Ein Tag im Leben eines Abfahrers

In rund zweieinhalb Minuten düsen die besten Skifahrer der Welt die Lauberhorn-Strecke hinunter. Im Hundertstelkampf kann jedes Detail entscheiden. Einblicke vor der Wengen-Premiere des Dänen Christoffer Faarup.

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Auf 170 Metern über Meer liegt die höchste Erhebung Dänemarks. Chris­toffer Faarup ist trotzdem Skifahrer geworden, fehlende Berge hin oder her. Er ist der einzige Däne im Weltcup, bestreitet erstmals die Lauberhornrennen. Faarup ist 25-jährig; seit er 14 ist, lebt er in Norwegen, wo sein Vater als Arzt arbeitet. Die Eltern ermöglichen ihm die Verwirklichung seines Traums, der pro Saison rund 100'000 Franken verschlingt.

Seit dieser Saison ist der Abfahrtsspezialist ins schwedische Nationalteam integriert, welches im Oberland gerade mal aus Fahrer Felix Monsen, einem Trainer und einem Servicemann besteht. Seit Montag weilt Faarup in Wengen, am Mittwoch durfte ihn diese Zeitung begleiten und erhielt einen Einblick in den Alltag eines Profifahrers.

6.30 Uhr: Der Wecker klingelt. Kurz darauf zwingt sich Faarup am Frühstückstisch, Joghurt mit verschiedenen Flocken zu essen. Die paar Hundert Meter zum Bahnhof geht er in Skischuhen, ein zweites Paar am Rucksack befestigt, in welchem sich auch Socken, Saft und Sonstiges von Monsen befinden. Das eine Schuhmodell braucht er fürs Einfahren, das andere ist für den Trainingslauf vorgesehen. Bei den Skiern verhält es sich gleich, diese sind in einem grossen Zelt in der Dorfmitte deponiert.

Es ist dunkel, als Faarup kurz vor 8 Uhr in den Zug hinauf Richtung Kleine Scheidegg steigt. Die Giganten Aksel Svindal und Kjetil Jansrud sind auszumachen, mit ihnen tauscht sich der fliessend norwegisch sprechende Däne rasch aus. Übrige Frühaufsteher aber sind an zwei Händen abzuzählen. Eine Stunde später erst steigen die meisten Schweizer ein.

8.25 Uhr: Faarup sitzt auf dem Sessellift, allein, er macht sich auf den Weg zum Einfahren. Eine Piste ist für die Athleten reserviert; Tore aber sind keine gesteckt, der Untergrund ist aufgrund des Temperaturanstiegs in den letzten Tagen schlichtweg zu weich. Einige Fahrer wedeln nur ein paarmal nach links und rechts, andere sind gar nicht erst hochgekommen.

Für Faarup käme ein Verzicht nicht infrage, ist es für ihn als «Exoten» doch schwierig und teuer genug, im Winter Trainingsmöglichkeiten zu finden. Jede Minute auf Schnee betrachtet er als «Karriereinvestment». Drei Fahrten mit Riesenslalomschwüngen legt er hin. «Das Tempo war niedrig», hält er fest, wobei «niedrig» Definitionssache ist – der Beobachter jedenfalls hat ihn rasch aus den Augen verloren. Anschliessend macht Faarup Liegestütze.

Auch die Schweizer sind längst da. Nach dem Sonnenaufgang ist der Blick aufs Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau schon fast kitschig schön. Auf dem Weg zum Startgelände kramt Gilles Roulin sein Smartphone hervor, Urs Kryenbühl macht ein Selfie, die Bergwelt im Hintergrund.

10.30 Uhr: Aus dem Starthaus, auf die Strecke! Die Besichtigung für den ersten Trainingslauf beginnt, wer nach 10.50 Uhr am Start eintrifft, erhält keinen Einlass mehr. Die Piste präsentiert sich in weitaus weniger eisigem Zustand, als der erleichterte Laie befürchtet hatte.

Fahrer, Trainer, Serviceleute, Pistenarbeiter, Offizielle, Fotografen, ein paar wenige Journalisten – auf dem Lauberhorn herrscht das organisierte Chaos. Klare Regeln sind zu befolgen: Wer zwei Tore lang in Hockeposition fährt, wird ermahnt oder gar mit einer Versetzung ans Ende der Startliste fürs Rennen bestraft. Zudem ist Kurvenfahren verboten, nur Rutschen ist erlaubt. Weshalb die Après-Ski-Fahrer kaum negativ auffallen.

