«Das wäre mein Ende gewesen»

Nach einem Sturz vor sieben Jahren drohte Mauro Caviezel das Aus. Nun gehört er zu den besten Speedfahrern.

4 Speedrennen, 3 Podestplätze: Mauro Caviezel. Foto: Getty Images

4 Speedrennen, 3 Podestplätze: Mauro Caviezel. Foto: Getty Images

Bei der Präsentation der Atomic-Fahrer Mitte Oktober in Altenmarkt gab es um einige Fahrer gehörig Wirbel. Sie standen im Abseits – was dachten Sie sich dabei?
Nicht viel. Ich war es mir ja gewohnt.

Nächsten Herbst wird es anders sein.
Vielleicht. Aber richtig unruhig dürfte es um mich herum wohl nie werden. Andere Fahrer stehen schon extrem im Fokus. Aber die verdienen die Aufmerksamkeit auch.

Vor der Saison hiess es: Der Caviezel fährt im Training allen davon...
…ja, ja, aber was hatte ich davon? Klar, wir haben Feuz im Team, einen echten Gradmesser. Und doch wusste ich nicht hundertprozentig, wie gut die Form sein würde. Vor allem die Abfahrt lässt sich im Sommer nicht wirklich simulieren, nur schon wegen der Tempoabstimmung. Es kann dann schnell gehen, und man steht Anfang Winter neben den Schuhen, beginnt mit Grübeln. Ich bin froh, kann ich es nun ein wenig lockerer nehmen.

Empfinden Sie Ihre drei Podestplätze in den ersten vier Speed-Rennen als Genugtuung für die vielen Rückschläge in der Vergangenheit?
Die Resultate zeigen: Es hat sich gelohnt, auf die Zähne zu beissen, den Glauben ans Gute nicht zu verlieren, auch wenn es immer wieder Ohrfeigen gab. Ich musste viele Zusatzmeilen gehen. Nun kommt etwas zurück.


Video: Zweiter Podestplatz der Saison für Caviezel

Der Schweizer überzeugt aktuell auch im Super-G. Video: SRF


Der Lohn für den Schmerz?
(überlegt) Es gab eine Zeit, da hing meine Karriere an einem seidenen Faden.

Dachten Sie ans Aufhören?
Über ein Jahr nach meinem Sturz in einem FIS-Riesenslalom 2011 konnte ich nicht schmerzfrei Treppen steigen. Ich wurde von einem Spezialisten zum nächsten geschickt, aber niemand wusste, was Sache ist. Man hatte mich bereits zu zwei weiteren Operationen angemeldet, sodass ich ein drittes Jahr in Folge ausgefallen wäre. Das wäre mein Ende gewesen. Glücklicherweise fand ich den Weg zu meinem Therapeuten Rolf Fischer, dank ihm wurde alles besser. Die Operationen wären Schwachsinn gewesen, das wurde mir im Nachhinein bewusst.

Sie sollen gar im Rollstuhl gesessen haben.
Das wurde aufgebauscht von zwei, drei Leuten. Mein Kreuzband war gerissen und die Schulter kaputt. Also stellte man mir den Rollstuhl hin, weil ich kaum an Krücken gehen konnte. Mir war das unangenehm, weil jene, die wirklich auf den Rollstuhl angewiesen sind, weitaus grössere Sorgen haben. Noch am gleichen Tag gab ich ihn zurück.

Hat Sie die schwierige Zeit als Mensch verändert?
Ich war früher sehr ungeduldig, wollte alle Ziele schnell erreichen. Mit den Verletzungen fand ich meine innere Ruhe und lernte, auf meinen Körper zu hören. Das war ein extrem wichtiger Prozess, schliesslich konnte mir niemand einen Zeitplan garantieren. Es gab eine Phase, da ging es mir nur noch darum, irgendwann wieder ein normales Alltagsleben führen zu können, weil ich nach anderthalb Jahren noch immer nicht Fussball spielen, nicht Treppen steigen konnte.

