Kind oder Karriere?

Die Folgen einer Geburt sind für Skifahrerinnen besonders ungünstig. Weshalb Mütter im Weltcup selten sind.

Zum Rücktritt eine Taxifahrt für den dreijährigen Sohn: Die Amerikanerin Sarah Schleper war die Letzte, die Mutter und Skifahrerin war.Foto: Samuel Kubani/AFP

Zum Rücktritt eine Taxifahrt für den dreijährigen Sohn: Die Amerikanerin Sarah Schleper war die Letzte, die Mutter und Skifahrerin war.Foto: Samuel Kubani/AFP

Der Schnee war geschmolzen. Und bei Elisabeth Willibald schwand die Hoffnung, in die Spur zu finden. Nichts hatte funktioniert im Winter. Die deutsche Slalomspezialistin fühlte sich seltsam, das Sprechzimmer des Arztes betrat sie besorgt. Hinaus lief sie mit der Gewissheit, bald ein Mädchen zu bekommen. Im achten Monat schwanger war sie im Juni 2017. So unvorstellbar es anmutet, aber bemerkt hatte es niemand. Weil der Bauch nicht einmal ein Bäuchlein war. Weil es nichts Aussergewöhnliches ist, dass die Regelblutung bei Athletinnen ausbleibt, wegen der Belastung, des Drucks, des Stresses.

Tochter Anna hat das Leben der 22-Jährigen auf den Kopf gestellt. Nach einer Auszeit sollte es weitergehen, Kippstangen aber hat die einstige Junioren-Weltmeisterin nie mehr aus der Nähe gesehen. Warum nicht? «Weil es fast unmöglich ist, eine gute Skirennfahrerin und gute Mutter zu sein.»

Kind dem Kind auf Abschiedsfahrt

Die Nachfrage beim internationalen Skiverband FIS ergibt, dass auf Weltcupstufe keine Mütter aktiv sind. Die Letzte war Sarah Schleper. Gerade drei geworden war Sohn Lasse, als ihn die Amerikanerin Ende 2011 in Lienz bei ihrer Abschiedsfahrt im Miniröckchen auf dem Arm hielt.

Drei Jahre später war der Bub eingeschult - und die Mama zurück auf der Piste. Für Mexiko, die Heimat ihres Mannes, fährt sie kleinere Rennen, um als Exotin an Grossanlässen aufzutauchen. Wie an der WM in St. Moritz, als die Schweizerinnen den Renndress spendierten, Thermounterwäsche lieferten die Italienerinnen. Reichlich Ersparnisse fliessen ins Projekt, an tägliches Training ist der Mutterpflichten wegen nicht zu denken. Sie tut das alles, um sich zu verwirklichen. «Eine Lebensaufgabe allein reicht mir nicht aus.»

Roten: Physisch und psychisch an Grenzen gestossen

Nicht jede Mutter will die eigenen Ambitionen zurückstellen. Und es gibt Frauen zuhauf in anderen Sportarten, Serena Williams natürlich, Nicola Spirig auch, denen der Spagat zwischen Karriere und Kind gelingt. Mit der Frage, weshalb dies im Skisport nicht funktionieren mag, beschäftigt sich Petra Kronberger, im österreichischen Skiverband als Frauenbeauftragte angestellt. Kleinkinder der Kälte auszusetzen, sei nicht ideal, sagt die 49-Jährige, wobei sie anmerkt, etwa im Biathlon viele Mütter auf höchstem Niveau zu kennen.

Entscheidender seien die Folgen einer Geburt, hält Kronberger fest. Die Beeinträchtigungen im Rumpf- und Beckenbereich sind immens und fallen stärker ins Gewicht als bei Ausdauerathletinnen. Sprünge sind ein wesentlicher Bestandteil der Konditionseinheiten, nach einer Niederkunft sind solche kaum möglich. Willibald sagt, sie hätte Monate gebraucht, um wieder normal trainieren zu können. «Zeit, die man nicht kriegt.»

Die Folgen unterschätzt hatte Karin Roten. «Ich habe nie mehr die gleiche Dynamik erreicht wie zuvor», erzählt die 42-Jährige, die drei WM-Medaillen gewann. Den Winter 1999/2000 liess sie aus, danach war sie während einer Saison mit Sohn Jonathan unterwegs. Roten erinnert sich, psychisch wie physisch an Grenzen gestossen zu sein. Es habe an Erholungszeit gemangelt, ihr Lebensstil sei ungesund gewesen. «Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Muttersein und dem Spitzensport. In beiden Bereichen konnte ich nicht 100 Prozent geben, meinen Ansprüchen wurde ich nicht gerecht.»

Kindermädchen immer dabei

Ins Team war die Walliserin gut integriert, sie logierte in Appartements, das Baby sollte die Kolleginnen im Hotel nicht stören. Ein Kindermädchen begleitete sie, der Bub aber schlief schlecht, «wegen der Reiserei fand er keine Ruhe». Über Platz 15 kam sie nicht mehr hinaus. Zwei Jahre hätte sie investieren müssen, um den Anschluss herzustellen. «Aber ich war nicht bereit, mein Kind zurückzustellen. Das Mutterherz war grösser.»

Nach einem Jahr zog Roten den Schlussstrich. Sie sei zu wenig locker gewesen, zu wenig spontan. Flexibilität ist eine Grundvoraussetzung für Skifahrer, die jedem Fleckchen Schnee nachreisen. Trainings und Rennen werden angesetzt und wieder verschoben, die Organisation mit einem Kleinkind gestaltet sich kompliziert. Und da ist das Risiko, der ständige Begleiter. Die Bilder des fürchterlichen Unfalls von Ulrike Maier 1994 in Garmisch lassen sich kaum aus dem Gedächtnis streichen: Wie die Österreicherin stürzte, gegen eine Zeitmessvorrichtung prallte und nie mehr aufstand. Maier war die einzige Mutter auf höchstem Niveau, kurz vor dem gewonnenen WM-Super-G 1989 hatte sie erfahren, schwanger zu sein. Sie hinterliess eine viereinhalbjährige Tochter, die das Rennen vor dem Fernseher verfolgt hatte.

Kostner: Der Todessturz von Garmisch als Warnung

Gewonnen wurde dieses von Isolde Kostner, Maiers Unglück beschäftigt sie heute noch. Dass sie 2006, einen Monat vor den Winterspielen in Turin, aufhörte, überrascht nicht. Unerwartet war sie schwanger geworden; den Gefahren mochte sie sich nicht mehr aussetzen. «Wäre etwas passiert, hätte ich mir nie verziehen», sagt die Südtirolerin. «Ich frage mich, wie Frauen solche Gedanken verdrängen können. Und ich staune, wie es ein paar wenige geschafft haben, alles unter einen Hut zu bringen.»

Welche Kompromisse eingegangen werden müssen, verdeutlicht die Geschichte Daniela Ceccarellis. 2000 holte sie Olympia-Gold im Super-G, vier Jahre später kam ihr erstes Kind zur Welt. Keine drei Monate vergingen, und die Italienerin tingelte wieder durch den Weltcup. Der Fachmann staunte, und der Laie wunderte sich ob des unfassbar rasanten Comeback. Im Wohnmobil mit aufklappbaren Seitenwänden und integrierter Garage für den Kleinwagen, die zum Skiraum umfunktioniert wurde, war sie unterwegs. Mit dabei ihr Mann, der ihr Coach war, und die Eltern, die sich ums Baby kümmerten. Ceccarelli spricht von einem Leben ohne Luxus, von wenig Privatsphäre. Bis zum Karriereende 2010 erreichte sie noch eine Top-10-Klassierung.

Fehlende Sensibilität

Mit einer Sonderbehandlung dürfen Mütter nicht rechnen, dies ist aus dem Schweizer Lager zu hören, von den Österreichern ebenfalls. Karin Roten erwähnt den grossen finanziellen Aufwand für die Zusatzleistungen und die fehlende Sensibilität, habe es doch keine Anlaufstelle gegeben, der sie sich hätte anvertrauen können.

Unterstützung hätte Elisabeth Willibald dringend gebraucht. Vom deutschen Skiverband aber fühlte sie sich im Stich gelassen. Manchmal überlegt sie, wie ihre Karriere verlaufen wäre, hätte das Schicksal eine andere Laune gehabt. Die Bayerin lässt sich zur Kauffrau ausbilden. Sie hat in die Spur gefunden. Abseits der Piste.

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