«Ich habe so oder so Geschichte geschrieben»

Als Fahnenträger ist Langläufer Dario Cologna an der Olympia-Eröffnungsfeier Anführer der Schweizer Delegation. Diesem Status will er auch in der Loipe gerecht werden.

Dario Cologna geht schon mal mit der Schweizer Fahne auf Tuchfühlung. Der dreifache Olympiasieger darf heute bei der Eröffnungsfeier die eigene Delegation anführen. Foto: Urs Jaudas

Dario Cologna geht schon mal mit der Schweizer Fahne auf Tuchfühlung. Der dreifache Olympiasieger darf heute bei der Eröffnungsfeier die eigene Delegation anführen. Foto: Urs Jaudas

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Dass Dario Cologna einen eigenen Medientermin erhält, ist an sich nichts Aussergewöhnliches. Doch drei Tage vor seinem ersten Rennen tritt er nicht zusammen mit seinem Trainer oder dem Chef Nordisch auf, sondern mit Ralph Stöckli, dem Chef de Mission. Zu verkünden haben die beiden Symbolträchtiges: Der Bündner wird heute an der Eröffnungsfeier die Schweizer Fahne tragen. «Ich werde mir bei Simon noch ein paar Tipps holen», scherzt Cologna. Simon Ammann war die Ehre vor vier Jahren zuteilgeworden. Es gibt keinen passenderen Nachfolger. Mit einem weiteren Sieg käme auch Cologna auf vier Goldmedaillen. Ein Erfolg ist ihm in drei Einzelrennen zuzutrauen, im Skiathlon, über 15 km Skating und über 50 km Klassisch. In den ersten beiden Prüfungen tritt er schon als Olympiasieger an. Favorit ist er aber nicht wegen seiner Siege in Sotschi. Sondern wegen der Topform, in der er sich seit einem Monat präsentiert. Seit Silvester gewann der 31-Jährige vier Rennen.

Man kann darauf zählen: Wenn Olympische Spiele anstehen, ist Dario Cologna bereit. Was macht ein Olympiawinter mit Ihnen?
Olympia ist speziell. Ursprünglich ging es ­darum, überhaupt teilzunehmen, dann darum, eine Medaille zu gewinnen. In Vancouver erreichte ich in meinem allerersten Rennen gleich beide Ziele, in Sotschi ging es mit zwei weiteren Goldmedaillen gut weiter. Ich mag Grossanlässe. Vielleicht auch, weil ich bislang keine Mühe hatte, dann die Leistung abzurufen. Nicht nur das: Ich konnte mich da noch steigern.

Wie stark orientieren Sie sich in Ihrer Karriere am Vierjahres­zyklus der Spiele?
In den vergangenen acht Jahren schaute ich jeweils schon vorwärts. Aber es ist nicht so, dass ich in einem WM-Jahr etwas anderes gemacht hätte als in einem Olympiajahr. Es ging einfach in den Olympiawintern recht gut auf.

Deshalb wurden Sie als Schweizer Fahnenträger für die Eröffnungsfeier am Freitag auserkoren. War es für Sie sofort klar, diese Aufgabe zu übernehmen?
Ich machte mir vorgängig Gedanken, ob ich zusagen sollte oder nicht, falls ich ­gefragt würde – weil ich am Sonntag ja schon im Einsatz stehe. Als mich Ralph Stöckli (der Missionschef) dann anrief, war ziemlich schnell klar, dass ich es machen möchte. Ich sehe es als sehr grosse Ehre, Fahnenträger zu sein. Und hoffe, die positiven Emotionen mit­zunehmen. Es ist eine Chance, die ich einfach ­packen musste. Vielleicht sind es ja meine letzten Olympischen Spiele. Ich hatte zuvor noch nie die Möglichkeit ­gehabt, an der Eröffnungsfeier teil­zunehmen, weil ich zu weit weg untergebracht war. Nun findet sie fünf Minuten vom Athletendorf entfernt statt, und die Organisatoren lassen uns sicher nicht in der Kälte warten.