Wer unterstützte Sie während dieses Prozesses?
Wichtig war mein Bruder Gino. Dank ihm war ich auch mit dabei im Weltcup, er lenkte mich ab, zumal er in dieser Zeit seine ersten guten Resultate herausfuhr. Ohne Abstand ging es aber nicht: Ich flog nach Australien, der Aufenthalt war ein Mix aus Therapie und Schule. Surfen konnte ich leider nicht – es war nicht der Australien-Trip, den Sie sich vorstellen. (lacht)

Gino fand vor Ihnen im Weltcup Anschluss. Die Kräfteverhältnisse haben sich längst verschoben. Wie geht er damit um?
Wir schauen gut zueinander, treiben uns an. So provozieren wir uns im Training jeweils, im positiven Sinn natürlich. Gino wird jetzt sicher oft darauf angesprochen, spürt den grösseren Druck von aussen. Früher war es genau umgekehrt. Manchmal wird man von den negativen Signalen und Strömungen regelrecht überflutet, aber damit muss man umgehen können.

Wie empfanden Sie diese negativen Signale?
Ich dachte: So, jetzt kämpfst du dich mit letzter Kraft irgendwie zurück. Dann ging ich zum Arzt, und er fragte, ob ich das alles überhaupt noch auf mich nehmen wolle. Solche Dinge will man nicht hören, das bringt dich nicht weiter. Es waren wenige Leute, die noch richtig an mich geglaubt hatten; das war schade, aber anhand dieser Entwicklung baute ich mein Umfeld auf. Es gab Leute, bei denen staunte ich, dass sie nicht mehr hinter mir standen. Als es wieder lief, waren sie dann sofort wieder da.

Wie erklären Sie sich, dass Sie nach den Pausen jeweils rasch wieder den Anschluss fanden?
Einerseits bereitete mich mein Therapeut optimal auf die Comebacks vor. Andererseits gelang es mir, ohne Angst auf die Piste ­zurückzukehren. Ich fand das Vertrauen in meinen Körper sehr schnell, Gespeichertes konnte ich rasch wieder abrufen.

Dachten Sie manchmal: Weshalb trifft es immer mich?
Im Sommer 2015 brach ich mir das Wadenbein, einige Monate später erlitt ich im Aufbautraining eine ähnliche Verletzung. Als alles wieder gut war, stürzte ich wieder, die ganze Hand war ausgerenkt, und ich hätte beinahe einen Finger verloren. Da dachte ich: Hey, das gibt es doch gar nicht! Aber ich hörte sehr schnell mit dem Hadern auf. Schmerzen sind nichts Schönes, aber Peanuts im Vergleich zu anderen Schicksalen.

An wen denken Sie?
Silvano Beltrametti ist ein gutes Beispiel, er imponiert mir enorm. Seine Aura, den Kampfgeist, den er ausstrahlt, wie er trotz seiner Beeinträchtigung Sport treibt – das ist sensationell. Wir tauschen uns oft aus, und sogar Silvano sieht, dass es anderen schlechter geht als ihm. Er hat mir einmal von einem kleinen Mädchen erzählt, das neben ihm gelegen habe, dem es gar nicht gut gegangen sei. Das hat mich geprägt.

Spüren Sie, wie die Konkurrenten nach Ihren Erfolgen anders mit Ihnen umgehen?
Ich verstehe mich mit fast allen gut. Auffallend ist, dass ich stärker beachtet werde. Einige suchen oft das Gespräch mit mir.

Im Super-G von Gröden werden Sie die rote Startnummer des Disziplinen-Leaders tragen. Haben Sie Ihre Ziele nach oben korrigiert?
Nach zwei Rennen hat das noch keine grosse Bedeutung. Die rote Nummer ist schön, ich werde sie vielleicht einrahmen lassen. Wichtig ist, konstant vorne mitfahren zu können. Ich bin schon 30, habe aber 3, 4 Jahre verpasst. Und deshalb noch viel vor.

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