Kanadas, da sei diese Flut an Gefahren ein Schock gewesen, da mochte Canmore noch so sehr durch einen Zaun vom Nationalpark getrennt sein. «Ein Jahr lang haben wir uns nicht bewegt», sagt Rufener, kein Joggen, kein Mountainbike. Und die Frage kam unweigerlich: War es wirklich richtig auszuwandern?

Er stellt sie sich noch immer hie und da. Nur hat das wenig mit den wilden Tieren zu tun oder mit ihrem Alltag, längst haben sie sich eingelebt. Vielmehr hat sie mit seinem Beruf zu tun.

Alpinchef also ist Martin Rufener geworden, er, der in den 80er-Jahren als Trainer die Amerikanerinnen Diann Roffe zum WM-Titel und Tamara McKinney zum Gesamtweltcupsieg geführt hatte. Der auch als Männer-Cheftrainer in der Schweiz zwischen 2004 und 2011 grosse Erfolge feierte. Aber Kanada und Ski alpin, das ist eine andere Sache, «wir sind vielleicht die Nummer 10 im Wintersport», sagt Rufener.

Er spürt das täglich. Das Geld ist knapp, 5,3 Millionen kanadische Dollar beträgt das Budget, oder knapp 4 Millionen Franken. Ein Witz im Vergleich zu den grossen Verbänden in Österreich oder der Schweiz, vielleicht ein Zehntel.

Die besten kanadischen Athleten sind auf der ganzen Welt verteilt, kämpfen oft auf eigene Faust, Rufener versucht, die Trainingstage zu koordinieren, zu helfen, wo es geht. Mittlerweile hat er ein Team um sich, das ­motiviert ist wie er. Als er ­begann, hatte noch ein Präsident das ­Sagen, der mit Skisport zuvor nichts zu tun gehabt hatte. Das Chaos war entsprechend. Die Struktur neu aufzubauen, das war Rufeners oberstes Vorhaben.

Eine Medaille: 0,5 Millionen

Wenigstens gibt es nun einen Nachwuchschef, gibt es eine Präsidentin, die etwas vom Sport versteht. Doch um richtig professionell arbeiten zu können, ­fehle ihm eine Million Dollar, sagt ­Rufener. Eine Medaille an den Olympischen Spielen hätte ­geholfen. Jan Hudec hatte in ­Sotschi 2014 Bronze im Super-G ­gewonnen. Der alpine Skisport stieg in der Hierarchie auf, ­erhielt eine halbe Million zusätzlich pro Jahr. In Pyeongchang ging das Team leer aus, es folgte die Rückstufung.

Kanadier denken im Vierjahresrhythmus, sagt Rufener, von Olympia zu Olympia. Dass es an der WM in Vail 2015 zwei Medaillen gab und in St. Moritz 2017 gar drei? Interessiert niemanden.

Zurzeit hat Rufener erst noch sportliche Sorgen. Abfahrer ­Manuel Osborne-Paradis stürzte und verletzte sich vor dem Auftakt in Lake Louise – und war damit Auslöser, dass Erik Guay, der Star im Team, nach 18 Jahren im Weltcup tags darauf zurücktrat.

Es gäbe viele Gründe, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Doch Rufener, so sehr er auch zu kämpfen hat, mag diese Herausforderung. Er hat den Vertrag bis 2020 verlängert. Und wird es ihm zu viel, dann bleibt ihm noch immer die Flucht in den Helikopter.

Berner Zeitung

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