Die ersten Passagen bringt Faarup schnell hinter sich, er kennt sie von den Europacuprennen. Ab dem Hundschopf hingegen nimmt er sich viel Zeit, steigt ein paarmal zurück, zieht die Handschuhe aus und prüft mit den Fingerspitzen die Schneebeschaffenheit. Dann und wann staunt der Hobbyfahrer, oben beim Haneggschuss beispielsweise, auch vor dem steilen Zielhang.

Altmeister Ivica Kostelic, als Berater der Kroaten vor Ort, gibt dem Touristen lieb gemeinte Tipps und lacht dazu, albert darauf mit Didier Cuche herum. Wobei alles in allem wenig und vor allem leise gesprochen wird. Die Protagonisten befinden sich im Konzentrationsmodus. Faarup erzählt, wie er gedanklich bereits durch jedes Tor fahre. Er schöpft die verfügbaren anderthalb Stunden bis auf wenige Sekunden aus, sucht einmal Rat bei einem deutschen Betreuer. Andere haben es eiliger; der Franzose Thomas Mermillod Blondin und der Amerikaner Jared Goldberg etwa schauen sich die meisten Abschnitte flüchtig an.

14:17 Uhr: Der Nachteil einer späten Startnummer? Die schlechte Piste, klar. Aber auch die geringere Erholungszeit. Als Faarup als 54. ins Geschehen eingreift, weilt Beat Feuz bereits im Hotel. Fast drei Stunden galt es zwischen Besichtigung und Training zu überbrücken. Faarup hat im Hospitality-Zelt einen Kaffee getrunken, im Restaurant einen Teller Teigwaren gegessen. Später fährt er sich nochmals warm. Nun ist die Piste für jedermann geöffnet, weshalb es das Tempo zu drosseln gilt.

Drei Norweger spielen zu dieser Zeit Karten, ein Tscheche – kein Scherz – schnarcht auf einer Bank bei der Startbar. Faarup seinerseits misslingt im Training bereits die erste Kurve. Danach fährt er wie diverse Konkurrenten mit an­gezogener Handbremse. Im Ziel resultieren 8 Sekunden Rückstand auf Hannes Reichelt und die gleiche Zeit wie jene von ­Kombinations-Weltmeister Luca Aerni. Die Beine sind nicht müde, weil Faarups Hockeposition zu wenig tief war. Er spricht von einer «Kennenlernfahrt, drei Sekunden schneller geht es problemlos».

Nach dem Lauf folgt der Transfer zur Unterkunft, wo der gewünschte Lunch nicht angeboten wird. Wenngleich der Weltskiverband FIS entsprechende Vorgaben an die Hoteliers richtet, beschwert sich Faarup nicht. Er joggt ins Dorf, kauft eine Kleinigkeit im Supermarkt.

16.10 Uhr: Man hört das Schleifen von Maschinen, Staub wirbelt durch die Luft. Servicemann Ziga Rosina, ein Bär von einem Mann, ist am Putzen, Schrauben, Wachsen. Im grossen Zelt beim Bahnhof haben die meisten Teams ­respektive deren Materialverantwortliche ein Containerabteil, etwa so gross wie ein Pferdestall. Hinter Rosina stehen 24 Paar Skier aufgestellt, alle gehören sie Faarup und Monsen, von 165 Zentimeter langen Slalom- bis zu 218 Zentimeter langen Abfahrtslatten. Es gebe Servicemänner, die den einzelnen Skiern Kose­namen verleihen würden, witzelt Rosina.

Nach dem Training schauen die Fahrer vorbei, geben Feedbacks. Das Gespräch dauert knapp 20 Minuten, an anderen Tagen aber auch mal anderthalb Stunden. Selten zwar, aber es kommt vor, dass eine Partei laut wird. Zu Beginn der Zusammenarbeit habe er seinen Servicemann mehrmals zum Essen eingeladen, sagt Faarup. «Ich wollte ihn richtig kennen lernen. Wenn ich mit 150 km/h den Berg runterfahre, muss ich Vertrauen spüren in den Mann, der meine Skier präpariert.»

Wegen der wechselnden Schneebedingungen schiebt Rosina Extraschichten. Den Ski für die Abfahrt von heute wählt er am Mittwoch aus, legt das Grundwachs an. Es ist ein dreijähriges Modell, im nächsten Winter dürfte es entsorgt werden.

