Warum es im Schweizer Abfahrtsteam an Feuer fehlt

Carlo Janka beschwert sich über «tote Stimmung». Der Trainer fragt: «Braucht es einen Motivator?» Und ein früherer Coach ortet das Problem weiter oben.

Fühlt sich im Speedteam gerade sehr unwohl: Carlo Janka mit Coach Andy Evers. Foto: freshfocus (Sven Thomann)

Fühlt sich im Speedteam gerade sehr unwohl: Carlo Janka mit Coach Andy Evers. Foto: freshfocus (Sven Thomann)

Es mag Zufall sein, was sich an diesem Montag rund um die Schweizer Mannschaft abspielt. Symbolkraft aber hat es allemal.

Es ist der Tag der Männer-Kombination. Carlo Janka wird 18., ist enttäuscht und gibt ein Interview. Später stehen im «Blick» Zitate wie diese: «Bei uns gibt es keine Emotionen, die Stimmung ist wie tot!» Oder: «Die Norweger haben eine Riesen-Stimmung. Aber wir haben leider nicht den Zusammenhalt, den es braucht, um als Team ­erfolgreich zu sein.» Und: «Wir brauchen einen Motivator.»

Gleichzeitig, irgendwo in ­Mittelschweden: tief verschneite Landschaft, Bilderbuchwetter, vier junge Männer auf Schneetöffs. Wie das heute so üblich ist, sind die Bilder wenig später auf Instagram zu sehen, von Loïc Meillard, Gino Caviezel, Marco Odermatt und Thomas Tumler, versehen mit diesem Vermerk: Teambuilding.

Sie haben es offenbar gut im Riesenslalomteam, auch von den Slalomfahrern ist zu hören, wie sehr sie sich antreiben im Training, wie energiegeladen die ­Atmosphäre ist. Und im Abfahrtsteam also sollen die Emotionen tot sein, soll es keinen Motivator geben?

Bloss kein Geschrei

Andy Evers ist seit zwei Jahren Cheftrainer dieser Mannschaft. Er fragt: «Braucht es einen Motivator auf dem Level, auf dem wir uns bewegen?» Der Österreicher ist ein Mann der leisen Töne, wortkarg, analytisch. «Zum Kasper» mache er sich nicht, sagt er, «und ja: Wir haben vielleicht nicht die Stimmungskanonen im Team. Aber wir sind auch keine Fussballmannschaft, wir sind Individualsportler. Ein Geschrei oder so etwas würde sich schnell abnützen.»

Nur beweisen die von Janka erwähnten Norweger seit drei Jahrzehnten, wie wichtig eine gute Stimmung sein kann. Dort wird nicht akzeptiert, wenn einer nicht mitzieht, vielleicht ist es eine kulturelle Frage, vielleicht eine der Charaktere.

Jedenfalls ist Janka nicht der Erste, der kritische Töne anschlägt. Nach der letzten Saison hatte sich Patrick Küng, der Abfahrtsweltmeister von 2015, dazu entschieden, die Gruppe um Evers zu verlassen und sich Trainer Simon Rothenbühler und den jüngeren Fahrern anzuschliessen. Der Glarner, der vor der WM zurückgetreten ist, sagt: «Ich hatte das Gefühl, dass die Stimmung im Team nicht immer top war. Das hing auch etwas mit Evers zusammen, kommunikativ sind die Österreicher nicht so sehr die Profis. Er ist ein sehr guter Trainer, unbestritten, nur hat manchmal das Lebendige gefehlt.»

Nun war Küng und ist Janka weit weg von der Form, in der sie einst waren. Für den Bündner lief die WM alles andere als befriedigend. Für den Super-G wurde der Gesamtweltcupsieger von 2010 nicht aufgeboten, in der Abfahrt wurde es Rang 35, in der Kombination eben der 18. Platz. Evers sagt: «Für mich ist das eine absolute Frustreaktion. Da hat sich etwas aufgestaut in ihm, auch Ärger über sich selbst. Das musste raus. Aber er hat den falschen Kanal dafür gewählt.» Die Medien nämlich. Janka ist oft still, aber er ist auch einer, der Klartext reden kann. Und das tut er selten ohne Grund.

Sepp Brunner war Evers Vorgänger, ehe er im Frühjahr 2017 entlassen wurde. Über zehn Jahre lang betreute er das Speedteam. Der Österreicher sagt: «Carlo ist eine sehr ehrliche, aufrichtige Person. Wenn er so etwas sagt, dann kann irgendetwas nicht ganz passen.»

Die fehlende Führung

Brunner sagt, die Stimmung im Team sei eigentlich immer gut gewesen, Feuz sei «ein Stimmungsmacher, ein Schlitzohr. Er ist nicht ruhig, aber sehr, sehr fair.» Auch Janka und Mauro Caviezel habe er geschätzt für ihre Art, «das sind alles super Typen mit super Charakteren».

Auch Evers, seinen Nachfolger, lobt er als den wohl besten Trainer im Speedbereich. Deshalb ortet er das Problem woanders, weiter oben im Konstrukt von Swiss-Ski – konkret: bei Alpinchef Stéphane Cattin.

Dieser habe sich bei Sitzungen selten geäussert, sagt Brunner. «Er ist zu ruhig. Und ich hatte das Gefühl, dass er nicht hinter mir stand. Man kann nicht einen Gruppentrainer hinstellen und machen lassen, und wenn es nicht klappt, ist dieser schuld. Es braucht eine Philosophie von oben nach unten, die auch umgesetzt wird.» Nach seiner Entlassung bei Swiss-Ski wechselte Brunner zum österreichischen Abfahrtsteam. Würden die Entscheidungsträger im dortigen Verband nicht einig mit ihm, «fährt auch einmal ein Zug über mich. Aber sie stehen zu mir.»

Brunner sagt, dass es auch bei Swiss-Ski einen klaren Plan geben müsse, damit nicht alles an den Gruppentrainern hängen bleibe – und am Cheftrainer. Das ist Thomas Stauffer, auch er ein eher verschwiegener Mann. Brunner sagt: «Er ist eigentlich immer gleich. Er ist nicht der Typ, der auch einmal Gas gibt und sagt: Jetzt habt ihr einen Dreck zusammengefahren. Aber so etwas gehört auch dazu.»

Lieber Fachliches statt Feuer

Stauffer bringt sein Denken auf den Punkt, wenn er über Abfahrtstrainer Evers spricht: «Klar, er ist ein ruhiger Typ. Aber Fachliches ist wichtiger als Feuer.» Bezüglich Analyse, im Videobereich, sei er «absolut hervorragend». Und Stauffer fragt wie Evers: «Muss man einen 32-Jährigen wirklich noch motivieren?»

Der Berner Oberländer wünscht sich, so sagt er es, dass die Athleten mehr reden würden, «wir müssen bald zusammensitzen, und dann muss jeder sagen, was ihm nicht passt».

Auf Anfrage wollte keiner von Jankas Teamkollegen zu dessen Aussagen Stellung nehmen. Was auf viele Arten interpretiert werden kann.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt