«Ich habe keine Zeit für Freude»

Tödliche Unfälle, Wetterkapriolen, Olympische Spiele: Markus Waldner, Renndirektor des Internationalen Skiverbandes FIS, ist gefordert wie nie.

«Ich mache den Fahrern klar, dass ein Grossteil der Verantwortung bei ihnen liegt», sagt Markus Waldner. Foto: Samuel Schalch

«Ich mache den Fahrern klar, dass ein Grossteil der Verantwortung bei ihnen liegt», sagt Markus Waldner. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach den Todesstürzen von David Poisson und Max Burkhart ist die Sicherheit ein grosses Thema.
Sicherheit ist immer Thema, jetzt nicht mehr und nicht weniger als vorher. Es ist etwas Schlimmes passiert. Der Unfall von Poisson geschah im Training, dort herrschen nicht die Standards vom Weltcup.

Burkhart aber verunfallte auf der Weltcuppiste von Lake Louise.
Das war enormes Pech. Er ist an einer Stelle gestürzt, wo ich noch nie jemanden stürzen sah. Von einem Trainer habe ich gehört, ihm hätte es bei der Landung nach einem Sprung die Ski verschnitten, in einem blöden Winkel sei er dann aufs A-Netz zugerast und habe mit seinen Ski die Plane aufgeschnitten. Dann hat es ihn plötzlich blockiert. Von 100 km/h auf 0 – riesiges Pech.

Sie haben Ex-Weltmeister Hannes Trinkl geholt, um die Abfahrten spektakulärer zu gestalten. Wie schwierig ist die Gratwanderung?
Wir bewegen uns nicht auf Langlauf­strecken oder Leichtathletikbahnen, es ist immer eine Gratwanderung. Die ­Pisten werden jedes Mal neu konstruiert. In Wengen mussten wir laufend Anpassungen vornehmen. Ein bisschen Wind, andere Schneebeschaffenheit – und schon funktioniert der Plan nicht mehr.

Wie viel Verantwortung tragen Sie, wie viel der Fahrer?
Ich muss den Fahrern klarmachen, dass ein Grossteil der Verantwortung bei ­ihnen liegt. Lustigerweise sind einige der Meinung, moderner Abfahrtssport bedeute, von Anfang bis Ende mit Vollgas durchzufahren. Andere haben verstanden, dass ein schönes und spektakuläres Rennen Passagen hat, die taktisch klug gefahren werden müssen.

Läuft etwas schief, kommt das auf Sie zurück. Wie gehen Sie damit um?
Hannes und ich haben einen knochenharten Job. Wir stellen uns jeden Tag infrage. Am Ende müssen wir den Kopf hinhalten. Wir brauchen starke Nerven, viel Courage, und die physische Belastung ist enorm. Ich habe keinen Superjob.

Sie sind die vierte Saison Renn­direktor. Was fordert Sie am meisten?
Das Wetter. Alles andere kann man ­regeln. Die Veranstalter müssen gut aufgestellt sein, damit sie Schäden beheben können. Es braucht Maschinen, Infrastruktur – so schlimm ist es geworden.

Wird es immer schlimmer?
Schauen Sie auf den letzten Sommer: Erdbeben, Hurrikane, ein Desaster! Mit solchen Dingen müssen wir auch im ­Winter rechnen. In Wengen hatten wir in der Nacht auf Dienstag einen Sturm, den Riesenslalom von Sölden mussten wir absagen, weil der Wind mit 170 km/h blies.

Können Sie dem Wetter entgegenwirken?
Bei Schneemangel können die Veranstalter etwas tun. Sie müssen in modernste Schneeanlagen investieren mit leistungsstarken Kühlsystemen und Wasserreservaten. Wengen hat solche Investitionen getätigt, Adelboden auch, wir ­haben dort praktisch Schneegarantie. Bei einem Sturm braucht es Mittel, um schnell darauf reagieren zu können.

Wie lief das in Wengen?
Wie sie bereit waren für das Training am Mittwoch, dass man fast nichts mehr sah von der Verwüstung auf der Piste, das war fantastisch.

War es so arg?
Es sah aus wie nach einem Erdbeben. So etwas habe ich in meinen 30 Jahren auf der Rennstrecke noch nie gesehen. Bäume lagen auf der Piste, grosse Tannen. Die obere VIP-Lounge war praktisch weg, selbst A-Netze waren ausgerissen, die Masten umgestürzt – Wahnsinn!

