High Noon in St. Moritz

Am Samstag um zwölf Uhr mittags beginnt das meistbeachtete WM-Rennen. Die Favoritenrolle wird hin- und hergeschoben.

Vincent Kriechmayr deklassierte die Konkurrenz im Training.

Vincent Kriechmayr deklassierte die Konkurrenz im Training.

(Bild: Keystone)

Abfahrer sind grossteils stäm­mige Bergler. Fernab der Piste strahlen sie Gemütlichkeit aus, manchmal wirken sie in sich gekehrt. Und erwecken dabei den Eindruck, für den Kampf um Hundertstel zu träge zu sein. Es fällt schwer, zu glauben, dass sie in der Lage sind, aus sich herauszukommen, sich mit letzter Konsequenz den Berg hinunterzustürzen.

Der Schein jedoch trügt. Abfahrer sind grossteils gewiefte Pokerspieler. So gelassen sie öffentlich auftreten, so gezielt nehmen sie den Spannungsaufbau im Hinblick auf das Gipfeltreffen vom Samstag vor. Fahrtechnisch bewegen sich die Besten auf vergleichbarem Niveau, oft spielt die mentale Komponente eine zentrale Rolle.

Fragen, die sich um das Mass der Risiko­bereitschaft und den Umgang mit der Ausgangslage drehen, sind von hoher Relevanz. Letzteres gilt vorab für jene Athleten, die als Favoriten gehandelt werden.

In St. Moritz dreht sich vieles um Vincent Kriechmayr und Beat Feuz. Der Österreicher distanzierte die Konkurrenz im zweiten Training um 1,3 Sekunden, der Emmentaler hatte in der ersten Übungseinheit trotz zweier Fehler den Bestwert realisiert. Er ­habe die interne Qualifikation bestreiten müssen, «mein letztes Hemd» riskiert, sagt Kriechmayr.

Feuz hingegen sei im Schongang gefahren. Der Schangnauer schmunzelt, als er mit dem Statement konfrontiert wird. Und ­erwidert, wer auf den Rest 1,3 Sekunden heraushole, «ist der Mann, den es zu schlagen gilt».

Feuz ist eine Spielernatur, das Vorgeplänkel wird seine Vorbereitung nicht beeinträchtigen. Zumal er genau weiss, dass es Athleten gibt, die kaum erwähnt werden, aber nicht minder stark einzuschätzen sind als der Österreicher. Kjetil Jansrud und Super-G-Weltmeister Erik Guay haben an Grossanlässen den Vorteil, Länder zu vertreten, in denen der Skisport die Massen kaltlässt.

Am Samstag, um zwölf Uhr mittags, werden der Norweger und der Kanadier die Karten aufdecken. Dann wird sich herausstellen, ob Kriechmayrs Behauptung, wonach Feuz noch reichlich Reserven habe, die Realität spiegelt.

Nils Mani ist ein stämmiger Bergler, aber (noch) nicht als ­gewiefter Pokerspieler bekannt. Die interne Qualifikation hat der Berner Oberländer trotzdem gemeistert, dank seines beherzten Auftritts im Training vom Donnerstag. Für den 24-Jährigen geht es darum, Erfahrungen zu sammeln. Damit er sich dereinst mit letzter Konsequenz den Berg hinunterstürzen kann.

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