Knochenarbeit ist Kopfsache

Ihre liebste Tätigkeit bereitet ihr Schmerzen. Wie und mit welcher Hilfe die Brienzer Skirennfahrerin Katja Grossmann nach der schweren Verletzung den Weg zurück findet.

Im Frühjahr 2017 war Katja Grossmann gut unterwegs, ehe sie ein Schien- und Wadenbeinbruch ausser Gefecht setzte.

Im Frühjahr 2017 war Katja Grossmann gut unterwegs, ehe sie ein Schien- und Wadenbeinbruch ausser Gefecht setzte.

(Bild: Keystone)

Sonntag, 12. August, in Zermatt. Katja Grossmann spricht über die aktuellen Trainingstage auf dem Gletscher und ihren Weg zurück. Und in den mit Bedacht gewählten Worten ist Ernüchterung bis leise Enttäuschung zu spüren. «Es könnte besser sein», sagt die 21 Jahre alte Brienzerin und meint damit weder das Wetter noch den Zustand der Piste.

Eine Nachfrage ergibt, dass die Aussage «Es könnte besser sein» eine Untertreibung ist. Die Schmerzen melden sich immer wieder. Damit hat Grossmann gerechnet, damit könnte sie auch umgehen. Hinzu kommt aber etwas, das der Rennfahrerin stärker zu schaffen macht und in letz­ter Konsequenz gefährlich sein kann. «Sobald die Piste steiler wird und die Unterlage eisiger, habe ich kaum Kontrolle über mein rechtes Bein.» Es sind Spätfolgen.

Im September 2017 hatte die Leidensgeschichte ihren Anfang genommen. Katja Grossmann brach sich beim Abfahrtstraining in Saas Fee das Schien- und das Wadenbein im rechten Unterschenkel. Es folgten die Operation mit dem Einsetzen eines durch Querschrauben fixierten Marknagels im Schienbein, Schmerzen und ein anschwellendes rechtes Bein, eine zweite Operation mit dem Einsetzen einer Platte am Wadenbein, weiterhin Schmerzen und Ende Juni das Entfernen der Platte und der Querschrauben. Dazwischen Grundlagen- und Konditionstraining und erste Skitage. Alles mit dem Ziel, bereit zu sein, wenn Ende November/Anfang Dezember die Rennsaison im Europacup beginnt.

Anhaltende Schmerzen

Die Fortschritte waren da, die Schmerzen aber nie weg. Mit den Trainingsresultaten war Katja Grossmann zufrieden. Was die Physis betreffe, sei sie auf einem guten Level, sagt sie. «Da hat sich die Arbeit im Kraftraum ausbezahlt.» Die Arbeit an den Knochen erledigten Ärzte und die Selbstheilung. Die Knochenarbeit der Vorbereitung des Körpers auf den Rennsport leistet Katja Grossmann selbst.

Und diese Knochenarbeit ist zum grossen Teil Kopfsache. Das Vertrauen in das verletzt gewesene Bein sei da, beteuert Katja Grossmann. «Ich habe den Unfall mithilfe einer Traumatherapie verarbeitet, und ich arbeite mit einer Sportpsychologin zusammen.»

Die Arbeit mit der Sportpsychologin sei eine Lehre aus der Zeit nach dem Kreuzbandriss im Juniorinnenalter. Damals habe sie mehrere Jahre für die Verarbeitung gebraucht. «Ich bin damals nach dieser Verletzung bei schwierigen Verhältnissen anders, gehemmter Ski gefahren. Ich will nach dem Beinbruch die Ver­letzung nicht wieder erst auf der Piste verarbeiten müssen, sondern vorher.»

Plan A oder Plan B?

Und genau dieses Vorhaben scheint nun in Gefahr zu sein. Denn die Erkenntnisse aus den Trainingstagen in Zermatt sind wenig erfreulich. Immerhin: Das Zusammensein mit den Teamkolleginnen sei cool und mache Spass. Dafür allein aber ist Katja Grossmann nicht nach Zermatt gereist. Ein Trainingslager, das sie vielleicht sogar vorzeitig beenden muss, weil es so einfach keinen Sinn ergebe. «Ich muss Rücksprache mit den Ärzten halten und schauen, was für mich in dieser Saison das Beste ist», sagt Grossmann.

Und die Enttäuschung nach der mit dem Kopf erledigten Knochenarbeit ist spürbar. Noch gilt alles, was Grossmann unternimmt, dem Plan A. Und dieser sieht vor, dass sie den Winter 2018/2019 vollumfänglich absolvieren kann. Aber es existiert ein Plan B, auch wenn dieser in der täglichen Gedankenwelt von Katja Grossmann nichts zu suchen hat. Wenn die Schmerzen weiterhin alles dominieren, dann muss der Marknagel aus dem Bein entfernt werden. Und dann würde die Brienzerin wohl einen zweiten Winter ohne Rennen bleiben.

Berner Zeitung

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