Ist Lara Gut so stark wie noch nie?

Zwei Siege, ein 2. Platz – nach den Rennen in den französischen Alpen führt die Tessinerin im Gesamtweltcup. Vergleiche drängen sich auf.

Ein fast perfektes Wochenende: Lara Gut wird in Courchevel Zweite und übernimmt die Gesamtweltcup-Führung.

Ein fast perfektes Wochenende: Lara Gut wird in Courchevel Zweite und übernimmt die Gesamtweltcup-Führung. Bild: Keystone

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Lara Gut hatte Priorität. Auch Eva-Maria Brem, die Siegerin des Riesenslaloms von Courchevel, musste hintenanstehen, wartete geduldig, während die Tessinerin an der Medienkonferenz Fragen beantwortete. Denn diese hatte einen Termin beim Westschweizer Fernsehen in Genf, der Helikopter stand bereit.

Doch Lara Gut hätte auch deshalb Priorität haben können: weil sie die grosse Figur dieses Rennwochenendes in den französischen Alpen war. Die überragende Figur. Die mächtig zurückschlug nach den vier Siegen in Serie von Lindsey Vonn. Die die Kombination von Val-d’Isère gewann, die in der Abfahrt triumphierte, der gestern im Riesen­slalom im rund 80 Kilometer entfernten Nobelort gar beinahe der ganz grosse Coup gelungen wäre. 17 Hundertstel fehlten ihr dazu. Zeitgleich mit der Norwegerin Nina Löseth wurde sie Zweite.

Bis zum Ende überleben

«Im zweiten Lauf ging es nur noch darum, bis zum Ende zu überleben. Bei jedem Tor musste ich meinem Körper und Kopf sagen: Weiter, weiter, nicht daran denken, dass ich müde bin», sagte Gut. Und stellte zufrieden fest: «Jetzt weiss ich, dass ein zweiter Platz auch möglich ist, wenn ich müde bin.» Das Triple verpasste sie auch so nur knapp.

Der komplette Triumph an einem Wochenende gelang in dieser Saison dagegen schon Lindsey Vonn mit Siegen in den Abfahrten und im Super-G in Lake Louise, ­ihrer liebsten Destination. Und Val-d’Isère, das ist so etwas wie das Pendant für Gut. Hier stand sie schon dreimal auf dem Weltcup-Podest – vor diesem Wochenende. Vor allem aber hatte sie hier an der WM 2009 als 17-Jährige Silber in der Abfahrt und der Kombi­nation gewonnen. «Dieser Ort gibt mir immer viel Energie», sagte Gut. So viel Energie, dass sie nun alle in den Schatten stellte. Eben auch Vonn.

Vonn braucht eine Pause

Mit einer Hundertstel Vorsprung hatte sie die US-Amerikanerin in der Kombination bezwungen, in der Abfahrt schied diese gar aus, nachdem sie einen heftigen Schlag auf das linke Knie gekriegt hatte. Gestern nun wurde die Riesenslalomsiegerin von Åre nur 13. «Ich hatte gar kein gutes Gefühl, die Adduktoren waren gereizt, und das ganze linke Bein schmerzte. Jetzt erhole ich mich bei meiner Schwester in Florenz, das brauche ich, damit ich bereit bin für den Rest der Saison», sagte Vonn. «Aber immerhin konnte ich ein paar Punkte mitnehmen.»

20 waren es gestern. 100 am ganzen Wochenende. Bei Lara Gut waren es 280. Die 24-Jährige übernahm die Führung in der Gesamtwertung, hat mit 558 Punkten deren 58 Vorsprung auf die vierfache Gesamtweltcupsiegerin. «Wenn Lara in einem guten Rhythmus ist, dann ist sie sehr, sehr stark», sagte die 31-Jährige.

Und im Rhythmus ist die Schweizerin. Drei Siege hat sie in der noch jungen Saison schon gefeiert, war nur zweimal in zehn Anläufen schlechter als Achte: Beim Riesenslalom von Åre, wo sie für einmal mit ihrem neuen Material von Head nicht die perfekte Abstimmung fand. Und beim Slalom tags darauf, den sie vor allem deshalb fuhr, um sich auf die Kombination von Val-d’Isère vorzubereiten.

Ist Lara Gut so stark wie nie? «Das habt ihr schon vor zwei Jahren behauptet», sagt die Angesprochene und schaut in die Journalistenrunde. Damals hatte sie bis zu Weihnachten gar noch 10 Punkte mehr geholt, am Ende ihrer stärksten Saison war sie dann mit sieben Siegen Dritte in der Gesamtwertung und gewann den Super-G-Weltcup.

Früh zeichnet sich ein Duell ab

Da kannte der Skizirkus der Frauen mit Gut, Anna Fenninger, Maria Höfl-Riesch, Tina Maze oder auch Tina Weirather ­allerdings noch mehrere Anwärterinnen auf die grosse Kristallkugel. Nun, da Fenninger verletzt fehlt, Maze eine Pause einlegt und sich auch Slalom-Dominatorin Mikaela Shiffrin mit einem Innenbandriss verabschiedet hat, zeichnet sich bereits nach 12 von 41 Rennen ein Zweikampf ab: zwischen Vonn und Gut.

Damit beschäftigen wollen sich beide nicht. «Zu früh», sagen sie, «von Rennen zu Rennen schauen.» Abgerechnet wird erst im März beim Finale in St. Moritz. «Es bringt mir daher auch nichts, dass ich führe», sagt Gut, «weder zusätzliches Preisgeld noch zusätzliche Punkte.» Sie möchte die Gedanken daran, dass sie die erste Schweizer Gesamtweltcupsiegerin seit Vreni Schneider 1995 werden könnte, so lange wie möglich von sich schieben. «Was hingegen für immer bleibt, sind die zwei Siege in Val-d’Isère und der zweite Rang von Courchevel.»

Gut ist nicht die Einzige im Team, die dieses Wochenende wohl noch lange in Erinnerung behalten wird. Fabienne ­Suter, im Frühling noch dem Rücktritt nahe, sorgte als Zweite in der Abfahrt für den ersten Schweizer Doppelsieg in der Königsdisziplin seit 1989, als in Colorado Maria Walliser vor Michela Figini gewann. Die 30-jährige Schwyzerin stand nach Lake Louise schon zum zweiten Mal als Zweite auf dem Podest und sagte: «Das macht Lust auf mehr.»

Die Reife der jungen Suter

Das hat auch Namensvetterin Corinne Suter, die mit 21 Jahren bereits zum zweiten Mal in dieser Saison in die Weltspitze der Abfahrerinnen fuhr. Sechste war sie in Lake Louise geworden, Fünfte nun in Val-d’Isère. Das Podest verpasste sie nur um 16 Hundertstel. «Sackstark» fand das Speed-Trainer Roland Platzer.

Nach der Verjüngung im Frühling scheint in seinem Team derzeit viel zu stimmen. Das zeigt alleine, was Corinne Suter sagte, als sie noch auf Podestkurs lag und ihre neun Jahre ältere Teamkollegin im Starthaus stand: «Fabienne wirds packen. Ich würde es ihr so sehr gönnen.» Sie hat es dann gepackt. Und wurde nur von einer Fahrerin geschlagen: von der überragenden Lara Gut. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.12.2015, 13:16 Uhr

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