Der Sohn des Vaters, ein Leben lang

Noel von Grünigen konnte in der Schule eine Klasse überspringen. Auf der Skipiste geht es langsamer voran: Mit 23 startet der Sohn des zweifachen Weltmeisters Michael von Grünigen erstmals in Adelboden.

NVG mit MVG, Noel mit Michael von Grünigen. Foto: Christian Pfander

NVG mit MVG, Noel mit Michael von Grünigen. Foto: Christian Pfander

Es ist diese eine Erinnerung, die ihm geblieben ist. Als der Papa in Adelboden fuhr, wälzte er sich neben der Piste im Schnee. Fünf, vielleicht sechs Jahre alt war er da. Natürlich wusste er nicht, was der Vater genau tat, und erst recht nicht, wie gut er darin war. 23 Riesenslaloms gewann Michael von Grünigen, 1997 und 2001 wurde er Weltmeister.

Nun betreut er Sohn Noel, Mitglied des Schweizer C-Kaders, und dieser sagt: «Mit jeder zusätzlichen Saison, mit jeder neuen Hürde, die ich aus dem Weg räumen muss, wird mir bewusster, welch gewaltige Karriere er hatte.»

Mit der Bürde, ständig mit dem erfolgreichen Vater konfrontiert zu werden, ist Noel von Grünigen aufgewachsen. «Fuhr er als Bub ein schlechtes Rennen, diskutierten die Leute noch zwei Wochen später darüber», sagt Michael von Grünigen, «beim Hansli Muster war es nach ein paar Minuten kein Thema mehr.»

Noel aber spricht von einem ­Segen, nicht von einem Fluch. Manch Tür, etwa im Materialbereich, habe sich geöffnet, dem bekannten Namen sei Dank. Er wisse, dass er stets als Sohn von Michael von Grünigen wahrgenommen werde, was ihm nichts ausmache. Man glaubt es ihm. Es stört ihn auch nicht, wird das Sechs-Augen-Gespräch mehrmals unterbrochen, weil immer wieder jemand etwas will. Vom Vater natürlich. Nicht vom Sohn.

Die Absage aus Stolz

23 hat Noel von Grünigen werden müssen, um in Adelboden starten zu dürfen. Mehrmals hatte er sich als Vorfahrer beworben, erhielt Absage um Absage, «es hiess jeweils, der Janka brauche etwas Slalomtraining für die Kombination». Vor zwei Jahren bekam er die Erlaubnis, doch nun war von Grünigen zu stolz. Er versprach, dereinst als Weltcupfahrer zu kommen.

Der Schönrieder hielt Wort, war im Slalom als 56. aber chancenlos. Er wartet in einem Alter auf den ersten Weltcuppunkt, in welchem der Papa erste Rennen gewonnen hatte. Dennoch setzt er sich nicht unter Zeitdruck, und von Grünigen senior erwähnt Fälle aus der jüngeren Vergangenheit, als Fahrer zu früh aus den Kadern gestrichen worden seien. Mittlerweile sei Swiss-Ski sensibler geworden. «Zu meiner Zeit hörten die meisten mit 30 auf, heute dauert eine Karriere deutlich länger. Man muss den Athleten mehr Zeit lassen.»

Beim Skifabrikanten Fischer besitzt von Grünigen Mandate, die Arbeit kombiniert er so gut es geht mit Reisen zu den Rennen des Sohnes. «Er ist meine wichtigste Bezugsperson», sagt der Junior. Ein Kompetenzgerangel mit den Verantwortlichen von Swiss-Ski gibt es nicht. Heikel war die Konstellation zu Juniorenzeiten. Die Trainer im Berner Oberland hätten ihn als Über­figur wahrgenommen, sagt Michael von Grünigen. «Viele wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten.»

Die eigene Geschichte

Von Grünigen leidet mit in Adelboden, wobei er auch Stolz verspürt. So wie damals, als der Bub ihn auf der Piste erstmals stehen liess. Für die Maturaarbeit testeten Vater und Sohn Ski; im Riesenslalom konnte die Hierarchie gerade noch gewahrt werden, im Slalom war der 16-Jährige schneller.

Mit 17 bereits beendete er das Gymnasium, die erste und zweite Klasse hatte er in einem Schuljahr absolviert. Von Grünigen war erstaunlich reif für ein Kind seines Alters, er wirkte unterfordert und fühlte sich unverstanden. Auf Anraten der Lehrkräfte liessen ihn die Eltern Tests ablegen. «Auffällig war, wie schnell er gelernt hat», sagt «Mike».

Dessen Kürzel MVG wurde zur Marke, Noel meldeten die Trainer als NVG zu den Rennen an. Er spricht von einer eigenen Geschichte, die er schreiben wolle. Und doch mag er sich nicht emanzipieren vom Vater. Da passt es ganz gut, dass Mitglieder aus dessen früherem Fanclub einen solchen für den Nachfahren gründen wollen.

Berner Zeitung

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