Wie viele Orte können so schnell auf solche Ereignisse reagieren?
In Wengen arbeiten fast 1000 Leute, das ist vergleichbar mit Olympia. Und dann gibt es Orte mit kleinerem Budget, dort dauern solche Sachen etwas länger.

Wo zum Beispiel?
In Bormio. Dort haben sie ein Schön­wetter-Set-up, sie hoffen einfach auf Sonnenschein. Dann geht es gut. Wenn nicht, dann brauchten sie acht statt drei Maschinen am Berg, 300 statt 50 Leute.

Nur 50 Leute für Bormios Strecke?
Der Grundstock an Personal im operativen Bereich ist in etwa so gross. Wenn es schneit, kommen sie ins Schwimmen.

Sie fordern von den Veranstaltern viel, gerade auch finanziell.
Klar ist es auch eine Frage des Geldes. Die Maschinen sind das eine, aber es braucht eben auch viel Personal.

Müssten die Organisatoren entlastet werden?
Das führt zu einer weiteren Diskussion: Die TV-Rechte liegen bei den nationalen Verbänden, ausser bei Kitzbühel und wenigen anderen. Der Veranstalter aber trägt das gesamte Risiko.

Wie schwierig ist es da, die Veranstalter bei Laune zu halten?
Die Klassiker sind ohnehin dabei, auch wenn das Risiko immer grösser wird. Die Rennen zu versichern, wird nicht billiger. Bei eine Rennabsage kriegt der Organisator einen Teil der Ausfälle zurückerstattet, es bleibt aber ein grosses Loch.

Fällt ein Rennen aus, suchen Sie einen Ersatzort. Ist der Kalender nicht so schon zu dicht?
Bei Sitzungen jammern alle, wir hätten zu viele Rennen, die Fahrer seien bald am Limit. Aber wenn dann einer die Hand heben sollte, der ein Rennen zurückgeben will, dann tut das keiner.

Sind die Fahrer am Limit, steigt das Risiko. Haben Sie keine Bedenken?
Die Fahrer können entscheiden. Wir ­bieten einen Kalender an, aus dem man aussuchen kann. Im Restaurant bestellen Sie auch nicht alles, was auf der Karte steht.

Wie viele Tage sind Sie unterwegs?
Letztes Jahr waren es 280. Sommer-, Olympia-, WM-Inspektionen. Und bereits dreht sich vieles um Olympia 2022 in China. Früher sagten wir im Frühling: «Wir sehen uns im Herbst.» Jetzt habe ich nie Ruhe.

Weshalb nicht?
Weil alles wächst, mehr Geld im Spiel ist. WM, Olympia, das ist alles so gross geworden. Und bei Veranstaltern wie Südkorea oder China fangen wir praktisch bei null an zu erklären.

Was reizt Sie an diesem Job?
Eine gute Frage. (überlegt) Ski ist mein Leben. Ich fuhr selber, war Trainer, später Koordinator im Europacup, jetzt bin ich Renndirektor. Ich bin auf einer Mission. Doch die wird immer schwieriger, der Druck grösser, die Aufgaben werden mehr, und die Verantwortung ist riesig.

Erleben Sie Momente der Freude?
Ich habe keine Zeit für Freude.

Ist das gesund?
(lacht) Ich glaube nicht. Aber ich suche Momente, um Distanz zu gewinnen. Im Sommer fahre ich Rennvelo, Mountainbike. Das ist meine Medizin. (denkt nach) Ich gebe immer mein Bestes, trotzdem gibt es manchmal Fehler. Und Fehler werden im Skizirkus nicht geduldet.

(Newsnet)

Erstellt: 12.01.2018, 22:46 Uhr

Artikel zum Thema

Beat Feuz: Der Mann, der kein Wunder braucht

ANALYSE Beat Feuz ist in der Lauberhornabfahrt die Schweizer Hoffnung. Die anderen müssen auf die Wirkung des Wunderbergs hoffen. Mehr...

Schweizer scheitern reihenweise

Lauberhorn-Auftakt misslungen: Mehr als die Hälfte der Schweizer scheidet im Kombinationsslalom aus. Der Sieg geht an Victor Muffat-Jeandet. Mehr...

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Flug nach Singapur

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Es bleibt noch eine Weile grün

Mamablog Mobbing im Kindergarten

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Das grösste Tier der Erde: Ein Besucher des Royal National Parks, südlich von Sydney, Australien, betrachtet einen toten Wal, der an die Wattamolla Beach angespült wurde. (24. September 2018).
(Bild: Dean Lewins) Mehr...