Der Glanz und die Realität im Skizirkus

Von der letzten Skisaison ist in erster Linie der Medaillenregen von St. Moritz in Erinnerung geblieben. In Sölden sehen sich die Schweizer wieder mit dem weniger gloriosen Alltag konfrontiert.

Bronze und Gold in der WM-Kombination: Mauro Caviezel (links) und Luca Aerni lassen sich von den Betreuern durchs Zielstadion tragen.

Bronze und Gold in der WM-Kombination: Mauro Caviezel (links) und Luca Aerni lassen sich von den Betreuern durchs Zielstadion tragen.

(Bild: Keystone)

Das Aufgebot ist beeindruckend. 17 Athletinnen und Athleten wurden vor acht Tagen für die Weltcupouvertüre in Sölden nominiert – so viele wie lange nicht mehr. Was insofern erstaunt, als am Wochenende Riesenslaloms stattfinden werden, die Basisdisziplin aus helvetischer Optik zur Kummersparte geworden ist und die einzige Podestfahrerin der letzten fünf Jahre nicht im Starthaus stehen wird.

Vorjahressiegerin Lara Gut lässt es nach verheiltem Kreuzbandriss vorsichtig angehen; die Tessinerin dürfte Ende November in Killington wieder ins Geschehen eingreifen. «Absolut vernünftig» sei dieses Vorhaben, sagt Frauenchef Hans Flatscher. «Lara kommt zurück, wenn sie das Gefühl hat, dass sie vorne hineinfahren kann.»

Jeder Trumpf sticht

Vorne hineinfahren – das wird von den schnellsten Swiss-Ski-Vertretern erwartet. Im Februar wurden diese ihrer Reputation gerecht. Nach längerer Baisse glückte der Befreiungsschlag, die Einheimischen verwandelten die Heim-WM in eine Skiparty.

Sieben Medaillen, drei davon in Gold, liessen sie sich umhängen; das Ensemble des Gastgebers bewegte sich in St. Moritz fast auf der Höhe der vermeintlich entrückten Österreicher. Wobei der Schein trügt, der reiche Ertrag auf schier unglaublich hoher Effizienz beruhte.

Gewiss, Gut hätte die Bilanz ohne den folgenschweren Sturz beim Einfahren zum Kombinationsslalom noch schöner gestalten können. Unter dem Strich jedoch bleibt die Erkenntnis, dass im Frauenteam jeder Trumpf mindestens einmal gestochen hat.

In der Männerequipe reüssierten mit Luca ­Aerni und Mauro Caviezel gar Athleten, die im Vorfeld nicht als Trümpfe hatten bezeichnet werden können. Für einen Medaillengewinn brauche es drei Kan­didaten, besagt die Faustregel. Die Schweizer haben sie mehrfach gebrochen. Acht Monate später drehen sich die Gespräche um einen anderen Bruch.

Wild fällt aus

Am Mittwoch zog sich Simone Wild im Training auf der Diavolezza eine Schienbeinfraktur zu – notabene 24 Stunden nachdem Carlo Janka an gleicher Stätte einen isolierten Kreuzbandriss erlitten hatte. Der Bündner hat die Saison noch nicht abgehakt; er versucht, mithilfe seines Manualtherapeuten eine Operation zu umgehen.

Die Zürcherin wäre in Sölden zumindest auf dem Papier die Teamleaderin gewesen; in der Weltrangliste ist die 23-Jährige auf Position 15 zu finden. Was eingangs erwähnte Zahl ins richtige Licht rückt. Die Schweiz verfügt zwar über ein halbes Dutzend Weltklasseathleten, hat sich aber primär in die Breite entwickelt.

Als Männerchef Thomas Stauffer 2014 in Sölden debütierte, standen ihm sieben Plätze zur Verfügung; nun sind es zehn. Er dürfte das Kontingent trotz Jankas Absenz ausschöpfen, der Ersatzmann heute bestimmt werden. Flatscher belässt es beim Sextett. «Für die nächste Generation ist dieser Hang zu schwierig», stellt er klar.

Bessere Mannschaft als letzte Saison

Flatscher und Stauffer sind denn auch weit davon entfernt, sich bei der Beurteilung des letzten Winters am Medaillenregen von St. Moritz zu orientieren. Der Österreicher spricht von einer «anständigen Saison», sagt: «An einer Heim-WM gibt es nur weiss oder schwarz, und wir waren zum Glück auf der hellen Seite.»

Stauffer erklärt die markante Divergenz zwischen Weltcup und WM mit dem Fakt, wonach es in den ersten Monaten darum gegangen sei, Angeschlagene an die Spitze zurückzuführen. «Mannschaftsmässig stehen wir heute ein bisschen besser da als vor einem Jahr», resümiert der 48-Jährige.

Flatscher äussert sich zurückhaltender; die Ausfälle von Gut, Michelle Gisin, Wild und Camille Rast (Drüsenfieber) führen in der kleinen Frauenequipe zu Lücken, die sich kaum schliessen lassen. «Positiv ist, dass wir bei unseren Versehrten von Wochen reden, nicht von Monaten», hält er fest.

Die Jahrgangsbesten kommen

Was die Ausgangslage für den Prolog in Sölden betrifft, finden sich Parallelen zur WM in St. Moritz. Ein erfreuliches Gesamtergebnis lässt sich dann ­erzielen, wenn die eine oder der andere über sich hinauswächst. Letzteres scheint realistischer zu sein, der Materialreform sei Dank.

Alles wird der Wechsel vom 35-Meter- auf den 30-Meter-Skiradius nicht über den Haufen werfen, von punktuellen Änderungen der Kräfteverhältnisse darf aber ausgegangen werden. Der Fakt, wonach der Schwung weniger Krafteinsatz erfordert als früher, spricht ebenso für Aufstrebende wie die oft zu vernehmende Ansicht, dass sich ein Fehler einfacher korrigieren lässt.

Loïc Meillard gilt als weltbester Riesenslalomfahrer mit Jahrgang 1996, der nach verheiltem Meniskusschaden zurückkehrende Marco Odermatt ist bei den 97ern die Nummer 1. Meillards um zwei Jahre jüngere Schwester Melanie fuhr in der letzten Saison auf Anhieb in die erweiterte Weltspitze. Bleiben die Begabten von Verletzungen verschont, könnte der Ertrag in absehbarer Zeit ebenso beeindruckend sein wie dieser Tage das Aufgebot.

Berner Zeitung

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