Sie streben in allen drei Einzel­rennen den Sieg an. Bleibt da Zeit, das Spezielle an Olympia wahrzunehmen?
2010 in Vancouver, genauer in Whistler, waren wir in einem grösseren Village untergebracht. Man kriegt schon mit, dass da noch Athleten aus anderen Sport­arten sind. Zugleich bin ich aber auf meine Rennen fokussiert, stehe fast vom ersten bis zum letzten Tag im Einsatz. Da bleibt kaum Zeit, andere Wettkämpfe schauen zu gehen.

Wie erhält man die Spannung über einen so langen Zeitraum aufrecht, wie vermeidet man Lagerkoller?
Mit Renneinsätzen. Das ist auch der Grund, warum ich wieder im Teamsprint antreten möchte. Sonst wäre für mich in der zweiten Woche nur der 50er am vorletzten Tag.

Mit einer weiteren Goldmedaille würden Sie zu Simon Ammann aufschliessen, zum erfolgreichsten Olympioniken der Schweiz.
Das ist für mich nebensächlich. Klar, mein Ziel ist es schon, eine Goldmedaille zu gewinnen. Die Folge davon wäre, dass ich Simon einholen würde – ausser, er zieht mit einer weiteren wieder davon. (grinst) Aber ich denke, dass ich im Schweizer Langlauf so oder so Geschichte geschrieben habe.

Ist Ihr Erbe als Sportler etwas, das Sie antreibt?
Nein, so habe ich es nie gesehen.

Was treibt denn einen wie Sie an, der schon alles gewonnen hat?
Bis jetzt fiel es mir relativ leicht: Die ­Motivation war immer da, die Freude an meinem Sport. Klar, die grossen Siege sind das, was mich reizt, warum ich weitermache.

Die beiden Winter vor dieser Saison waren von Verletzungen geprägt. Konnten Sie diesen trotzdem auch etwas Positives abgewinnen, etwa durch neue Erkenntnisse?
Eine gewisse Entwicklung gab es. Ich musste einige Dinge umstellen, wir machten uns deshalb auch viele Gedanken. Darum läuft es mir jetzt wieder so gut. Du kannst nicht immer gleich weitermachen.

Konkret?
Wir stellten nicht alles auf den Kopf, mussten aber Lösungen finden. Etwa im Krafttraining, als ich Wadenprobleme hatte. Ich arbeitete intensiver an meiner Lauftechnik. Wir schauten alles detaillierter an, als wir das sonst getan hätten.

Haben Sie nach zehn Jahren Spitzensport körperliche Abnützungserscheinungen, die Sie auch im Alltag spüren?
Ich brauche mehr Anlaufzeit. Ob auf den Ski oder beim Joggen: Es dauert 15 Minuten, bis ich mich wohlfühle. Mit 20 kannst du vom ersten Meter an voll loslaufen. Zum Glück fühlt es sich dann nach 15 Minuten aber an wie einst. Aber sonst? Meine Sportart ist im Vergleich zu anderen ja noch relativ körperschonend. Klar, geht man im Training ans ­Limit, vor allem in der Saisonvorbereitung, das ist immer eine Gratwanderung. Dadurch gibt es auch manchmal Momente, in denen mein Körper «Stopp!» sagt, sei es bei der Muskulatur oder den Sehnen, die wohl ein wenig mein Schwachpunkt sind.

Aus Ihrem Umfeld ist zu hören, dass Sie entspannter, lockerer geworden seien – ausgerechnet in den resultatmässig schwierigen Jahren.
Ich habe das Gefühl, ich sei immer relativ locker gewesen. Klar, wenn es anfänglich nicht läuft, gibt es mehr Diskussionen – so war es die letzten zwei Saisons. Aber irgendwie fand ich einen Weg, vertraute darauf, dass ich es noch besser kann.