17 Uhr: Der Fitnessraum im Ho­tel ist spartanisch eingerichtet. Faarup schwitzt auf dem Velo, zu Regenerationszwecken eliminiert er das Laktat aus den Muskeln. Daraufhin erholt sich der Däne im Zimmer, welches er sich den ganzen Winter hindurch mit Copain Monsen teilt. Der Schwede läuft draussen die Strasse rauf und runter, das Handy am Ohr. «Er telefoniert mit der Freundin», erzählt Faarup lachend. «Er tut das mehrmals am Tag, die Liebe ist halt noch frisch.»

Ein Einzelzimmer liegt aus finanziellen Gründen nicht drin, an die fehlende Privatsphäre hat sich der Athlet gewöhnen müssen. Ein leichter Mief liegt in der Luft – er stammt von den drei Paar Skischuhen neben dem Bett, den sechs Paar Innenschuhen und Sohlen. Faarup meint, während des Fahrens fühle es sich an, als befände sich sein Fuss in einem Schraubstock, derart eng geschnallt sei das Schuhwerk. «Ich habe riesige blaue Flecken an meinen Zehen.»

Im Raum liegen Energieriegel, Erdnüsse, Bananen herum. Er müsse zunehmen, sei andauernd am Essen, sagt Faarup. Noch in der vergangenen Saison musste er seine Skier selber präparieren, die Arbeitstage dauerten dann und wann von 6.30 bis 22.30 Uhr. «Manchmal reichte die Zeit nicht für eine warme Mahlzeit. Ich nahm dabei 6 Kilo ab.»

18.35 Uhr: Ein Laptop steht auf dem Tisch, ein Notizblock mit draufgekritzelten Torstangen liegt daneben. Coach Zupan bittet in seinem Appartement zur Videoanalyse. Trainer aus aller Welt hat er darum gebeten, seine beiden Athleten während des Trainings zu filmen, die Aufnahmen der einzelnen Streckenabschnitte und von verschiedenen Blickwinkeln hat er in Windeseile zu einem Filmchen zusammengeschnitten.

Zweimal wird das Video abgespielt; es ist mucksmäuschenstill, einmal schüttelt Zupan den Kopf, einmal haut sich Faarup an die Stirn. Dann fragt der Coach: «Willst du meine Meinung oder nette Worte hören?» Der Slowene analysiert sachlich, aber schonungslos. 35 Minuten lang dauert das Ge­spräch, welches zu einem Monolog verkommt. Faarup schlurft nach dem verbalen «Chlapf» zurück in sein Zimmer. Redseligkeit und gute Laune sind verschwunden.

19.20 Uhr: Das slowenisch-schwedisch-dänische Quartett trifft sich zum Nachtessen. Später im Zimmer schaut sich Faarup einen Beitrag über seinen Landsmann Tom Kristensen an, die Motorsport­legende, welche neunmal in Le Mans triumphierte. Via E-Mail meldet sich ein dänischer Journalist, vor den Olympischen Spielen in Pyeongchang will er ein Interview mit dem Skiprofi führen.

Faarup und Monsen packen die Tasche für den nächsten Tag; in den Ausgang gehen sie nicht, wenngleich Wengen für Mittzwanziger zu später Stunde verlockend sein kann. Vielleicht werde er sich am Freitagabend vor der Abfahrt ein Bier genehmigen, sagt Faarup, «zur Beruhigung der Nerven». Um 22.30 Uhr ist Lichterlöschen, aus gegenseitigem Respekt halten sich beide daran.

Zum Klassiker startet Christoffer Faarup mit Nummer 53. Natürlich tut er das als krasser Aussenseiter. Platz 30 belegte er im Februar an der WM-Abfahrt in St. Moritz, nie zuvor war ein Däne an Welttitelkämpfen weiter vorne klassiert gewesen. Mats Bodker holte in den Achtzigerjahren zweimal Weltcuppunkte in der Kombination, zweimal liess er dabei keinen Konkurrenten hinter sich.

Seinen ersten Punktgewinn hat sich Faarup in dieser Saison zum Ziel gesetzt. Schritt für Schritt will er sich der erweiterten Weltspitze nähern, das Studium hat er dafür abgebrochen. Er spricht von einem langfristigen Projekt. In diesem wird manch langer Tag folgen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 08:41 Uhr

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