Kein Hadern mit dem Schicksal

Mike Schmid: «Ich war nicht mehr bereit, bleibende Schäden zu riskieren», sagt der Frutiger Skicrosser nach seinem Rücktritt. Bald hat der Olympiasieger von Vancouver Ferien. Er möchte als erster Skilehrer seines Sohnes Colin auftreten.

Gespräch auf Augenhöhe:?Mike Schmid ist eine Person mit viel Einfühlungsvermögen.

Gespräch auf Augenhöhe:?Mike Schmid ist eine Person mit viel Einfühlungsvermögen.

(Bild: Markus Hubacher)

Als Mike Schmid damals, zehn Tage vor seinem Olympiasieg in Vancouver, mit seiner Mutter und Schwester Franziska im Bauerndorf Ruppoldsried am Stubentisch sass und Kaffee trank, sagte der Frutiger Skicrosser auf einmal: «Ich gewinne die Goldmedaille.»

Kaum hat der 31 Jahre alte Oberländer diese Anekdote erzählt, fügt er an, dass er mit seinen Worten niemals habe prahlen wollen. Nein, das passt ohnehin nicht zu ihm, «ich hatte einfach sehr viel Selbstvertrauen. Im Olympiawinter war ich im Weltcup nie schlechter als auf Platz fünf klassiert.»

Trotzdem seien Mutter und Schwester erschrocken, sagt Schmid und lacht. Der Rest ist bekannt: Am 21. Februar 2010 wird er in Cypress Mountain erster Olympiasieger im Skicross. Schmids «Gratuliere, Fräne» vor der laufenden TV-Kamera im Ziel geht um die Welt – seine Schwester hatte am gleichen Tag Geburtstag.

Es fehlt die Risikobereitschaft

«Rückblickend kann ich sagen, dass ich nach dem Olympiasieg auch hätte aufhören können; viel verpasst hätte ich in sportlicher Hinsicht nicht. Aber das wusste ich ja nicht», sinniert Schmid vier Tage nach seinem Rücktritt vom Spitzensport.

Der charis­matische Wintersportler hadert auch nach fünf Kreuzbandrissen nicht mit dem Schicksal. «Diese Verletzungen gehören dazu. Aber ich war nicht mehr bereit, bleibende Schäden zu riskieren», sagt Schmid. Er habe viele schöne Erinnerungen und sei froh, dass er den Alltag problemlos und vor allem ohne Schmerzen bewältigen könne. Schmid arbeitet wieder zu hundert Prozent als Strassenbauer.

«Ich bedauere es lediglich, dass mich mein zweieinhalbjähriger Sohn Colin nie in einem Weltcuprennen live hat fahren sehen. Das hätte mich gefreut.» Dereinst müssen Colin und die heute sechs Monate alte Tochter Liv auf alte Videoaufnahmen zurückgreifen, um ihren Vater in Aktion zu sehen.

Schmid hat bald einen Monat Ferien. «Ich habe Lust, mit Colin die ersten Versuche auf Skiern zu machen», sagt der Gewinner von sechs Weltcuprennen. Überhaupt, meint Schmid, habe er im Winter noch nie so viel Freizeit gehabt wie jetzt. «Ferien mit meiner Lebenspartnerin Joëlle zu geniessen, wäre auch eine Option.»

Camper zum Olympiasieg

Reich sei er durch seinen Olympiasieg nicht geworden, sagt Schmid, aber dank neu hinzugekommenen Sponsoren habe er gut leben können. Allerdings, räumt er ein, habe sein Verletzungspech auf leistungsbezogene Verträge schon Einfluss gehabt. «Mit dem Kauf eines kleinen Campers habe ich mir einen Traum erfüllt.»

Schmids Augen beginnen zu leuchten, als sich das Gespräch um das bleibende Geschenk dreht, das ihm seine Heimatgemeinde machte – eine eigene Strasse. «Dass es so kommen würde, hätte ich vor zehn Jahren nie zu träumen gewagt», sagt der 100 Kilogramm schwere und 1,93 Meter grosse Athlet.

In Schmids Karriere hat es zwei traurige Momente gegeben. Vor acht Jahren sei Teamkollege Gregor Vinzens bei einem Autounfall in Reichenbach tödlich verunglückt, erzählt der Olympiasieger eine schmerzvolle Geschichte.

