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Kurzes Spektakel beim jährlichen Debakel

Derweil sich Alexis Pinturault und Marcel Hirscher im Riesenslalom von Adelboden zu Höchstleistungen treiben, erreichen die Schweizer einen neuen Tiefstwert. Manuel Pleisch, mit Fieber angetreten, fährt als Bester auf Rang 23.

Das Mass aller Dinge: Alexis Pinturault entscheidet den Riesenslalm vier Hundertstel vor Marcel Hirscher. (7. Januar 2017)
Das Mass aller Dinge: Alexis Pinturault entscheidet den Riesenslalm vier Hundertstel vor Marcel Hirscher. (7. Januar 2017)
Jean-Christophe Bott, Keystone
Neben Sieger Alexis Pinturault (Mitte) und zweitplatziertem Marcel Hirscher (links) komplettiert Philipp Schörghofer (rechts) das Podest.
Neben Sieger Alexis Pinturault (Mitte) und zweitplatziertem Marcel Hirscher (links) komplettiert Philipp Schörghofer (rechts) das Podest.
Peter Schneider, Keystone
Bester Schweizer: Manuel Pleisch qualifiziert sich als einziger Schweizer für den zweiten Lauf und beendet das Rennen auf Rang 23.
Bester Schweizer: Manuel Pleisch qualifiziert sich als einziger Schweizer für den zweiten Lauf und beendet das Rennen auf Rang 23.
AP Photo/Shinichiro Tanaka
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Spannender liesse sich die Entscheidung nicht inszenieren. Marcel Hirscher, nach dem ersten Durchgang Dritter, zaubert am Chuenisbärgli eine nahezu perfekte Fahrt in den Schnee, distanziert den führenden Norweger Henrik Kristoffersen um 1,99 Sekunden.

Philipp Schörghofer verliert auf seinen österreichischen Landsmann 1,90 Sekunden. Worauf er sich im Zielraum, Richtung Hirscher schauend, mit dem rechten Zeigefinger gegen den Kopf tippt. «Bist du verrückt, derart schnell zu fahren?», lautet die Botschaft hinter der Geste, halb im Spass und halb im Ernst verkündet.

Bleibt der zweifache Saisonsieger Alexis Pinturault, dessen sieben Zehntel umfassende Reserve zusehends kleiner wird. Vier Hundertstel vermag der Franzose ins Ziel zu retten. Hirscher gratuliert, die Zuschauer bedanken sich mit lautstarkem Beifall für das hochklassige Spektakel. Nachdem sie von den einheimischen Athleten einmal mehr arg enttäuscht worden sind.

Es kam anders

Schlechter als 2015 – vor zwölf Monaten musste der Riesenslalom witterungsbedingt abgesagt werden – könnten sich die Schweizer in Adelboden gar nicht präsentieren, hatten Zyniker im Vorfeld des Klassikers verlauten lassen. Sie irrten. Waren Carlo Janka und Gino Caviezel vor zwei Jahren auf die Ränge 21 und 23 gefahren, vermochte sich am Samstag einzig Manuel Pleisch für den Final zu qualifizieren.

Der Prättigauer war mit Startnummer 47 und leichtem Fieber angetreten. Es erstaunte daher nicht, liessen seine Kräfte im steilen Schlusshang in beiden Läufen nach; Rang 23 kommt aus persönlicher Optik einem erfreulichen Ergebnis gleich. Swiss-Ski hingegen weist der Kollektivauftritt ein Armutszeugnis aus.

Justin Murisier war in der Ouvertüre wie so oft ein zeitraubender Fehler unterlaufen, worauf der Walliser die Risikobereitschaft erhöhte und im Schlusshang ausschied. Die Beschreibung seiner Fahrt lässt sich auf die Darbietung von Gino Caviezel übertragen, derweil Junioren-Weltmeister Marco Odermatt den Final um vier Zehntel verpasste.

Für Sandro Jenal und Elia Zurbriggen ging das Rennen ebenfalls im steilsten Abschnitt zu Ende, wobei ersterer bis zum Malheur eine für seine Verhältnisse gute Leistung erbracht hatte. Besser machten es Fahrer, welche im Riesenslalom nominell deutlich schwächer einzustufen sind als die besten Swiss-Ski-Vertreter – Fahrer wie der Tscheche Krystof Kryzl, der Slowake Andreas Zampa, der Finne Samu Torsti und der Amerikaner Brennan Rubie, dessen Name ein paar Mal in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist, weil der 25-Jährige einst mit Mikaela Shiffrin liiert gewesen sein soll.

Mehr Druck als sonst

Cheftrainer Thomas Stauffer tut sich schwer, seine Gedanken in Worte zu fassen, zu erklären, warum die Riesenslalomequipe das schwächste Saisonergebnis regelmässig in Adelboden abliefert. Der Druck sei gewiss höher als sonst, konstatiert der Berner Oberländer, sogleich ergänzend, dass die Athleten eigentlich damit umgehen können müssten. «Ärgerlich ist das Ganze vor allem, weil wir heute besser aufgestellt sind als vor zwei Jahren.»

Was zweifelsohne zutrifft, weil die heutigen Jungen, namentlich Odermatt und der verletzte Loic Meillard, über mehr Potenzial verfügen als die damaligen Jungen – gemeint sind unter anderen Pleisch und Zurbriggen. Anderseits wäre es vermessen, Adelboden als Ausreisser nach unten darzustellen. Die Selektionsnorm für die WM in St. Moritz (ein Top-7-Rang oder zwei Top-15-Plätze) hat im Riesenslalom bisher einzig Murisier erreicht.

Gewiss, der Riesenslalom ist in Stauffers Ensemble die am schwächsten besetzte Disziplin, und anderen geht es nicht besser. So reihte sich Ricarda Haaser als beste Österreicherin im Riesenslalom von Maribor wie Pleisch am Chuenisbärgli auf Position 23 ein; in österreichischen Blättern war vom Debakel die Schreibe.

Der Unterschied findet sich beim Austragungsort, dürfte doch der zum wiederholten Mal ungenügende Auftritt der Schweizer den Adelbodner Organisatoren mehr schaden als ihrem Verband. 27'400 Zuschauer waren präsent – also viele, aber weniger als auch schon. Die Stimmung, womöglich das wichtigste Markenzeichen des Skifests, litt unter der Misere der Einheimischen. Und wäre womöglich gänzlich abgeflaut, hätte Hirscher nicht den Funken gezündet, das Schlussfeuerwerk möglich gemacht.

Für den Ausnahmekönner handelte es sich um den 100. Podestplatz im Weltcup. Zum Vergleich: In derselben Zeitspanne (9. März 2008 bis am Samstag) brachten es sämtliche Swiss-Ski-Piloten, alle Disziplinen berücksichtigt, zusammen auf 102 Ränge unter den besten drei.

Pinturault wiederum realisierte seinen 19. Weltcupsieg, überholte Jean-Claude Killy und ist nun erfolgreichster Franzose. Wobei er, mit diesem Fakt konfrontiert, nichts davon wissen will. «Jean-Claude ist Jean-Claude – eine Legende.» Und zwar nicht nur wegen seiner neun WM- und Olympiagoldmedaillen. Im Januar 1967, vor genau 50 Jahren, war der Weltcup eingeführt worden. Im April 1968 trat Killy zurück.

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