Zweifelten Sie nie?
Doch, sicher. Ich finde aber nach wie vor, dass meine Leistungen sehr extrem beurteilt wurden. Ich war nie sehr weit weg. Vergangenen Winter wurde ich Dritter an der Tour de Ski – es gab also Anhaltspunkte, dass ich nicht völlig hinterherlief. Ich war mir auch bewusst, dass sich die verpassten Trainings in der Vorbereitung bis in den Winter hinein auswirkten – wenn das nicht gewesen wäre? Das konnte ich nun, nach einem verletzungsfreien Saisonaufbau, auch beweisen.

Sie starteten verhalten in den Winter, dann kam die Tour de Ski mit den Rennen auf der Lenzerheide und Ihren ersten Weltcupsiegen nach fast drei Jahren. Spürten Sie das in der Loipe, dass alles wieder zusammenkam, die absolute Harmonie in Ihren Bewegungen?
Ich frage mich, ob das so ist. Oder ob das einfach der Eindruck der Leute ist, wenn man vorneweg läuft. Wenn die Form gut ist, läuft man sicher etwas besser. Dann sieht alles etwas einfacher aus. Aber meine Technik war Anfang Saison nicht anders als auf der Lenzerheide. Doch in Kuusamo sagte mir niemand, wie gut ich technisch laufe. Nach dem Sieg sagten es dann alle. Das amüsiert mich jeweils ein wenig.

Sie hatten keinen perfekten Saisonstart, erlebten dann auf der Lenzerheide dieses überragende Comeback. Wäre ein solches einem russischen Athleten gelungen, wären die Dopingvorwürfe nicht weit . . .
. . . die gibt es auch bei mir immer wieder, allgemein im Ausdauersport. Ich weiss nicht, ob bei einem Russen mehr Zweifel an der Lauterkeit einer Leistung geäussert würden.

Hörten Sie selber von solchen Bemerkungen?
Direkt kriege ich das nie mit. Aber Zweifler gibt es immer, solche, die das Gefühl haben, dass es auch in anderen Nationen Staatsdoping gibt.

Wie stark beschäftigt Sie die Russen-Thematik?
Klar beschäftigt sie mich. Aber das Thema steht nun seit drei Jahren im Raum. Ich bin nicht mehr überrascht, wenn ein neuer Name auftaucht – oder nun in letzter Minute entschieden wird, dass diese Athleten nun doch starten dürfen. Schliesslich muss ich das zur Kenntnis nehmen.

Ist der Umgang mit dem russischen Staatsdoping nationenübergreifend unter den Langläufern ein Thema?
Durchaus, aber grosse Diskussionen gibt es nicht.

Haben Sie mit den Russen im Weltcup überhaupt Kontakt?
Eigentlich nicht. Sie sprechen auch kaum Englisch.

Und mit den anderen Nationen?
Da schon. Mit den einen versteht man sich besser als mit den anderen, so ist es dann auch mit dem Austausch. Mit den Russen gibt es die Sprachbarriere. Und auch sonst ist es schwierig: Ihre Meinung zum Thema ist schon auch ­bekannt, wenn man auf Social Media schaut.

Sie trainierten bereits die ganze Woche auf der Olympiastrecke. Was sind Ihre Eindrücke?
Auf der Klassisch-Runde gibt es zwei sehr lange, nicht allzu steile Anstiege, vom Gefühl her ist sie nicht so anstrengend. Aber bei den Testwettkämpfen gab es dort eine grosse Selektion. Die Skating-Runde ist dagegen abwechslungsreicher, geht hoch und runter, mit einem sehr steilen Anstieg vor dem Ziel, wo man die Differenz machen kann.

Wann sind diese Spiele für Sie ein Erfolg?
Wenn ich eine Medaille gewinne.

Eine Medaille oder Medaillen?
Eine Medaille. Die Erwartungen sind jetzt sicher wieder grösser. Aber ich bin immer noch der Ansicht, dass es viel braucht, um eine Medaille zu gewinnen. Zumal es mir etwa bei der WM vor einem Jahr in Lahti nicht gelungen ist. Aber wenn alles zusammenpasst, kann ich sicher schnell laufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 10:33 Uhr

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