Auch den Tod von Nick Zoricic ­erwähnt Schmid. Der Kanadier stürzte im Weltcuprennen 2012 in Grindelwald beim Zielsprung. Dabei erlitt er tödliche Verletzungen. «Dieses tragische Ereignis hat mir gezeigt, dass meine Verletzungen Bagatellen sind», sagt Schmid.

Weggefährten erinnern sich

Sie nennt ihn heute noch «Micheli». Fränzi Steffen ist mit Mike Schmid viele Jahre durch den Weltcup getingelt. Die im vergangenen April zurückgetretene Skicrosserin aus Saanen erinnert sich an viele lustige Geschichten. «Einmal ist vor der Qualifikation zum Weltcup in Frankreich bei laufendem Motor aus dem Auto gestiegen.

Prompt schnappte die Tür ins Schloss, der Wagen war verriegelt.» Mike Schmid erschien dennoch auf der Piste. «Er hatte kurzerhand die Scheibe eingeschlagen.» Der zurücktretende Olympiasieger sei nie um einen Spruch verlegen gewesen.

Die 34 Jahre alte Freestyle-Skifahrerin plaudert aus dem Nähkästchen: Einmal habe eine Teamkollegin im Skiraum ganz aufgeregt erzählt, dass ihre Katze am Vorabend nicht nach Hause gekommen sei. Da habe «Micheli» gesagt: «Oh, die hat wohl der Adler genommen.»

Schmid sei auch ausserhalb der Skipiste ein Wettkampftyp gewesen und habe stets für Unterhaltung gesorgt. «Einmal forderte er das Team auf einer Kommode zu einer Partie Tischtennis heraus. Statt mit Schlägern droschen wir mit Büchern auf die Bälle.»

Kochkünste mit Zumkehr

Nadine Zumkehr ist beeindruckt, wie authentisch ihr Cousin in all den Jahren geblieben ist. «Mike hat auch nach seinem Olympiasieg nie abgehoben. Das ist eine enorme Qualität», sagt die 30 Jahre alte Beachvolleyballerin aus Frutigen.

Vor zwei Wochen habe sie Schmid zuletzt gesehen, in Mülenen bei der Taufe des Siegermuni für das Oberländische Schwingfest 2016. Schmid und Zumkehr sind die Paten von Alpino. Die EM-Dritte von 2009 sagt: «Mike ist immer noch der Gleiche.»

Eine Kindheitserinnerung zaubert Zumkehr auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht: «Wenn ich bei Mike und seiner Schwester Franziska zu Besuch weilte und ihre Eltern gerade nicht zu Hause waren, kochten wir unser damaliges Standardmenü: Hörnli, Mais und Thonsalat. Mehr gaben unsere Kochkünste wohl nicht her.» Zumkehr kredenzt dieses Menü noch heute. «Dabei denke ich gerne an diese Abende mit Mike zurück.»

Im Raumschiff an die Feier

Ralph Pfäffli hat Schmid während zwölf Jahren im Weltcup begleitet. Aus den beiden ist eine verschworene Einheit geworden. Der Cheftrainer der Schweizer Skicrosser schildert den emotionalsten Olympia-moment: «Als ich mit Mike zusammen von der Piste in Cypress Mountain hinunter nach Vancouver zur Siegesfeier fuhr, sprachen wir lange Zeit kein Wort miteinander.

Ich kam mir vor wie in einem Raumschiff. Dann fragte ich: Träumen wir?» Mike Schmid habe daraufhin die Frage wiederholt, erzählt Pfäffli. In Erinnerung geblieben ist dem Berner auch Schmids Antwort auf einem Fragebogen. Als Lieblingslektüre habe er «E-Mail von meinem Trainer» angegeben. «Dabei hat er meine elek­tronische Post ja kaum gelesen.»

Der Frauenversteher

Mike Schmid habe oft Wogen geglättet, sagt Sanna Lüdi anerkennend. «Er hat bei Diskussionen im Hotel stets Partei für uns Frauen ergriffen und mit seiner humorvollen Art verhindert, dass wir von den Männern eins aufs Dach kriegten.»

Die 29 Jahre alte Oberaargauer Skicrosserin, Gewinnerin von drei Weltcuprennen, bezeichnet Schmid als Person mit gutem Einfühlungsvermögen. «Mike begegnet den Menschen auf Augenhöhe. Das beeindruckt mich am meisten.»tww

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt