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Einsam in der Männerdomäne

Als Petra Kronberger vor 25 Jahren für Österreich alles gewann, fehlte ihr eines schmerzlich: eine Vertrauensperson. Diese ist die 48-Jährige nun für die heutigen Fahrerinnen.

«Das Wichtigste ist, dass ich zuhöre», sagt Petra Kronberger. Foto: Erich Spiess (Imago)
«Das Wichtigste ist, dass ich zuhöre», sagt Petra Kronberger. Foto: Erich Spiess (Imago)

Am 28. Dezember 1992 brach Österreichs Skiwelt kurzfristig zusammen. ­Petra Kronberger verkündete ihren Rücktritt, mitten im Winter, als 23-Jährige. In drei Saisons hatte sie gewonnen, was es zu gewinnen gab: Rennen in allen Disziplinen, den Gesamtweltcup, Olympia- und WM-Gold. Den abrupt gezogenen Schlussstrich empfand sie als einzigen Ausweg aus ihrer Erschöpfung und Überforderung.

Alleine gelassen hatte sich die Österreicherin gefühlt; alleine mit dem Brimborium um ihre Person, dem Druck, aberauch den Sorgen und Ängsten, mit denen sich junge Frauen auseinanderzusetzen haben. Ihre stillen Hilferufe blieben mal unerhört, mal unverstanden. Eine führende Hand hätte Kronberger gebraucht. Jemanden, der sich ihrer angenommen hätte. Es gab diese Person nicht.

Es gibt sie heute.

Kronberger ist zurück im Skizirkus. Nach einem Vierteljahrhundert. Gekommen, um anderen ihren schwierigen Weg zu ersparen. Vor etwas mehr als zwei Jahren wurde sie zur Frauenbeauftragten im österreichischen Skiverband (ÖSV) bestimmt. Sie bezeichnet sich als Anlaufstelle für alle, «egal, um welche Themen es sich handelt». Immer mehr Athletinnen suchen das Gespräch mit der 48-Jährigen. Gelegt hat sich die Skepsis der Trainer, und Kronberger sagt: «Nun ist eine neutrale Person da, mit der die Frauen sprechen können, wenn der Hut brennt.»

Der Fall Anna Veith

Der Skisport ist eine Männerdomäne. Einen einzigen weiblichen Coach gibt es bei Österreichs Alpinen, es mangelt an Ansprechpartnerinnen. Gewisse Diskussionen führe eine Athletin womöglich lieber mit einer Frau, sagt Kronberger. Verbandspräsident Peter Schröcksnadel meinte einst lässig, die Sprache des Mannes sei nun einmal eine andere als jene der Frau. Und so hat er Geld gesprochen für dieses Pionierprojekt, ausgerechnet der 76-Jährige, der konservative, manchmal cholerische Patriarch.

Kronberger spricht die Fahrerinnen am Esstisch an, manchmal auch auf dem Skilift. Sie will auf die Person zugehen, sich aber nicht aufdrängen. Es ist eine Gratwanderung. Die Themenpalette ist mannigfaltig: Kronberger wird mit rein organisatorischen Fragen konfrontiert, aber auch mit Anliegen aus dem Privatleben. Bei jungen Athletinnen drehe sich vieles um den Übergang von der Spät­pubertät zum Erwachsenwerden, welcher schon ohne den permanenten Leistungsdruck herausfordernd sei. «In dieser ­Lebensphase geschieht sehr viel. Es braucht Zeit, alles richtig einzuordnen.» Kunstgeschichte und Germanistik hat Kronberger studiert, nicht aber Psychologie. Als frühere Athletin mit bewegter Geschichte und Kennerin des ÖSV-Systems aber scheint sie geeignet für den Job. Wenn es die Situation erfordert, zieht sie einen Experten bei. Wobei: «Das Wichtigste ist, dass ich zuhöre. Viele suchen nur ein offenes Ohr.»

Legitimiert wurde das Tätigkeitsfeld durch den Fall Anna Veith. Österreichs Skistar lieferte sich vor drei Jahren einen Schlagabtausch mit dem Präsidium, formte aus den Streitigkeiten ungewollt eine Genderdebatte. An und für sich ging es um Betreuungs- und Vermarktungsangelegenheiten; Veith aber fragte öffentlich, ob sie es akzeptieren solle, als Frau stets zurückstecken zu müssen.

Der Missbrauchsskandal

Von weitaus grösserer Tragweite sind die von Nicola Werdenigg ­geschilderten Missbrauchsvorwürfe. Anfang Winter brach die 59-Jährige ihr Schweigen, erzählte, mit 16 von einem Teamkollegen vergewaltigt worden zu sein. Laut Werdenigg kam es in den Siebzigern im ÖSV systematisch zu sexuellen Übergriffen. «Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr», sagte sie dem «Standard».

Skandalös soll es in der Neuzeit am Skigymnasium in Stams zu und her gegangen sein. Werdenigg erwähnte überdies einen Missbrauchsvorfall von 2005, der verheimlicht worden sei. Der ÖSV flüchtete sich in undurchdachte Ausreden. Kronberger zeigte sich erschüttert, aber nicht völlig überrascht. «Sexuelle Belästigung gibt es leider überall auf der Welt. Weshalb sollte es sie im Sport nicht geben?», fragt sie rhetorisch. Und erwähnt subtilere Dinge, Worte oder Gesten etwa hinsichtlich Körper und Gewicht, die bei Frauen schon manches bewirken, vieles zerstören könnten.

«Der Umgangston war ein anderer als heute.»

Regelmässig sucht Kronberger den Dialog mit Trainern und Funktionären, sie will mithelfen, Sensibilität zu entwickeln. Mit Vorfällen in ihrer Amtszeit ist sie nicht konfrontiert worden. Als Aktive hatte Kronberger mit Formen von Machtmissbrauch zu kämpfen gehabt, auf der verbalen Ebene zwar nur, und doch hatte es sie beschäftigt. «Manches wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Der Umgangston war ein anderer als heute.» Die Salzburgerin will mithelfen, dass der ÖSV keine weiblichen Talente durch voreilige Rücktritte verliert.

Durch ihr frühes Karriereende verzichtete Kronberger auf Millionen. Sie verlor Freunde, weil sie sich in einer Konsequenz vom Sport abwandte, die ihresgleichen sucht. Hätte sie weitergemacht, wäre der Petra Kronberger von 1992 die Petra Kronberger von 2018 zur Seite gestanden? Sie überlegt, sagt: «Ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen mir als Skifahrerin und als Person. Ich war total ausgebrannt, musste mich neu erfinden. Aber es hätte bestimmt ein schöneres Ende gegeben.»

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